Betrugsvorwurf: Michael S. verstrickte sich in dubiose Finanzgeschäfte
Familienunternehmen verzockt

"Es war kurz davor, dass die Firma über den Jordan geht und damit 160 Arbeitsplätze." Die Buchhalterin (48) ringt um Fassung. 22 Jahren ist sie im Unternehmen. "Ich war immer sehr stolz darauf." Bis sie in den Jahren 2011 bis 2013 hilflos ansehen musste, wie sich ihr Chef Michael S. in dubiose Finanzgeschäfte verstrickte.

(ca) Die Buchhalterin hat diese Zahlungen angewiesen. Über 70 Überweisungen auf den Weg gebracht. "Insgesamt waren es so zwischen 9 und 12 Millionen Euro", sagt die 48-Jährige am Dienstag vor Gericht mit leiser Stimme. Das Geld floss auf Konten in aller Welt, die Geschäftsfreund Wolfgang S. aus Mallorca benannt hatte. Seit Juli muss sich der 68-Jährige vor der 1. Großen Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Walter Leupold wegen Betrugs verantworten.

Von Beginn an abgeraten

Seit dem Tod des Vaters 1991 hatte Michael S. (51) mit seinem älteren Bruder (65) das Familienunternehmen geführt. Der Jüngere war Betriebswirt, der Ältere Techniker. Die Firma stand gut da. "Es hat auch kein böses Wort gegeben. Die Brüder hatten keinen Grund, sich zu misstrauen", sagt die Buchhalterin. Bis vor fünf Jahren. Da wurden Michael S. lukrative, kurzfristige Darlehensverträge mit Wolfgang S. angeboten. Die Buchhalterin riet von Anfang an eindringlich ab: "So viel Rendite! Das gibt es doch nicht."

Am 22. 11. 2011 druckte sie ihrem Chef sogar einen Artikel über Vorschussbetrug der "Pakistan-Billionäre" aus: gleiche Masche, anderer Ort. Als Michael S. den Angeklagten damit konfrontierte, legte der noch eine Schippe drauf: Wolfgang S. sandte per E-Mail einen Beleg des "US-Department of The Treasury", der seine Story quasi besiegelte. 833 US-Dollar stünden zur Auszahlung bereit. Am 24. 11. ließ Michael S. die Buchhalterin 678 000 Euro anweisen. "Es war ein Teufelskreis. Es war schon so viel Geld rausgegangen, das man wieder haben wollte", erklärt die Buchhalterin das Verhalten ihres Chefs: "Er glaubt an das Gute im Menschen."

Auch die Hausbank in Weiden warnte. "Was ist das für eine komische Anlage?", fragte die Bankkauffrau, als Michael S. im September 2012 seine Kontokorrentlinie ausgeschöpft hatte und 750 000 Euro wollte. Sie stellte mit ihrem Abteilungsleiter eine Verdachtsanzeige bei der hauseigenen Compliance-Abteilung.

Der Abteilungsleiter der Bank schildert vor Gericht ein Gespräch mit Michael S.: "Er erklärte mir, dass seine Firma zehn Millionen Euro an Herrn S. irgendwohin überwiesen hätte. Jetzt fehlen noch 750 000 Euro an Gebühren, dann bekäme er 20 Millionen zurück." Wie er das fand? "Suspekt, dubios!" Zumal die 750 000 Euro auf ein Konto nach Singapur gehen sollten.

Dahin floss die dreiviertel Million am Ende auch. Michael S. war nicht zu bremsen. Erst in einer Gesellschafterversammlung im November 2012 wurde ihm die Vollmacht über das Firmenkonto entzogen. Ein Interimsmanager übernahm das Ruder. Der sagt: "Es war knapp." Dank eines Depots und einer positiven Fortführungsprognose ließen sich die Banken besänftigen, der Betrieb konnte stabilisiert werden.

Der ältere Bruder hatte diese Gesellschafterversammlung gefordert, als er nach und nach das Ausmaß des Schadens ahnte. Die Geschichten von Wolfgang S. glaubte er nicht eine Sekunde: "Für mich war das alles ein Märchen. Man hat nie was schwarz auf weiß gekriegt."

"Bizarrer Auftritt"

Als "bizarre Veranstaltung" beschreibt der Bayreuther Dr. Matthias Fleischmann, Rechtsanwalt des älteren Bruders (65), die Festnahme von Wolfgang S. im April 2013 im Unternehmen in Kastl. Ursprünglich war ein Krisengipfel der beiden Brüder plus Anwälte anberaumt. Mit am Tisch saß eine Wirtschaftsdetektei, die der Ältere engagiert hatte. "Es war der finale Tag. Wir hatten uns drei Stunden freigehalten, um alle Überweisungen nachzuvollziehen", berichtet Anwalt Fleischmann. Helmut Miek, dem Verteidiger von Wolfgang S., rutscht heraus: "Wir versuchen das seit 23 Verhandlungstagen."

Geld ist weg

Keiner ahnte, welcher "Ehrengast" gleich kommen würde, als sich Michael S. kurz aus dem Raum entfernte. "Dann trat Wolfgang S. mit großer Geste auf. Er hat eine Barclays-Überweisung auf den Tisch gedonnert: Die Sache sei damit erledigt." Fleischmann misstraute dem Papier ("zusammenkopiert"). Mit seinem Mandanten verabredete er auf dem Flur, den Kommissar für Wirtschaftskriminalität in Weiden zu alarmieren. "Er sagte, er könne in einer halben Stunde da sein." Solange hielt man Wolfgang S. hin.

Auch der Kommissar (Vernehmung Mitte Dezember) hat in aller Welt versucht, das Geld aufzutreiben. Es gelang ihm ebenso wenig wie den Detekteien. "Es war hoffnungslos", sagt der ältere Bruder, der "natürlich" noch mit seinem Bruder rede. Am Ende wurde die Firma im Mai 2014 verkauft. Der Jüngere bekam nichts aus dem Millionenerlös, ist dafür schuldenfrei. "Ich hoffe für ihn, dass er sein Geld noch bekommt."
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