"Boomtown" ohne Geld

Weiden hat mehr zu bieten, als Münchner Fernsehmacher vermuten. Viel mehr. Oberbürgermeister Seggewiß schildert seine Stadt als Boomtown, die eigentlich nur ein Problem habe: kein Geld.

Die "Schöne Oberpfalz" ist auch dem Oberbürgermeister ein Dorn im Auge. Der umstrittene Beitrag im Bayerischen Fernsehen - "finanziert mit Steuergeldern" - werfe Schlaglichter auf eine vermeintliche Hinterwäldler-Region, lasse deren Stärken völlig außer Acht - und Weiden so gut wie gar nicht vorkommen. "Ganz schlimm", stöhnt Kurt Seggewiß. Und er zitiert Wirtschaftsförderin Cornelia Fehlner: "Das macht die Arbeit der letzten zwei Jahre kaputt." Denn Weiden versuche, eine Willkommenskultur auch für Fachkräfte zu entwickeln, Großstädter in eine lebens- und liebenswerte Region zu locken. Der BR grätschte dazwischen. Seggewiß: "Das tut weh."

Die Max-Reger-Stadt hat mehr zu bieten, als die Münchner vermuten. Viel mehr. Das will Seggewiß zusammen mit den Dezernenten Cornelia Taubmann und Hermann Hubmann im Vorfeld des Empfangs der Stadt (Sonntag, 11 Uhr, Max-Reger-Halle) belegen. Wahlkampf kann man ihm dabei - fünf Jahre vor dem nächsten Urnengang - wohl nicht unterstellen. Weshalb auch das Hauptproblem offen zur Sprache kommt: "Die Stadt hat kein Geld."

Agonie überwunden

Berlin macht so was sexy. Und Weiden? "Weiden ist durchaus anziehend", glaubt Hubmann hinsichtlich Beschäftigter aus anderen Regionen. "Die meisten tun sich zwar schwer herzugehen. Aber wenn sie mal da sind, bleiben sie auch." Nach der Agonie der letzten Schröpf-Jahre sei es ab 2007 - der Wahl Seggewiß' zum OB - konsequent aufwärts gegangen. Vorbei die Zeiten, als es den Reger-Städtern schon fast peinlich gewesen sei, sich zu ihrer Herkunft zu bekennen, wie Hubmann zurückblickt: Überall seien sie damals auf die "Weidener Verhältnisse" angesprochen worden.

Kämmerin Taubmann erinnert an die Gewerbeansiedlungen (OWS etc.), Neubauten (Samhammer, Microsyst, Aerofit etc.) und Großinvestitionen (z. B. Witt 100 Millionen Euro, NT 36 Millionen Euro) in den vergangenen sieben Jahren. Nicht zuletzt die Pläne für das Gewerbegebiet West IV dokumentierten die Aufwärtsentwicklung. "Es wird zwar viel gejammert", findet Hubmann. "Aber auf hohem Niveau."

Rekord und "rote Laterne"

Rund 26 600 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte (davon 16 000 Einpendler) gibt es jetzt in Weiden - Rekord. 2005 waren es noch 4300 weniger. Die Arbeitslosenzahlen nahmen im selben Zeitraum von 3326 auf 1618 ab. 70 Prozent davon sind Langzeitarbeitslose. Der Grund, weshalb Weiden momentan bei seiner Arbeitslosenquote die "rote Laterne" unter den kreisfreien Städten in der Oberpfalz hat. Diese "verkrustete Arbeitslosigkeit" müsse aufgebrochen werden.

Auf gesellschaftliche Herausforderung reagiere mit Stadt unter anderem mit Arbeitsmarktinitiative, Demografie- oder seniorenpolitischen Konzepten. Seggewiß kündigt an, den Fachkräftemangel künftig verstärkt auch mit Hilfe von Flüchtlingen zu bekämpfen. Apropos: Extremismus habe in Weiden keine Chance. "Es gibt keine ,WENgida'. Wir lassen uns nicht entzweien." Und die Stadt, versichert Taubmann, lasse sich in ihrem Vorwärtsdrang nicht aufhalten. Auch nicht vom Geldmangel, der aus "unterdurchschnittlicher Gewerbesteuer und überdurchschnittlichem Sozialhilfeaufkommen" resultiere.

Aber: "Trotz schwieriger Bedingungen haben wir immer einen genehmigungsfähigen Haushalt hinbekommen." Und sich - dank kreativer Lösungen - etwa einen FOS/BOS-Neubau leisten können, der auch noch um 560 000 Euro billiger ausfällt als geplant. Konsequent zapfe die Stadt Fördergelder an. Seit 2007 insgesamt 22 Millionen Euro. Die Investitionssumme liegt demnach bei über 50 Millionen.

Kreatives Sparen ist angesagt. Für die Kämmerin ein gutes Beispiel: die Übernahme der Parkdecks durch die Stadtbau. Bei den freiwilligen Leistungen, so bedauert sie, habe die Stadt "über Jahrzehnte über ihre Verhältnisse gelebt". Das jährliche Defizit - 7 Millionen Euro - sei noch zu hoch. Dennoch gibt's schon mal mehr Leistung - so der Freistaat will. Beispielsweise beim Internet. Bis 2016, so Seggewiß, könnten die Nutzer in ganz Weiden ("einschließlich Weiden-Land") auf Breitbandverbindungen abfahren. Auch so eine Maßnahme, um die Attraktivität der Stadt zu steigern.

Flut von Bewerbungen

Als attraktiver Arbeitgeber wird offenbar die Stadtverwaltung wahrgenommen. Taubmann zählt eine Reihe von überregionalen Auszeichnungen auf ("Wirtschaftsfreundliche Kommune 2013", "Nachhaltiger Beitrag zum Klimaschutz 2014"), Hubmann die Ergebnisse der jüngsten Stellenausschreibungen: 25 Bewerbungen für Sozialpädagogen-Stellen, 38 gar für die Geschäftsführung der Max-Reger-Halle. Von denen sei keine aus Weiden und Umgebung, sagt Seggewiß. Womöglich hält sich der Flurschaden durch den BR-Beitrag ja doch noch in Grenzen.
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