Krankschreibung und doch kein Krankengeld
Der ganz legale Alptraum

Kanalarbeiter ist ein Knochenjob. Einem 38-Jährigen aus dem Landkreis Neustadt/WN ist er nicht gut bekommen. Archivbild: dpa

Krankgeschrieben und doch kein Krankengeld. Ein Leser erzählt seine Geschichte. Die klingt skandalös, zeigt aber nur, wie leicht Patienten ganz legal durchs soziale Netz fallen.

Der Rücken ist hin, und mit den Ohren stimmt plötzlich auch etwas nicht mehr. Thomas Zimmer (Name geändert) wollte nicht glauben, dass er richtig verstand, was ihm der Sozialberater da am Telefon erzählte. Am 25. September erklärte ihm der DAK-Mitarbeiter: ab 30. September gibt es kein Krankengeld mehr. Das gültige Attest des Orthopäden zählte nicht.

Die DAK hatte den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen (MDK) mit einer Prüfung beauftragt, und der Gutachter hatte Zimmer arbeitsfähig geschrieben. Untersuchen musste er den 38-Jährigen nicht. Es reichte, Diagnosen und Atteste zu interpretieren - und so Zimmer, dessen Lebensgefährtin und den drei Kindern die Haupteinnahmequelle zu nehmen.

Gesundgeschrieben nach Aktenlage: Was merkwürdig klingt, ist gängige Praxis. 2013 beauftragten die bayerischen Krankenkassen ihren Medizinischen Dienst mit 261 098 Prüfungen. In 10,1 Prozent dieser Fälle schrieb der MDK gesund. In vielen Fällen haben die Gutachter den Patienten nie gesehen, so wie bei Zimmer. "Die vorliegenden Befunde der behandelnden Ärzte beschreiben das Krankheitsbild ausreichend, um eine auf Aktenlage basierende Beurteilung vornehmen zu können", erklärt MDK-Sprecherin Ruth Wermes. Weidens VdK-Geschäftsführer Siegmund Bergmann ist nicht überrascht, als er Zimmers Geschichte hört. "Diese Fälle häufen sich." Schuld seien weniger die Kassen oder der MDK: "Das ist Willen des Gesetzgebers." Der Sparzwang setze Kassen unter Druck und zwinge den MDK zu schnellen Entscheidungen. Bergmann weiß aber auch, dass kleine und aggressive Anbieter diese Möglichkeit zunehmend missbrauchen, um Versicherte unter Druck zu setzen. Größere Kassen mit Niederlassungen vor Ort nimmt er dagegen in Schutz. Die seien sehr seriös.

Behindertenausweis

Zimmers Geschichte zeigt, dass auch hier nicht alle Entscheidungen leicht nachzuvollziehen sind. Der 38-Jährige aus dem westlichen Landkreis Neustadt/WN arbeitete seit September 2012 als Kanalreiniger. Schon als er die Stelle antrat, hatte er Bandscheiben-Probleme. "Mit 13 Jahren hatte ich erstmals Rückenbeschwerden." Eine Bandscheibenoperation half wenig, seit fünf Jahren besitzt Zimmer einen Schwerbehindertenausweis. Seinen Arbeitgeber habe er beim Bewerbungsgespräch informiert. "Wir haben entschieden, dass ich es probiere, weil nicht klar war, wie ich die Arbeit vertrage."

Zimmer hatte die Hoffnung, auf eine andere Stelle wechseln zu können. Daraus wurde nichts, stattdessen nahmen die Beschwerden zu. Mitte Juli 2014 ging nichts mehr. Die Arbeit bei Kälte und Nässe hätte ihm zugesetzt, sagt Zimmer. Bis zu 50 Kilogramm musste er heben. Zimmers Arzt bescheinigte ihm, dass alles über 10 Kilogramm nicht mehr zumutbar sei. Der Orthopäde stellte ein chronisches Schmerzsyndrom fest. Weil keine Aussicht auf Besserung besteht, habe er mit dem Arbeitgeber den Vertrag zum Jahresende gelöst. Die Arbeitsagentur hat ihr Okay gegeben und eine Umschulung in Aussicht gestellt.

Ein Ende des Krankengeldbezugs wäre also absehbar - dennoch macht die DAK Probleme. Dass der Fall an den MDK ging, sei ein normaler Vorgang. "Das passiert automatisch, wenn der Krankengeldbezug länger dauert, als es bei dieser Diagnose üblich ist", erklärte DAK-Sprecher Stefan Wandel. Die Versicherung habe sich nichts vorzuwerfen, folge der MDK-Empfehlung.

Die Empfehlung sieht so aus: "Für die beschriebene Arbeitsplatzsituation ist die vorliegende Beeinträchtigung nicht schwerwiegend genug, um eine weitere AU zu begründen." Dennoch habe die DAK den Patienten nicht fallen lassen, betont Wandel. Ein Mitarbeiter habe Zimmer telefonisch Beratung zu seinen weiteren Möglichkeiten angeboten.

Dieses Beratungsgespräch hat Zimmer als "nahe an der Nötigung" in Erinnerung. Er solle sich gesund melden, Überstunden oder Urlaub nehmen, wenn die Schmerzen zu schlimm seien, habe ihm der Sozialberater geraten. Zimmer entschied sich gegen diese Empfehlung und für den Widerspruch. Den legte er mit seinem Arzt ein. Seither recherchierte er viel im Netz, führte Telefonate mit zig Behörden und Beratungsstellen. "Das Thema ist unglaublich komplex und für einen Laien kaum zu durchschauen", sagt er heute. Deshalb hat er sich einen Anwalt genommen. Wann über seinen Widerspruch entschieden wird, ist nicht klar.

Im Zweifel dagegen

Die DAK hat eine unbürokratische Entscheidung zu seinen Gunsten abgelehnt, nun muss eine Schlichtungsstelle entscheiden. "In diesem Jahr werde ich kein Krankengeld mehr bekommen." Kein Geld: Das kennt Zimmer seit September. Inzwischen hat ihm die Arbeitsagentur Bedürftigkeit im Sinne des Sozialgesetzbuchs bescheinigt. Was andere ärgert, freut Zimmer inzwischen: Nun hat er wenigstens Anspruch auf Hartz IV. Auch hierfür musste er kämpfen: Weil er krankgeschrieben ist, steht er dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung, dies sei aber Voraussetzung, um Geld von der Agentur zu bekommen. Deren Mitarbeiter hätten Verständnis gezeigt und ihm geholfen, lobt er die Behörde.

Anders fällt sein Urteil zum MDK aus. Bis heute ist ihm unbegreiflich, wie die Behörde zu ihrer Entscheidung kommen konnte. Ohne ihn zu kennen, hätten die MDK-Gutachter festgestellt, dass bei ihm nur "eine diskrete Funktionsbeeinträchtigung" vorliegt. "Die vorliegende Behinderung ist als AU-begründend auszuschließen, da der Versicherte die Tätigkeit zuvor bereits zwei Jahre trotz dieser Behinderung ausüben konnte. Eine Verschlimmerung der Behinderung ist nicht dokumentiert." Dem widerspricht Zimmer: "Natürlich sind die Beschwerden schlimmer." Das habe sein Arzt auch dokumentiert.

Einfach weiterarbeiten

"Mir wird zum Verhängnis, dass ich die Arbeit zwei Jahre mit kaputtem Rücken gemacht habe." Daraus schließe der MDK, dass Zimmer auch weiterarbeiten können muss. Außerdem äußert der MDK einen Verdacht: "Nicht auszuschließen ist, dass der Hintergrund der AU-Dauer mit dem Wunsch des Versicherten nach einer Umschulung in Zusammenhang steht." Zimmer wird unterstellt, sich krankschreiben zu lassen, um die Umschulung zu erhalten. Beweise hat der MDK nicht - er handelt nach dem Prinzip "Im Zweifel gegen den Patienten".
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.