Seltmann Weiden stellt sich dem Wettbewerb
Porzellan: Zerbrechlich und hart zugleich

Die Kopie (links) und das Original, die Ähnlichkeit ist gewollt: Erkennen Sie auf den ersten Blick den Unterschied? Bild: cf
 
Seltmann-Chef Werner Weiherer. Bild: Wilck (Foto: wil)

In Nordostbayern gaben seit den 80er Jahren mehr als 20 Porzellanfabriken auf. Geblieben ist Seltmann Weiden: als Familienunternehmen und mit dem Anspruch, nur in Deutschland zu fertigen. Dem "Made in Germany" setzen jedoch Billig-Importe aus China zu. Und die Tradition, nur auf qualitätsvollem Porzellan zu speisen, unterliegt einem tiefgreifenden Wandel.

Weiden/Erbendorf. Auf den ersten Blick ähneln sich die beiden Teller. Das genauere Betrachten offenbart jedoch bei einem Exemplar eine unebene Oberfläche mit sogenannten Einschüssen, das Dekor wirkt plump, der Standfuß ist rau wie ein Reibeisen und würde den Tisch zerkratzen. Die schlecht gemachte Kopie aus China käme bei den Oberpfälzer Porzellinern nicht einmal als zweite oder dritte Wahl in Frage und würde gerade noch für einen Polterabend taugen. Den entscheidenden Unterschied macht der Preis: Das deutsche Produkt ist im Schnitt zehnmal so teuer wie das chinesische.

"Daran hat auch der Strafzoll von 18 Prozent nichts geändert", sagt Seltmann-Geschäftsführer Werner Weiherer. Bei einem Einfuhrpreis von 5 Euro für ein 18-teiliges Kaffeeservice und dem Stempel-Humbug "Design in Germany" aus Fernost greifen die Verbraucher zu, egal ob nach einem Jahr die Kanten brechen oder im groben Dekor die Schlieren aus der Spülmaschine hängen bleiben. Inzwischen führte - und gewann - Seltmann 15 Patent-Prozesse. "Die Chinesen kopieren, was das Zeug hält", beobachtet Weiherer.

Weil "billig" bei den Konsumenten angesagt ist, muss die heimische Porzellanindustrie das flächendeckende Sterben des Fachhandels in Deutschland verkraften. Stattdessen vertreiben Möbelhäuser und Baumärkte das Porzellan in "Billig-Paketen". Für das deutsche "Kulturgut Porzellan" (Weiherer) besteht jedoch "hoher Beratungsbedarf": Die Produkte sind technisch perfekt, das Design modern und vielfältig, die Glasur ist hart, die Unterseite ("Fuß") geschliffen und die Eignung für Spülmaschinen selbstverständlich. Früher gehörte feines Porzellan zu jeder Aussteuer. Aber die Familien-Strukturen ändern sich dramatisch und mit ihnen die Haushalte, die viel kleiner werden. Wer benötigt da noch ein Service für zwölf Personen?

Technisch und funktionell


Wie reagiert auf dieses Dilemma eine Marke wie Seltmann Weiden? Die Sparte "Haushalt" mit den klassischen Kaffee- und Speiseservices macht heute kaum mehr als die Hälfte der Fertigung aus. Wachsende Bedeutung kommt dafür technischem und funktionellem Porzellan für die internationale Gastronomie und Hotellerie, Krankenhäuser, Senioren-Einrichtungen und Kindertagesstätten zu. "Wir bieten unseren Kunden nicht nur die Ware, sondern Mehrwert durch ausgeklügelte Konzeption mit enormem ökonomischen Nutzen", betont Geschäftsführer Weiherer. "Ohne Qualität und Service würden wir unsere Daseinsberechtigung verlieren." So stattete Seltmann mit kindgerechten (kleinen) Tabletts und leicht stapelbaren, modularen Service-Teilen Hunderte Kitas aus.

"Weil ein Zukauf überhaupt nicht in Frage kommt" und für die beiden Gesellschafter Christian Seltmann senior und Christian Seltmann junior der Erhalt der Arbeitsplätze in der Nordoberpfalz ein Herzensanliegen darstellt, baute das Unternehmen vor einigen Jahren für 25 Millionen Euro ein hochmodernes, automatisiertes Werk mit 100 Robotern in Erbendorf. Hier hat die Digitalisierung "Industrie 4.0" längst begonnen. Hersteller Kuka (Augsburg) nutzt das Werk als internationales Ausbildungszentrum und Referenzobjekt.

Neue Investitionen


Die gewaltigen Kosten der Abschreibung schlagen negativ auf die - bilanziellen - Betriebsergebnisse von Seltmann durch. Dazu kam der Verfall des Rubels im nicht unbedeutenden Absatzmarkt Russland. Beim Umsatz erwartet Geschäftsführer Weiherer nach Jahren weitgehender Stagnation für 2016 ein "deutliches Wachstum". Weil die Gesellschafter mit ihrem Privatvermögen einstehen, braucht Seltmann nach wie vor "keinen Cent Fremdkapital". Weiherer: "Unser Cashflow ist sehr hoch. Wir skontieren jede Rechnung." Mit dem Umsatz steigt auch die Zahl der Mitarbeiter (derzeit rund 750). "Wir suchen qualifizierte Kräfte in größerer Zahl." Die Familie Seltmann plane eine neue Millionen-Investition in die Logistik am Standort Weiden.

"Wir sind für die Zukunft gut aufgestellt. Unser 106 Jahre altes Unternehmen wird es auch in 100 Jahren noch geben", ist Weiherer überzeugt.

Die Chinesen kopieren, was das Zeug hält.Werner Weiherer Seltmann-Geschäftsführer


Seltmann WeidenZur 1910 gegründeten Porzellanfabrik Seltmann gehören die Premium-Marke Königlich Tettau (älteste Porzellanfabrik in Bayern) und vier Manufakturen in Thüringen. Die Palette reicht von Roboter-Fertigung bis zum Kunsthandwerk. Allein-Inhaber sind Vater und Sohn Christian Seltmann. Im Hightech-Werk Erbendorf ist die sogenannte "Weiß"-Fertigung konzentriert, in Weiden die "Bunt"-Produktion (drucken, spritzen, malen) und der Versand. (cf)
4 Kommentare
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Evelin Lehnert aus Brand | 09.10.2016 | 21:30  
36
Hans - Peter Kastner aus Brand | 10.10.2016 | 08:43  
8
Ela Hauer aus Weiden in der Oberpfalz | 10.10.2016 | 10:59  
54
Stefan Kreuzeck aus Pfreimd | 10.10.2016 | 11:33  
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