Missbrauch von Pillen gegen Stress am Arbeitsplatz wird immer häufiger
Betablocker vom Schwiegerpapa

Doping am Arbeitsplatz ist immer mehr im Kommen. Das zeigte die DAK-Studie, die Thomas März-Kronfeld (sitzend, rechts) im Beisein von Rainer Vorsatz (stehend, rechts) den SPD-Vertretern erläuterte (von links): Landtagsabgeordnete Annette Karl, Bundestagsabgeordneter Uli Grötsch und Oberbürgermeister Kurt Seggewiß. Bild: Hartl

Der Schwiegervater nimmt Betablocker gegen den Bluthochdruck. Der Schwiegersohn schnappt sich die Pillen gegen Stress im Job. "Medikamente zum Hirndoping werden oft im Verwandtenkreis beschafft", weiß Thomas März-Kronfeld (DAK). "Die Kreativität der Nutzer ist groß."

Weiden. (ps) Er nimmt damit die Ärzteschaft in Schutz. Denn die Medikamente, um die es hier geht, sind allesamt rezeptpflichtig. Die Nutzer hoffen, damit ihre Leistungsfähigkeit oder die Stimmung aufzubessern, und beschaffen sich die Mittel notfalls auf anderem Weg. Wenn nicht vom Schwiegervater, dann eben per Internet aus dem Ausland oder auch - gerade in der Nordoberpfalz - auf dem Asia-Markt gleich hinter der Grenze zu Tschechien. "Das ist in der Region ja ganz leicht." Trotzdem: 53,8 Prozent der Befragten - und damit über die Hälfte - hat sich das gewünschte Mittel mit einem ärztlichen Rezept besorgt.

Hohe Dunkelziffer

Immerhin 7,2 Prozent der Arbeitnehmer in Bayern haben nach einer Studie der DAK schon einmal Hirndoping betrieben. Inklusive Dunkelziffer rechnen die Experten sogar mit rund 12 Prozent. Das wären 926 000 Menschen. 117 000 (1,6 Prozent) Menschen im Freistaat haben demnach in den vergangenen zwölf Monaten mindestens zwei Mal im Monat Hirndoping betrieben. Erschreckende Zahlen, die März-Kronfeld da im Büro von Bundestagsabgeordnetem Uli Grötsch (SPD) präsentiert. Und sie steigen von Jahr zu Jahr.

Antidepressiva sollen die Stimmung aufhellen und Unsicherheit überwinden. Studenten nutzen Ritalin - ein Mittel gegen ADHS -, weil sie sich dadurch eine bessere Gedächtnisleistung und höhere Konzentration versprechen. Auch Manager langen gerne mal zu. Aber: Es ist keinesfalls ein spezielles Problem der Führungskräfte, zeigt die Studie auf. Männer hoffen in erster Linie auf Leistungssteigerung, Frauen greifen lieber zu Stimmungsaufhellern.

"Dabei übersehen diese Menschen, wie gefährlich diese Mittel sind", warnt Thomas März-Kronfeld, Leiter der DAK-Serviceabteilung Ostbayern. "Doping ist ungesund und kann langfristige Schäden verursachen." Wie lässt sich dagegen angehen? Durch individuelle Präventionsprogramme, wie auch bei anderen Krankheiten, sagt März-Kronfeld. Er nennt Kursprogramme zur Stressbewältigung, Entspannungstechniken, Fitnesskurse oder Seminare zum Umgang mit Drogen, die von vielen Krankenkassen bezuschusst werden. Außerdem habe der Bundestag vor kurzem das Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention verabschiedet, das sich auch auf die Arbeitswelt bezieht.

In Gesundheit investieren

"Wir sind dabei", verweist Oberbürgermeister Kurt Seggewiß auf ein Seminar für Führungskräfte der Stadt Ende Juni unter dem Aspekt Life-Balance. Rückenschulungskurse für Bauhofmitarbeiter hätten bereits stattgefunden, für Bürokräfte stünden sie demnächst an. Das belege auch die Wertschätzung, die den Arbeitnehmern entgegengebracht werde, lobt Uli Grötsch. "Die Arbeitnehmer müssen länger arbeiten, also muss auch in ihre Gesundheit investiert werden", fordert März-Kronfeld. "Wer gesund ist und sich wohl fühlt, bringt mehr Leistung. Das ist eine Win-Win-Situation."

Insbesondere bei psychisch Kranken werde die Möglichkeit der Wiedereingliederung in das Berufsleben viel zu wenig genutzt, moniert Landtagsabgeordnete Annette Karl. "Wir müssen den Menschen Zeit geben für die Rückkehr an den Arbeitsplatz, statt sie in Vorruhestand zu schicken." Die erfreuliche Nachricht von Rainer Vorsatz, Leiter des DAK-Servicezentrums Weiden: "In anderen Bereichen, wie beispielsweise bei Rückenerkrankungen, wird die Wiedereingliederung schon gut genutzt."
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