Jobcenter bewilligen immer weniger Maßnahmen
Weiterbildung ein Luxus

Damit ein Lehrgang wie die vor einem Jahr begonnene Maßnahme "Industrieelektrikerin in Teilzeit im ÜBZO" in Weiden zusammenkommt, müssen schon mehrere Jobcenter und die Arbeitsagentur "Bildungs-Gutscheine" ausgeben. Bild: Bühner
 

Berufliche Bildung stand über Jahrzehnte hinweg im Mittelpunkt der Arbeitsmarktpolitik. Millionen von Arbeitslosen nahmen in Deutschland vor und nach der Jahrtausendwende an Fortbildungs- und Umschulungsmaßnahmen teil. Seit Einführung der Hartz-IV-Gesetze wandelte sich das Bild.

Weiden/Amberg/Schwandorf. Jahr für Jahr bewilligen die Jobcenter immer weniger Maßnahmen. Besonders einschneidend traf es die berufliche Weiterbildung. Bundesweit wird ein Rückgang staatlicher Qualifizierungsmaßnahmen im Hartz IV-Bereich zwischen 2010 und 2014 von 760 000 auf 150 000 vermeldet. Wir fragten nach, ob diese Entwicklung für die nördliche Oberpfalz zutrifft.

Das Jobcenter Weiden-Neustadt/WN, das zu den zehn größten in Bayern gehört, betreut mehr als 2000 Hartz IV-Arbeitslose. Für rund 1000 wurden im vergangenen Jahr Einzelförderungen verschiedenster Art aus dem sogenannten Vermittlungsbudget bewilligt. Sie reichen vom Bewerbungstraining über Coaching-Programme bis hin zu Arbeitsgelegenheiten wie die Ein-Euro-Jobs.

Weniger Arbeitslose


Weiterbildungsmaßnahmen tauchen auf der Liste der Fördermaßnahmen für Hartz-IV-Arbeitslose kaum mehr auf. Gerade noch 33 Arbeitslose haben im 2014 in eine solche Maßnahme begonnen. Vier Jahre zuvor waren es 241. Wenig anders sieht die Situation in den Nachbarbezirken aus. So zum Beispiel im Jobcenter Schwandorf mit 27 Eintritten im Jahr 2014 gegenüber 140 im Jahre 2010 oder Amberg-Sulzbach mit immerhin noch 57 Eintritten gegenüber 108 vor vier Jahren.

"Diese niedrigen Eintrittszahlen sind in der Hauptsache auf das kleiner gewordene Arbeitslosen-Potenzial, das sich für die am Markt nachgefragten Qualifikationen eignet, zurückzuführen", sagt Wolfgang Hohlmeier, Geschäftsführer des Jobcenters Weiden-Neustadt/WN. Nicht selten müssten die Berater auch Motivationsdefizite bei Leistungsempfängern feststellen. "Wir zählen nur noch einzelne Profil-Lagen, bei denen Bildungsmaßnahmen vorrangig in Betracht kommen".

Vermittlungs-Hemmnisse


Hohlmeier erinnert daran, dass bei Inkrafttreten der Hartz IV-Gesetze die Arbeitslosenquote l in der Stadt Weiden bei 13,2 Prozent lag. Fehlende Fördermittel würden selten eine Rolle spielen, versichert er.

Ähnlich äußert sich auch der Geschäftsführer des Schwandorfer Jobcenters, Günter Burgespfleger. Er verweist darauf, dass neben der sinkenden Arbeitslosenzahl bei den meisten "noch vorhandenen Arbeitslosen im Hartz IV-Bereich das Thema Bildung erst dann in Frage kommt, wenn Vermittlungs-Hemmnisse im persönlichen Bereich abgebaut sind". Hindernisse könnten gesundheitliche Probleme genauso sein wie die psychische Stabilität. Erst wenn die Gesamtheit der Lebensumstände eines Arbeitslosen es erlaube, eine Bildungsmaßnahme erfolgreich abzuschließen, könne sie eingeplant werden.

Verändertes Klientel


Die niedrige Eintrittszahl von Arbeitslosen in berufliche Bildungsmaßnahmen hat auch für die Bildungsträger erhebliche Konsequenzen. "Unser Klientel hat sich grundlegend verändert, Teilnehmer mit einem Bildungsgutschein des Jobcenters gibt es nur noch vereinzelt", sagt Anja Hastaedt vom Kaufmännischen Schulungszentrum in Weiden.

Die Ausgaben der Jobcenter für berufliche Weiterbildung sind ein Spiegelbild dieser Situation. Nach den Statistiken der Bundesagentur für Arbeit sanken sie zwischen 2010 und 2014 in den Jobcentern Amberg-Sulzbach um 40 Prozent auf 285 000 Euro, in Weiden-Neustadt/WN um 66 Prozent auf 231.000 Euro und in Schwandorf sogar um 84 Prozent auf nur noch 48.000 Euro.

Budgets rabiat gekürzt

Angemerkt von Siegfried Bühner

Wenn behauptet wird, die "Bundesregierung kürzt die Mittel für Weiterbildung", ist dies zumindest in Bayern aus zwei Gründen falsch. Erstens entscheiden Jobcenter und Arbeitsagenturen, für wen sie eine berufliche Bildungsmaßnahme bezahlen. Und dass diese bei sinkender Arbeitslosenzahl keine geeigneten Arbeitslosen für Weiterqualifizierung mehr haben, spricht ebenfalls für sich. Schließlich soll ein Bildungsziel erreicht werden, das am Arbeitsmarkt nachgefragt wird. Sonst droht ein Rückfall in längst überwundene Zeiten nach dem Motto "Bildung für die Katz".

Allerdings gibt es etwas anderes zu kritisieren. Seit Jahren werden die Eingliederungs-Budgets der Jobcenter gekürzt. Das Jobcenter Weiden-Neustadt/WN steht für fast alle Einrichtungen dieser Art in Bayern. Innerhalb von vier Jahren sanken dort die verfügbaren Mittel von 5,5 auf 1,9 Millionen Euro. Nach einem selbst von vielen Insidern nicht nachprüfbarem Verfahren sind die bayrischen Jobcenter besonders von Mittelkürzungen betroffen. Ihnen steht pro Arbeitslosem weniger Geld zur Verfügung als in anderen Bundesländern. Hier ist der Hebel anzusetzen. Denn wenn festgestellt wird, dass Bildungsmaßnahmen erst am Ende einer langen Reihe anderer Hilfestellungen für Hartz IV-Empfänger sinnvoll sind, müssen diese teuren Coaching-Maßnahmen besser finanziert werden. Nur so lässt sich Hartz-IV-Arbeitslosigkeit wirksam ab bauen.

siegbueh@gmail.com
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