Sozialpädiatrisches Zentrum: Kinderärzte der Region fordern von Krankenkassen Einsicht
Längst überfällig und notwendig

Weiden in der Oberpfalz
08.08.2012
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Was lange währt, wird nicht immer gut. Der Kampf der Kliniken Nordoberpfalz AG für ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) in Weiden ist so ein Fall. Aufgenommen hat ihn die Kliniken AG 2001. Im März 2012 entscheidet schließlich das Sozialgericht München zugunsten eines SPZ. "Wir dachten, jetzt ist es durch", sagt der Kliniken-Pflegedirektor Thomas Baldauf. Falsch gedacht. Einige Krankenkassen lassen nicht locker. Im Mai legen sie als Kostenträger Berufung ein. Bald soll darüber entschieden werden.

Bis dahin wollen die Kinder- und Jugendärzte Weidens und der Region nicht tatenlos zuschauen. In einem Schreiben an den Ersatzkassenverband München und die AOK Weiden um deren Regionaldirektor Jürgen Spickenreuther äußern sie ihr Entsetzen über die Berufungsklage und fordern ein Einsehen. "Längst überfällig" sei ein SPZ in Weiden. Eine "Notwendigkeit" obendrein, um eine ausreichende sozialpädiatrische Behandlung im Einzugsbereich sicherzustellen und um Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche in der Region zu ermöglichen. Das würden die Erfahrungen der Kinderärzte und -therapeuten zeigen.

Das hat auch das Sozialgericht überzeugt. AOK-Direktor Jürgen Spickenreuther nicht: "Das Gericht hat nur auf die Erreichbarkeit eines SPZ geschaut, nicht aber auf dessen Wirtschaftlichkeit. Von der Fallzahl her ist ein SPZ in Weiden kritisch zu sehen." Zu wenig Einwohner dafür biete das Einzugsgebiet Weiden, die Landkreise Neustadt und Tirschenreuth sowie Teile Schwandorfs und Ambergs. Zu viel Konkurrenz die SPZ-Standorte in Hof und Regensburg. Weiter argumentiert Spickenreuther: "Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sind vor Ort ausreichend durch Kinderärzte und Psychologen versorgt." Ja, durch ein SPZ könnten sie besser und zielgerichteter versorgt werden, räumt er ein. "Aber das ist auch jetzt schon möglich, nur nicht wohnortnah." Deshalb und wegen der Fallzahl-Bedenken also die Berufung seitens der Krankenkassen und des Berufungsausschusses, der - wie Spickenreuther betont - hälftig aus Kassenvertretern und Ärzten besteht.
Eine Berufung, die die Kinderärzte in ihrem Brief als "nicht akzeptabel" bezeichnen. "Auf Kosten der Schwächsten in unserer Gesellschaft und der betroffenen Familien wird wieder auf Zeit gespielt, und die teils beträchtlichen Rücklagen der Krankenkassen kommen nicht den oft mehrfach Schwerstbehinderten zugute", schreibt Kinderarzt Dr. Roland Renz in dem Brief, den elf seiner Kollegen unterschrieben haben.

Von großartigen Überschüssen speziell bei bayerischen Krankenkassen kann keine Rede sein, sagt Spickenreuther. Denn Mittel aus dem Gesundheitsfonds zur Förderung der bereits vergleichsweise sehr hohen Versorgungsstruktur hierzulande würden nicht fließen. Folglich werde die Solidargemeinschaft zur Kasse gebeten. Wobei nur ein Teil der Versicherten ein SPZ braucht und es am liebsten gratis nutzen möchte. Der andere Teil aber, der diese Leistung nicht in Anspruch nehmen muss, frage kritisch nach, wofür "sein" Geld ausgegeben wird. Rund eine Million Euro würde ein SPZ kosten. Je nach Fallzahlen wohl auch 1,5 Millionen, schätzt Spickenreuther. Also ähnlich viel wie der Rettungshubschrauber.

Das Konzept steht

Geld, das in Praxisräume und Personal investiert werden muss. Und laut Baldauf schon deshalb in Weiden gut investiert wäre, weil es hier in Kooperation mit dem Amberger Klinikum St. Marien auch das Perinatalzentrum mit dem höchsten Level 1 gibt. "Zur Nachsorge der Frühchen aber müssen die Eltern dann nach Erlangen oder sonst wohin. Das kann doch nicht sein", meint Pflegedirektor Baldauf. Und: "Das Konzept für das SPZ steht bereits." Kommt die Zusage, könnte es laut Baldauf in einem halben Jahr den Betrieb aufnehmen. Noch aber läuft die Berufung.
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