Endlich selbst mal abhängen
Metzgerei Baierl schließt nach 44 Jahren

Mehr Zeit für sich statt für Würste: Rosa Maria und Manfred Herkenhoff verabschieden sich mit Beginn der Sommerferien aus ihrem Geschäft in der Schabnerstraße. Bild: Götz
 
Der Bratwurstliebhaber und sein Fan. Seniorchefin Rosa Baierl und Manuel Neuer verstanden sich prächtig. Bild: privat

Darf's kein bisschen mehr sein? Diese Frage wird in der Metzgerei Baierl in den nächsten Wochen von der Kundenseite der Theke zu hören sein. Die Antwort von Rosa Maria und Manfred Herkenhoff fällt dann immer gleich aus: Nein, wir haben genug gewurstet und gewerkelt, am 30. Juli sperren wir für immer zu.

Rosa Maria Herkenhoff ist schon etwas mulmig vor der Zeit, die vor ihr liegt. Offiziell arbeitet sie im väterlichen Geschäft, seit sie mit 14 dort ihre Lehre begann. Mit angepackt hat sie jedoch schon viel früher, mit elf, zwölf Jahren. "Wenn mich Freundinnen nach der Schule zum Spielen abholen wollten, hat mein Vater sie weggeschickt: ,Die hat keine Zeit, wir haben Arbeit.'"

Heute lacht die 59-Jährige über die Strenge des Elternhauses, auf das sie nichts kommen lässt. Doch Vater Hugo und Mutter Rosa Baierl sind nicht nur Vorbilder: "Ende Juli ist Schluss, weil wir von den nächsten Jahren noch etwas haben wollen. Wir wollen nicht vom Laden ins Krankenhaus wie die Eltern", denkt das Ehepaar an eine Zukunft mit Ausschlafen, Stadtbummeln, Konzerten und Kurztrips. Und dann ist da noch die ehemalige Seniorchefin. Als Seele des Betriebs soll sie sich auf die Pflege ihrer Tochter verlassen können.

Manfred ist 67, steht ab 5 Uhr in der Wurstküche und zieht die Schürze erst um 19 Uhr aus. Seine Frau kennt es nicht anders: 5 Uhr Laden einräumen, kurz vor 6 Uhr die ersten Kunden, kein Mittag, bis 20 Uhr aufräumen und putzen. "Das war ganz lang mein Leben." Das Wort Urlaub war zwischen Kühlraum und Aufschnitt-Maschine so beliebt wie Rindsrouladen in der Veganer-WG. Bis zum 21. Geburtstag. Da gönnte sich Rosa Maria Baierl eine Metzger-Reise nach Jamaika. Von der brachte sie einen Kollegen aus Osnabrück mit, von dem sie zwei Kinder und den Nachnamen Herkenhoff hat.

Nah am Zusammenbruch


Der Niedersachse hat nicht lange gebraucht, sich einzuleben. "Einmal hat ein Kunde zu mir gesagt, dass ich als Preiß ganz gute Weißwürste mache", lacht er. Doch so lustig ist sein Metier nicht mehr. "Beim letzten Weihnachtsgeschäft wäre er mir beinahe zusammengebrochen. Wir können nicht mehr, wir sind erschöpft", betont seine Frau. Damit stirbt eine 44 Jahre andauernde Sulz- und Schinkentradition, die der Weidener Stadtgeschichte pikante Geschmacksnoten verpasst hat. So exotische wie "Wurst & Schmuck" zum Beispiel. Galerist Jürgen Prüll, damals Nachbar der Herkenhoffs am Unteren Markt, veranstaltete mit ihnen 2002 einen internationalen Wettbewerb für Designer: Sie sollten Fleischer- und Goldschmiedehandwerk in ihren Arbeiten vereinen.

Dazu reichten 28 Künstler von Japan bis Belgien 122 Kreationen ein. Siegerin wurde die Dänin Trine Wilkens mit einer goldenen Halskette aus Wurstdarm. "Ich hatte alle Stücke in meiner Fleischtheke ausgestellt", erinnert sich Rosa Maria gerne an den weltweit wohl einmaligen Kunst-Gag, der "eine wunderbare Freundschaft" mit Jürgen Prüll gefestigt hat.

Brotzeit für Strauß


Die beiden arbeiteten weiter gut zusammen und schickten Kunden gerne mal von der einen zur anderen Ladentür. Manchmal überaus kaufkräftige. Ein Win-win-Konzept, mit dem die beiden Handwerker jedes Marketingseminar für Manager aufmischen könnten.

Ja, die Kunden. Wenn Rosa Maria Herkenhoff in der Vergangenheit kramt, tauchen erstaunliche Namen auf. In den 70er Jahren Gustl Lang, Friedrich Zimmermann und Franz Josef Strauß. Die drei hatten die Matratzenfirma Rasch besucht und schauten anschließend in der Bahnhofstraße bei Hugo Baierl auf eine Brotzeit vorbei.

Rosa Maria und ihr Mann halten sich aus der Politik raus, der Seniorchef bekannte sich jedoch zeitlebens zur CSU. Das hatte zur Folge, dass ein junger Mann namens Hans Schröpf eines Abends anno 1976 mit Hugo Baierl die Wurstküche plünderte. Der Finanzbeamte war gerade zum Oberbürgermeister gewählt worden und hatte wohl nicht unbedingt damit gerechnet. "Plötzlich musste er eine Party schmeißen und holte alles, was an Käsewürsten da war", erinnert sich die Tochter des Metzgermeisters.

Oft Gast in Seltmann-Villa


Als amtierender OB saß Schröpf dann öfter in der Küche hinter dem Verkaufsraum und plauderte mit dem Vater über das Stadtgeschehen. Rosa Maria war nicht nur deswegen immer auf dem Laufenden, sondern nicht zuletzt durch eine intensive Freundschaft zu Maria Seltmann, die die Baierl-Herkenhoffs regelmäßig belieferten. "Die hat sich selber immer gekocht", erzählt die Metzgerin von langen, langen Abenden in der Fabrikantenvilla. "Wenn ich das heute so über ihre Stiftung lese, da reime ich mir auch manches zusammen", schmunzelt sie.

Apropos Villa: Die Geschäftsbeziehungen der Wurstspezialisten erstreckten sich bis zu einem Barockpalast am Canale Grande in Venedig. Der gehört dem spanischen Pianisten Enrique Pérez de Guzmán. Rosa Maria kam über Thomas Kaes vom Weidener Kammerorchester mit ihm in Kontakt. "Er hat bei mir die erste Leberkässemmel seines Lebens probiert." Die führte zu einer Einladung nach Italien inklusive Privatkonzert im Palazzo sowie mehrerer Bauernseufzer- und Leberkäspakete Richtung Lagune.

Ein anderer Kunde, der in China lebt, bestellt Wurst für Privatfeiern in Fernost schon per SMS vor dem nächsten Heimatbesuch vor. Auch ein bekannter Kölner orderte Honigschinken und Obatztn aus Weiden für ein Abendessen mit Freunden. Dieser Toni Schumacher gab bei einer Benefizveranstaltung vor dem Alten Eichamt Autogramme und lernte die Herkenhoffs über ihre Weißwürste kennen, die es gleich nebenan gab.

Nicht nur der ehemalige Nationaltorhüter, auch andere Sportler weichten ihre Ernährungspläne schon mal für ähnliche Spezialitäten auf. Der kanadische Eishockey-Star Dustin Whitecotton zum Beispiel, zeitweise ein dicker Kumpel von Herkenhoff-Tochter Madeleine. "Der isst für sein Leben gern Steaks."

Am Abend, wenn es im Geschäft in der Schabnerstraße ruhiger zuging, ließ sich ab und an Manuel Neuer blicken. Seine damalige Freundin Katrin und ihre Familie gehören zur Stammklientel. "Schade, dass er Schluss gemacht hat", seufzt Rosa Maria. "Er hat Bratwürste geliebt, Sulz und Ringelwurst." Der Torwart-Titan ist ihr als unkomplizierter Kerl in Erinnerung. "Als er meine Mutter mal nicht mehr im Laden gesehen hat, hat er sich gleich erkundigt, wie es ihr gesundheitlich geht."

Der luxemburgische Konsul in Tschechien und seine Frau - inzwischen "der Frank und die Jana" - oder die französische Botschaft in Prag: Kunden dieses Kalibers haben nur noch diesen Sommer Gelegenheit, ihren Bedarf an gut abgehangenem Fleisch in der Schabnerstraße zu decken.

Vertrackte Vorschriften


Auch wenn der Laden inzwischen mit einer respektablen Feinkostabteilung von sich reden macht: Nobel- und Promi-Metzgerei wollten die Inhaber nie sein. Die Chefin denkt mit Wehmut an die wurstseligen 70er Jahre in der einstigen Industriestadt zurück. "Damals sind die Bauscher-Arbeiter in der Früh und am Nachmittag gekommen, dann die Detaggerer und dazwischen die Hausfrauen, die noch richtig gekocht haben." In einer Zeit, als es aus einem Stück am Sonntag Braten, am Montag Gröstl mit Knödel und am Dienstag Rindfleischsalat gab, war die Einzelhandelswelt noch in Ordnung.

Der Baierl-Metzger hatte zeitweise bis zu 20 Mitarbeiter. Heute dagegen sieht Manfred Herkenhoff schwarz für Familienmetzgereien. "Wer tut sich denn das noch an? Die Vorschriften werden immer schlimmer. Und ein Nachfolger müsste alles renovieren, weil es die EU und der deutsche Verwaltungsapparat so wollen." Gut, dass die wenigstens früher bei Kettchen, Armreifen und Ringen in der Auslage weggeschaut haben.

44 Jahre FamilienbetriebÜber einen Verwandten lernte der Regensburger Metzger Hugo Baierl in den 60er Jahren die Schnaittenbacherin Rosa Biller kennen. Als sich die Gelegenheit bot, eine Filiale in Weiden zu leiten, schlugen die beiden zu. Von der Familie Schnödt kauften sie 1972 ein Haus in der Schabnerstraße/Ecke Bahnhofstraße, das bis heute Wohnung und Stammsitz der Metzgerfamilie ist.

Das Geschäft expandierte. Die Baierls und Herkenhoffs unterhielten von 1982 bis 1991 eine weitere Filiale in der Christian-Seltmann-Straße und von 1982 bis 2012 eine am Unteren Markt. Danach konzentrierten sie sich auf die Schabnerstraße. Unter anderem, weil die beiden Herkenhoff-Töchter nicht mit einsteigen wollten. Eine ist Kardiologin in Nürnberg, die andere hat in die USA geheiratet und arbeitet sinnigerweise in einer deutschen Metzgerei in Seattle.

2003 wurde das Gourmet-Magazin "Der Feinschmecker" auf die Herkenhoffs aufmerksam. "Dadurch haben wir gute Lieferanten bekommen." Das war die Initialzündung für immer mehr Feinkost am Unteren Markt, vor allem für Rosa Marias Leidenschaft: Käse. Der deutsche Käsepapst Volker Waldmann aus Erlangen ist ein guter Freund.

Das alles ist ab August Geschichte. Die Vorbereitungen für die Schließung laufen. Dazu gehört auch, dass die Inhaber gewartet haben, bis ihre beiden Angestellten passende neue Stellen gefunden haben. (phs)
Unsere Kundenmischung ist wunderbar, vom Monteur bis zum Diplomat.Rosa Maria Herkenhoff
2 Kommentare
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Bastian Müller aus Weiden in der Oberpfalz | 10.04.2016 | 15:31  
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Diana Biever aus Weiden in der Oberpfalz | 18.04.2016 | 15:21  
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