Redaktionsgespräch mit IG-Metallhauptkassier Jürgen Kerner
Nicht abwehren, sondern gestalten

IG-Metall-Hauptkassier Jürgen Kerner. Bild: Schönberger

Digitalisierung oder Industrie 4.0 sind Begriffe, die bei der IG Metall keine Abwehrhaltung auslösen. Die Gewerkschaft will den Trend mitgestalten. Das signalisiert sie auch Richtung Siemens. Dort droht Stellenabbau.

Derzeit ist IG-Metall-Hauptkassier Jürgen Kerner auf Siemens noch gut zu sprechen. Trotz des geplanten Abbaus von rund 2000 Stellen. Allerdings macht er im Gespräch mit unserer Zeitung im Weidener Verlagshaus auch deutlich, dass aus seiner Sicht noch nicht das letzte Wort gesprochen ist. Vor allem die geplante Verlagerung von rund 1000 der 2000 zum Abbau vorgesehenen Stellen nach Osteuropa zweifelt er als kontraproduktiv an. Wenn die Begründung laute, es würden nicht ausgelastete Kapazitäten abgebaut, sei eine Verlagerung ohnehin "unlauter".

Der 47-jährige Augsburger, der für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat des Konzerns sitzt, fordert von Siemens, die gesamte Wertschöpfungskette in Deutschland zu erhalten. Nach und nach müssten hierzulande alle Werke so modernisiert werden, dass sie wie das Amberger Siemens-Werk als Vorzeigebetriebe für Industrie 4.0 gelten. In Gesprächen mit der Konzernführung will die Gewerkschaft nach Alternativen zum Stellenabbau suchen.

Die Position der IG Metall ist klar: Ein Drittel aller weltweiten Siemens-Arbeitsplätze müssen im Heimatland des Konzerns bleiben. Kerner lobt aber das gute Klima zwischen Konzern und Arbeitnehmern. Deutliche Kritik übt er dagegen an der bayerischen Staatsregierung, die sich bereits Gedanken über Alternativen an den betroffenen Siemens-Standorten mache, ohne den Konzern in die Pflicht zu nehmen. Zumal die Verhandlungen zwischen Arbeitnehmern und Vorstand noch gar nicht begonnen hätten. "Unter Otto Wiesheu wäre das nicht passiert", sagt Kerner mit Blick auf die Industriepolitik den ehemaligen bayerischen Wirtschaftsministers (1933-2005).

Wer nur auf Endmontage setze, werde bald auch diese verlieren, warnt Kerner. Die IG Metall wolle den Wandel zur Industrie 4.0, der durch die Digitalisierung ausgelöst werde, nicht abwehren, sondern begleiten. "Wir wollen aktiv mitgestalten." Dabei setzt die Gewerkschaft dem Begriff Industrie 4.0 den Begriff Arbeit 4.0 entgegen. Arbeitnehmer seien heute zu mehr Flexibilität und mobilem Arbeiten bereit, sagt Kerner mit Verweis auf eine Umfrage der IG Metall. Allerdings dürfe dieses aus Sicht der Arbeitnehmer keine Einbahnstraße sein. Flexibilität müsse es in beide Richtungen geben.

Seit fünf Jahren verzeichne die IG Metall ein Wachsen der Mitgliederzahl. Junge Arbeitnehmer, zunehmend auch Ingenieure und immer mehr Frauen würden in die Gewerkschaft eintreten. Die IG Metall werde weiblicher, worauf sie stolz sei. Insgesamt hat die Gewerkschaft inzwischen 2,3 Millionen Mitglieder.

Es geht um den Geldbeutel


Mit Blick auf die Tarifrunde hat Kerner die Sorge, die Arbeitgeber könnten sich in eine Ecke manövrieren, aus der sie schwer wieder herauskommen. Der Gewerkschafter sagt aber auch, es gehe um den "Geldbeutel", da sei vieles emotionaler. Die Forderung der IG Metall nach einer Lohnerhöhung um fünf Prozent nennt er angemessen. Diese spiegle einen Durchschnittswert wieder. Betriebe im Süden könnten deutlich mehr zahlen. Und: Für Unternehmen, die in Schwierigkeiten seien, gebe es seit Jahren die Möglichkeit, unter Bedingungen eine Öffnungsklausel in Anspruch zu nehmen.

Zur Person: Jürgen KernerJürgen Kerner ist seit Ende November 2013 Hauptkassierer der IG Metall. Als geschäftsführendes Mitglied des Vorstands befasst er sich unter anderem mit Siemens. Er sitzt für die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat des Konzerns. Der 47-Jährige absolvierte bei Siemens in Augsburg eine Ausbildung zum Informationselektroniker. Zudem war er unter anderem Jugendvertreter, Gesamtjugendvertreter und freigestellter Betriebsrat. Seit dem Jahr 1995 arbeitet das SPD-Mitglied hauptamtlich für die IG Metall in Augsburg. Im Jahr 2011 wechselte Kerner in die IG-Metall-Zentrale als geschäftsführendes Vorstandsmitglied. Jürgen Kerner ist verheiratet und Vater zweier Kinder. Der Gewerkschafter lebt mit seiner Familie in Augsburg. (paa)
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