Leiter der Arbeitsagentur nimmt für Zwillinge Auszeit vom Job
Chef in Elternzeit

Elternzeit für Männer? Immer mehr Väter nehmen sich die berufliche Auszeit. Sogar in herausragender Position. Das beweist Thomas Würdinger. Der Chef der Arbeitsagentur verbrachte vier Monate bei seinen Zwillingen. Zurück im Büro an der Weigelstraße, erzählt er von seinen Beweggründen. Bild: Götz

Er ist der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit, Chef von 270 Beschäftigten. Für vier Monate nahm Thomas Würdinger einen anderen Job an: mit mehr Wochenstunden, bei geringerer Bezahlung. Der 49-Jährige verabschiedete sich in Elternzeit. Zurück in der Agentur, wünscht er sich, mehr Männer mögen seinem Beispiel folgen.

Tausche Chefbüro gegen Wickeltisch. Genau das wagte Thomas Würdinger. Von April bis Juli nahm der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit für seine zehn Monate alten Zwillinge Elternzeit. "Und ich möchte keinen Tag missen", sagt Würdinger sechs Monate danach. "Diese Zeit hat uns alle enger zusammengebracht."

Würdinger ist Wiederholungstäter. Bereits 2012 - damals noch in der Bundeszentrale der Agentur in Nürnberg tätig - nahm er eine zweimonatige Elternzeit für seine heute fast fünfjährige Tochter. Der Grund? "Ich arbeite nicht nur gern. Ich bin auch ein Familienmensch." Und wie fällt der Vergleich zwischen Elternzeit damals und heute aus? "Die Elternzeit für Männer stößt mittlerweile auf mehr Akzeptanz." Und das muss sie auch, findet Würdinger.

Ganz der Agenturchef, spricht er von der steigenden Bedeutung guter beruflicher Rahmenbedingungen im Job, um als Firma im immer härter werdenden Kampf um Arbeitskräfte punkten zu können. Dazu zähle auch die Familienfreundlichkeit eines Unternehmens. Die Arbeitsagentur habe das erkannt. "Bei uns liegt der Frauenanteil bei 75 Prozent. Wir sind ein sehr familienfreundliches Unternehmen, bieten zum Beispiel Teil-, Gleit- und Telearbeitszeit, eine Teilzeitausbildung oder ein Eltern-Kind-Zimmer." Zudem zeige sich die Agentur offen gegenüber Elternzeit - auch für Männer.

"Ich motiviere die Kollegen, es mir gleichzutun. Hier erleidet keiner wegen einer genommenen Elternzeit einen Nachteil." Anderswo kann Männern wohl ein Karriereknick drohen, wenn sie sich kurzzeitig um Kind statt Beruf kümmern: "Davon habe ich gehört. Aber die Arbeitswelt wandelt sich", sagt Würdinger optimistisch. "Wir als Agentur wollen hier Impulse geben." Als Chef dieser Agentur geht er mit gutem Beispiel voran. "Das ist mir auch wichtig."

Wissen ja, Umsetzung nein


Doch warum? "Die Arbeitswelt wandelt sich. Wir brauchen Mütter im Beruf." Denn Arbeitskräfte werden wegen der demografischen Entwicklung rar. Am Ausbildungsmarkt bleiben Stellen unbesetzt. Bereits jetzt muss über ein Drittel der neu zu besetzenden sozialversicherungspflichtigen Stellen "über Grenzfelder besetzt werden", weiß der Agenturchef. Sprich: Arbeitnehmer pendeln ein, kommen bis aus Tschechien. Deshalb gelte es, die stillen Reserven, also Mütter, für den Arbeitsmarkt zu reaktivieren. "In den Köpfen der Unternehmer kommen diese Zusammenhänge wohl an", betont Würdinger. "Allerdings wird dieses Wissen noch nicht - etwa in Form anderer Arbeitszeitmodelle - umgesetzt."

Apropos Umsetzung: Die Elternzeit hat Würdinger lange geplant - beruflich wie privat. "Zwischen Befund und Geburt ist die Zeit zum Überlegen ja da." Als er seine Pläne in der Agentur verkündete, ging alles seinen Lauf: "Wir sind eine große Behörde. Ist rechtzeitig bekannt, dass ein Rädchen kurz stillsteht, lässt sich das organisieren." Im Fall von Würdinger kam für sechs Monate ein Interims-Geschäftsführer aus der Zentrale in Nürnberg, Andreas Staible. "Ein guter Mann", meint Würdinger und betont, es sei wichtig zu wissen: "Die Welt samt Arbeitsmarkt in Weiden dreht sich auch ohne mich."

Die Elternzeit für Männer stößt mittlerweile auf mehr Akzeptanz.Thomas Würdinger, Chef der Agentur für Arbeit

Derweil stürzte sich Würdinger ins Familienleben, half den Zwillingen bei den ersten Gehversuchen, stapelte Becher und freute sich mit, wenn sie die Kleinen jauchzend wieder umgeschmissen haben. Der dreifache Vater, der sonst täglich 240 Kilometer Arbeitsweg zurücklegt, genoss es, die Einjährigen brabbeln zu hören und mit der Vierjährigen zu toben. Besonders für die gemeinsamen Mahlzeiten brannte Würdinger. "Familienleben füllt einen schon auch aus", sagt er mit ein wenig Wehmut in der Stimme. Kein Vergleich sei das mit der kurzen Zeit am Abend nach der Arbeit, bevor die Kinder schlafen gehen. Doch Würdinger sagt auch: "Elternzeit ist eine Luxuszeit, die man sich teuer erkauft."

Gutes staatliches Angebot


Als leitender Angestellter im öffentlichen Dienst verdient der Agentur-Chef natürlich deutlich mehr als die 1800 Euro, die es maximal an Elterngeld pro Monat gibt, plus des Mehrlingszuschlags von 300 Euro monatlich. Die finanziellen Einbußen habe Würdinger aber gern in Kauf genommen. "Es ist einfach gut, dass der Staat dieses Modell anbietet." Vorher wäre dem Geschäftsführer nur der Antrag auf Sonderurlaub ganz ohne Bezahlung geblieben.

Rückblickend findet Würdinger, er hat's in den vier Monaten daheim ganz gut hinbekommen. Trotzdem zieht er den Hut vor allen Müttern, "die das wirklich über längere Zeit stemmen. Das ist ein Full-Time-Job". Entsprechend gesteht der Geschäftsführer, sich auf die Arbeit gefreut zu haben, als er am ersten Tag nach der Elternzeit ins Auto Richtung Weiden gestiegen ist. Und die Zwillinge? Sie haben auch Nützliches in der gemeinsamen Zeit gelernt. Zum Beispiel folgende Worte: "Pfiat di."
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