Neue EU-„Wohnimmobilienkreditrichtlinie“:
Bürokratie als Kredit-Bremse

Der Unterschied vorher und nachher: Raiffeisenbank-Vorstand Karl Völkl (links) vor einem alten Kreditvertrag mit nur wenigen Seiten; sein Kollege Robert Stahl schlägt das neue Vertragswerk mit mehr als 200 Seiten auf. Bild: cf

Vor einem Bankkredit türmen sich gewaltige Hürden. Hinter dem Wortungetüm neue (europäische) "Wohnimmobilienkreditrichtlinie" verbirgt sich ein 50 Seiten umfassendes Gesetz. Es überflutet die Beteiligten mit Formalien.

Weiden/Amberg. Wo bisher eine Hypotheken-Grundschuld die Vergabe von Darlehen pragmatisch - mit nur wenig Papierkram - möglich machte, gilt nun eine gesetzlich vorgeschriebene penible und aufwendige "Kreditwürdigkeits-Prüfung": Der Kunde muss seine finanziellen Verhältnisse bis ins Detail offenlegen, "die Hosen runterlassen", wie es ein Banker drastisch bezeichnet. Denn das Haus, die Eigentumswohnung oder das Grundstück reichen als Sicherheit nicht mehr aus; die "freien Vermögenswerte" und das Einkommen sind entscheidend für die sogenannte "Kapitaldienstfähigkeit".

"Wer mäßig verdient oder eine kleine Rente bezieht, ist womöglich nicht mehr kreditwürdig", sagt Karl Völkl, Vorstand der Raiffeisenbank Neustadt-Vohenstrauß. Sein Vorstandskollege Robert Stahl nennt konkrete Beispiele. Ein älteres Ehepaar mit einer relativ bescheidenen Rente will sein schuldenfreies Haus (Wert 200 000 Euro) barrierefrei für 30 000 Euro umbauen. Stahl: "Formell besteht die Gefahr, dass sie den Kapitaldienst nicht mehr leisten könnten." Also müssen die Kinder für eine Bürgschaft gerade stehen, erst dann gibt es Geld von der Bank .

Früher reichte eine Grundschuld auf das Eigentum als Sicherheit, um andere Käufe - etwa ein Auto - zu finanzieren. "Das funktionierte quasi auf Zuruf völlig problemlos", meint Stahl. Jetzt springt das gesamte bürokratische Prozedere an. Und das hat es sich in sich. Wo bisher ein Kreditvertrag mit wenigen Seiten genügte, entstehen durch die akribische Protokoll- und Dokumentationspflicht regelrechte Bücher. So umfasst eine NT/AZ vorliegende Hausfinanzierung fast 230 (!) Seiten. Völkl: "Den Wust an Kleingedrucktem liest kein Mensch." Dieser Bürokratismus fällt für einen Kleinkredit von 5000 Euro ebenso an wie für große Summen - und verteuert die Darlehen erheblich. Nach NT/AZ-Information verdoppelten sich in manchen Fällen dadurch die Zinssätze für Kleinkredite, etwa von 1,5 auf 3 Prozent.

Kein erkennbarer Nutzen


Werner Dürgner, als Vorstand der Sparkasse Amberg-Sulzbach zuständig für das Privatkundengeschäft, kritisiert den "hohen Aufwand" in Vorbereitung und Umsetzung der Richtlinie: "Wo früher der gesunde Menschenverstand ausreichte, gilt heute der Formalismus." Der Bürokratismus löst bei den Kunden häufig Kopfschütteln aus, "weil für sie kein Nutzen erkennbar ist". Dürgner sorgt sich, dass die "Wohnimmobilienkreditrichtlinie" den Kreditanforderungen durch die älter werdende Gesellschaft nicht gerade dienlich sei.

Über "Bürokratie, Bürokratie, Bürokratie" stöhnt auch Josef Pflaum, Vorstandsvorsitzender der Vereinigten Sparkassen Eschenbach-Neustadt-Vohenstrauß. Aber die Richtlinie sei nun mal da, man gehe gemeinsam mit den Kunden "praxisorientiert" damit um. "Hier bewährt sich, dass wir schon in der Vergangenheit nicht nur auf die Sicherheiten geschaut haben, sondern die Kapitaldienst-Fähigkeit - also die Tilgung - ein wesentliches Kriterium darstellte."

Direkte Frage nach Kindern


Der Aufwand belastet die Banken und Sparkassen erheblich. Allein der unserer Zeitung vorliegende Umsetzungs-Leitfaden ("Ulf") ist mehr als 200 Seiten stark. Die Raiffeisenbank Neustadt-Vohenstrauß installierte eine eigene Projektgruppe, die fünfmal halbtägig tagte. Für das erste Beratungsgespräch bei einer Kreditvergabe sind mindestens zwei Stunden terminiert. Dabei werden sogar Fragen nach der konkreten Familien-planung gestellt: Wie viele Kinder zu welchem Zeitpunkt zu erwarten sind. Völkl: "Viele Paare schauen sich ratlos und staunend an. Das Leben ist nicht immer durchgeplant ..."

"Arbeitnehmer, die relativ wenig verdienen, und sich ihr Haus sozusagen vom Mund abgespart haben, würden nach der neuen Richtlinie wohl keinen Kredit mehr bekommen", stellt Raiffeisenbank-Vorstand Stahl fest. In der Nordoberpfalz liegen die Einkommen oft unter dem Bundesdurchschnitt. "Die nackten Zahlen bilden jedoch nicht das preiswerte Leben in unserer Region ab."

Wo früher der gesunde Menschenverstand ausreichte, gilt heute der Formalismus.Vorstand der Sparkasse Amberg-Sulzbach


Heftige Schelte von der IG Bau OberpfalzUnterstützung erfahren die Banken von ungewohnter Seite. Die in Schwandorf ansässige Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt übt scharfe Kritik an der neuen Kreditrichtlinie. "Der Bau neuer Wohnungen hat einen empfindlichen Dämpfer bekommen. Denn der Kredithahn ist ziemlich zugedreht: Viele Menschen, die ein Haus bauen oder eine Wohnung kaufen wollen, bekommen heute kein Darlehen mehr. Sie scheitern an der Finanzierung", sagt Stefan Königsberger, Bezirksvorsitzender der IG Bau Oberpfalz. Schuld daran sei die EU-Wohnimmobilienkreditrichtlinie, welche die Bundesregierung "besonders hart in deutsches Recht" umgesetzt habe. Königsberger: "Der Wert eines Hauses und das Bauland, auf dem es steht, oder eine Eigentumswohnung und deren mögliche Wertentwicklung - all das zählt nicht mehr." Bauherren müssten viel auf der hohen Kante oder ein dickes Einkommen haben, das auch in Zukunft sicher sei. Besonders hart treffe dies junge Familien und ältere Menschen. (cf)
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