Aktionen gegen Azubi-Notstand
Woche der Ausbildung eröffnet

Wort- und argumentreich lobten alle Diskussionsteilnehmer die duale Berufsausbildung als gute Grundlage für eine erfolgreiche Karriere. Von links: SE-Center-Geschäftsführer Sezayi Er, MdL Tobias Reiß, IHK-Präsident Gerhard Witzany, Konditorei-Geschäftsführerin Barbara Kohr, Wirtschaftsclub-Präsident Jürgen Spickenreuther, MdL Annette Karl, OB Kurt Seggewiß, VbW-Geschäftsführer Hermann Brandl und HWK-Vizepräsident Albert Vetterl. Bild: Bühner
 

Immer mehr Schulabsolventen wollen studieren. Deshalb hat die Bayerische Staatsregierung zur Woche der Aus- und Weiterbildung ausgerufen. Im Mittelpunkt: die Vorteile einer betrieblichen Berufsausbildung und die Karriereaussichten, die sie bietet.

Bei einer großen Auftaktveranstaltung am Freitag in der Europaberufsschule nahm die bayernweite Woche der Aus- und Weiterbildung in der nördlichen Oberpfalz Fahrt auf. Schulleiter Josef Weilhammer hatte zusammen mit Projektleiter Michael Bäumler zum Ausbildungserlebnistag eingeladen. Während die Prominenz aus Politik und Wirtschaft in einer Podiumsdiskussion mit vielen Argumenten für die duale Ausbildung warb, boten rund 50 Aussteller in verschiedenen Räumen Informationen über einzelne Ausbildungsberufe und über Fortbildungsmöglichkeiten an.

Für duale Ausbildung


In der fast voll besetzten Aula forderte Weilhammer: "Wir müssen den Wert der dualen Ausbildung wieder mehr in die Köpfe von Schülern und ihren Eltern transportieren." Der Schulleiter sprach von einem bereits bestehenden "Azubi-Notstand in einigen Berufen". Prognostiziert werde für die kommenden Jahre ein zusätzlicher Bedarf von mehr als 200 000 Auszubildenden gegenüber 40 000 Akademikern.

Diese Steilvorlage für eine Diskussion zum Thema Akademikerflut wurde jedoch nicht aufgenommen. Vielmehr hoben die Teilnehmer der von Wirtschaftsclub-Präsident Jürgen Spickenreuther moderierten Podiumsdiskussion einhellig den hohen Wert der dualen Ausbildung für Wirtschaft, Gesellschaft und Konjunktur hervor. Handwerkskammer-Vizepräsident Albert Vetterl fand, "dass es nichts Schöneres gibt, als die Selbstständigkeit anzustreben". Auch künftig werde der Facharbeiter gutes Geld verdienen, denn bis 2030 könnten in Deutschland 9 Millionen Facharbeiterstellen nicht besetzt werden.

IHK-Präsident Gerhard Witzany berichtete aus seiner Nabaltec AG: "Unsere Führungstalente holen wir aus der eigenen Ausbildung heraus." Zudem stellte er fest: "Wenn ein Student sich nicht weiterentwickelt, bleibt er ein kleiner Angestellter." Nach einer dualen Ausbildung stehe die gesamte Breite der Weiterbildung offen, sagte Witzany. Oberbürgermeister Kurt Seggewiß empfahl als ehemaliger Berufsberater, dass Schüler und Eltern "den passenden Berufsweg erkennen sollen". Für die eher "praktisch veranlagten Jugendliche bieten sich durch eine Berufsausbildung ungeheuer viele Möglichkeiten". Nach Seggewiß' Erfahrungen gibt es auch noch zu viele Jugendliche ohne Schul- oder Berufsabschluss. Er erinnerte an die Möglichkeit einer Ausbildung in Teilzeit.

In der Praxis verankert


VBW-Geschäftsführer Hermann Brandl ist "heilfroh, dass wir in Bayern einen so hohen Anteil des produktiven Gewerbes haben," und sieht deshalb für Facharbeiter attraktive Berufschancen. MdL Annette Karl hielt fest, dass "das Thema Studium von staatlicher Seite sehr in den Fokus genommen wurde". Ihre Partei habe immer "die Kostenfreistellung von Meisterausbildung genauso wie das Studium gefordert". MdL Tobias Reiß erinnerte Eltern, "deren Kinder es besser haben sollen", daran, dass "Ausbildung dafür eine sehr gute Basis ist". Wer eine solche absolviert, wisse, "wie die Praxis aussieht". Reiß empfahl wie die meisten anderen Diskussionsteilnehmer, "Studium und duale Berufsausbildung nicht gegeneinander auszuspielen".

Als Erfolgsbeispiele für eine berufliche Karriere nach einer für die duale Berufsausbildung wurden Konditorei-Geschäftsführerin Barbara Kohr, SE-Center-Geschäftsführer Sezayi Er und der zukünftige Sparkassen-Betriebswirt Thomas Wittmann vorgestellt. Alle drei schilderten ihren persönlichen Erfolgsweg im Anschluss an eine duale Ausbildung.

Etwas zu kurz gedacht

Von Siegfried Bühner

Für die duale Ausbildung zu werben, ist grundsätzlich richtig . Schließlich wird die Facharbeiterlücke immer größer. Ob aber das Berufswahlverhalten durch Argumente wesentlich beeinflusst werden kann, bleibt fraglich.

Schon seit Jahrzehnten bemühen sich zum Beispiel Politiker, Verbände und Arbeitsverwaltung weitgehend vergeblich, Frauen für typische Männerberufe und Männer für Frauenberufe zu interessieren. Man schaue nur einmal in die Kindergärten und suche dort nach einem Mann. Hier ist eher die Sozialpsychologie gefordert oder vielleicht auch nur der Marktmechanismus.

Vielleicht ist es am Ende auch nicht mal so sehr wichtig, ob jemand zuerst ein Handwerk lernt oder Abitur macht und studiert. Erfolg zu haben, hängt von der Persönlichkeit ab. Da spielen wieder die alten traditionellen Tugenden wie Fleiß, Ausdauer, Selbstverantwortung und vor allem Arbeits- und weniger Freizeitorientierung eine Rolle.

Die "Role Models" bei der Eröffnungsveranstaltung der Woche der Aus- und Weiterbildung haben dies bewiesen. Die Eltern, die meinen, dass allein das Abitur der Schlüssel zum besseren Leben ist, sollten sich darüber Gedanken machen. Wenn dem Nachwuchs die wichtigsten Tugenden fehlen, bleibt der Erfolg überall aus. Den Umweg über ein schlechtes Abitur oder ein abgebrochenes Studium sollte man seinen Kindern ersparen.

redws@derneuetag.de
Wir müssen den Wert der dualen Ausbildung wieder mehr in die Köpfe von Schülern und ihren Eltern transportieren.Josef Weilhammer, Leiter der Europa-Berufsschule
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