Interview mit ATU-Gründer Peter Unger
"ATU eine wunderbare Zeit"

Der ATU-Sitz in Weiden. (Foto: Stephan Huber)
Wirtschaft
Weiden in der Oberpfalz
01.05.2016
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Peter Unger (Foto: Karin Wilck)

Peter Unger ging vor 30 Jahren auf volles Risiko - unter dem Einsatz seines Privatvermögens. Der damals 41-Jährige, der in seinem Betrieb "Reifen-Unger" noch selber im blauen Kittel an der Kasse stand, gründete die Werkstattkette Auto-Teile Unger (ATU).

Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" führt den gebürtigen Sudetendeutschen, der aus bescheidensten Verhältnissen stammt, heute auf Platz 906 der weltweit Wohlhabendsten und unter den Top 100 der reichsten Deutschen. Nach dem Verkauf von ATU im Jahr 2002 an eine Risikokapitalgesellschaft legte Peter Unger als Unternehmer nicht die Hände in den Schoß. Kreativ schreibt er seine spektakulär anmutende Geschichte weiter.

In der international tätigen "Unger Group" ist Peter Unger fast ständig präsent. Mit dem ATU-Gründer, der ansonsten das öffentliche Parkett scheut und zurückgezogen in der Region lebt, sprach Clemens Fütterer.

Herr Unger, was bewog Sie vor 30 Jahren zu dem Schritt? Welche Geschäftsidee stand dahinter?

Peter Unger: Ich bin überzeugt, es war die richtige Idee zur richtigen Zeit, nämlich schnelle Auto-Reparaturen ohne Termin möglich zu machen - unter einem Dach mit Auto-Verschleißteilen und Zubehör: als Alternative zu den Vertragswerkstätten.

Die meisten Menschen setzen sich mit 65 Jahren zur Ruhe ...

Fragen Sie mich nicht nach dem Alter, sondern lieber danach, wie ich mich fühle. Mir gefällt hier ein Bekenntnis eines bekannten Managers, der sinngemäß sagte: So lange man neugierig, wissbegierig und aufgeschlossen bleibt, so lange wird man nicht alt. Denn nicht der Pass entscheidet das Alter, sondern das Herz und der Kopf.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung von ATU heute?

Handel bedeutet Wandel. Der Aufbau von ATU war für mich eine wunderbare Zeit. Ein aktuelles Urteil über ATU maße ich mir nicht an.

Wo liegt aktuell das Betätigungsfeld des Unternehmers Unger?

Meine Gruppe beteiligt sich an Unternehmen, die für ihre Entwicklung Kapital benötigen. Dazu gehören eine biologische Methode zur Trinkwasseraufbereitung auf Kreuzfahrtschiffen ebenso wie Versuche mit Getreide- und Kartoffelsorten, sie noch resistenter gegen Schädlinge oder extreme Hitzewellen zu machen. Außerdem sind wir Alleinimporteur der Marke Kymco aus Taiwan für Deutschland und Tschechien, die motorisierte Zweiräder und Quads vertreibt. Neu im Programm vertreiben wir Elektrofahrräder verschiedener Modelle.

Die Branche spricht über Ihre erfolgreichen Immobilien-Engagements und es wird darüber spekuliert, dass Sie noch in diesem Jahr in den Online-Handel mit Auto-Zubehör einsteigen.

Kein Kommentar. Es ist immer schöner, Erfolg zu haben, als keinen (lacht).

Sie gelten bei Ihren Beschäftigten als zündender Motivator.

Meine Mitarbeiter sind für mich immer das Wichtigste. Ohne Mitarbeiter geht überhaupt nichts, sie sind der absolute Schlüssel zum Erfolg. Dies wird leider noch in vielen Unternehmen verkannt.

30 Jahre ATU - Eine bewegte EntwicklungVor drei Jahrzehnten eröffnete Auto-Teile-Unger (ATU) die erste Filiale in Aschaffenburg. Es folgte eine beispiellose Expansion. In den 90er Jahren gehörte ATU zu jenen zehn deutschen Top-Unternehmen, die die meisten Arbeitsplätze schaffen. Auf dem Höhepunkt zählte ATU fast 15.000 Mitarbeiter, rund 650 Filialen in halb Europa und erzielte einen Jahresumsatz von mehr als 1,4 Milliarden Euro.

Es liegt schon eine Zeit zurück, da erwirtschaftete ATU einen Gewinn von 203 Millionen Euro (vor Zinsen und Abschreibungen): bei über 22 Millionen Kunden, mehr als 4,2 Millionen verkauften Reifen, 800.000 Batterien und 1,4 Millionen Stahl- und Alufelgen. Heute beziffert ATU auf der Homepage den Umsatz auf eine Milliarde Euro, gibt die Zahl der Beschäftigten mit rund 10 000 und die der Filialen mit 609 an, darunter 25 in Österreich und 6 in der Schweiz. Aus Italien, den Niederlanden und Tschechien hat sich ATU vor Jahren schon zurückgezogen. Gerne hätten wir darüber berichtet, ob Umsatz und Gewinn die Erwartungen erfüllen, wie die Geschäftsstrategie aussieht, wie es um die Online-Aktivitäten bestellt ist und ob sich die Erwartungen der Restrukturierung von 2014 erfüllten.

Konkrete, aktuelle Zahlen fehlen, weil keine Veröffentlichungspflicht mehr besteht. Die Finanzberichte vom 29. Februar 2016 stehen zwar auf der Homepage, sind jedoch passwortgeschützt. Als Konzerngesellschaften fungieren ATU Cayman Ltd. und ATU Cayman Holdco Ltd. Die ATU-Vorstandsvorsitzenden (CEO) kommen und gehen. Seit knapp einem Jahr steht Jörn Werner (von Conrad Electronic) an der Spitze. Er löste Norbert Scheuch ab, der die "operative Reorganisation" verantwortete und einst den Betonpumpenhersteller Putzmeister sanierte.

Davor war Hans-Norbert Topp in Verantwortung, der 2013 in "beiderseitigem Einvernehmen" Manfred Ries als Vorsitzenden der ATU-Geschäftsführung ablöste, der wiederum 2011 auf Dr. Michael Kern (2008 verpflichtet) gefolgt war. Der frühere Top-Manager von BMW, Karsten Engel, übernahm 2005 bei ATU das Ruder. Firmengründer Peter Unger hatte ATU - nach einem abgesagten Börsengang - 2002 und 2004 an die Private-Equity-Gesellschaften Doughty Hanson (Großbritannien) und an Kohlberg Kravis Roberts (KKR) aus den USA verkauft. Mit der "Heuschrecke" KKR begann der Sinkflug, der beinahe in der Pleite geendet hätte: KKR bürdete ATU den Kaufpreis von 1,45 Milliarden Euro weitgehend auf. Der horrende Kapitaldienst schnürte dann ATU jegliche finanzielle "Luft" ab. 2013 und 2014 kam es zu einem dramatischen Schnitt mit einer Entschuldung um mehr als 600 Millionen Euro, "frischem Kapital" von 100 Millionen Euro und einer zusätzlichen Kreditlinie von 75 Millionen Euro. Die Stadt Weiden verzichtete auf eine bilanzielle "Phantom-Gewerbesteuer" in Höhe von 60 bis 80 Millionen Euro.

Neuer Mehrheitseigentümer von ATU ist der Fonds Centerbridge, weitere Beteiligungen halten von Goldman Sachs gemanagte Fonds und der Fonds Babson. In einem Interview hatten damals CEO Norbert Scheuch und Finanzvorstand Christian Sailer für 2016 "schwarze Zahlen" angekündigt.
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Uwe Mell aus Alteglofsheim | 14.07.2016 | 18:17  
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