Interview mit dem Chefanlagestrategen der Commerzbank
„Es bleibt beim Säbelrasseln“

Die gute Nachricht vorweg: Für Touristen wird der Urlaub auf den britischen Inseln günstiger. Ansonsten sieht der Chefanlagestratege der Commerzbank den Austritt Großbritanniens aus der EU weitgehend unaufgeregt.

Weiden/Frankfurt. "Viele außereuropäische Investoren dürften zunächst einen großen Bogen um Europa machen, bis sich die Folgen des EU-Austritts besser beurteilen lassen", erklärt Chris-Oliver Schickentanz, Chefanlagestratege der Commerzbank, am Freitag im Interview mit unserer Zeitung. Diese Unsicherheit stelle ein weitaus größeres Problem dar, als mögliche Verwerfungen am Devisenmarkt.

Viele Unternehmer befürchten, dass die Schwäche des Pfunds die deutschen Ausfuhren nach Großbritannien verteuern wird?

Chris-Oliver Schickentanz: Eine Abwertung des Pfunds halte ich nicht für gravierend, da sie nur die bilateralen Handelsbeziehungen betrifft. England wird weiterhin viele deutsche Waren benötigen, weil sie auf der Insel nicht mehr hergestellt werden, etwa Premium-Autos oder Maschinenbau-Produkte, denen die Briten nichts entgegenzusetzen haben. Die Abwertung des Euros gegenüber anderen Leitwährungen - wie dem US-Dollar - kompensiert beim Export die Schwäche des Pfunds. Als wahres Kernproblem sehe ich die Unsicherheit bei den Investoren, wie es mit dem europäischen Binnenmarkt weitergeht.

Der globale Finanzplatz London gilt als eine Art "Investment-Tor" für Europa: Werden sich hier die Gewichte zugunsten Frankfurts verschieben?

Es ist zu früh, für irgendwelche Schlussfolgerungen. Die Frage lautet: Kommt es zu einer sauberen Scheidung zwischen EU und UK - oder zu einem schmutzigen Rosenkrieg? Bei letzterem würden in der Tat Frankfurt und Paris profitieren. Das norwegische Modell - das ich favorisiere - bietet den Briten den Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Ich bin für pragmatische Lösungen, schließlich ist Großbritannien unser zweitgrößter Handelspartner nach den Vereinigten Staaten.

Kein Land ist so exportabhängig wie Deutschland. Kommt es zu einem Rückfall in die Kleinstaaterei?

Das kann ich nicht ausschließen, halte ich aber für unwahrscheinlich. Mit dem Pfund verfügen die Briten über eine eigene Währung. Die meisten EU-Länder müssten bei einem Austritt auch eine neue Währung einführen: eine gewaltige Hürde. Ich glaube, es bleibt beim politischen Säbelrasseln. Was nicht das schlechteste ist, damit die notwendigen Reformen in der EU weitergehen.

Was sollten nach dem Brexit die Touristen in England beachten?

Reisen auf die britischen Inseln dürften aufgrund der zu erwartenden Pfund-Abwertung günstiger werden.

Wie steht es um den Aktienmarkt?

Kurzfristig wird der Brexit an den Aktienmärkten nicht spurlos vorübergehen. Der britische Aktienmarkt, der im relativen Vergleich innerhalb Europas ohnehin recht hoch bewertet ist, scheint mir dabei am anfälligsten. Aber auch Aktien anderer EU-Staaten dürften unter Druck geraten. Auf kurze Sicht sind daher weitere moderate Kursverluste nicht ausgeschlossen.
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