Verdi-Chef Frank Bsirske über die Zukunft der Rente
Arbeit macht arm

Nach dem Mindestlohn haben die Gewerkschaften ein neues Thema: die Rente. Um sie drehte sich auch alles beim Auftritt von Verdi-Bundesvorsitzendem Frank Bsirske in der Max-Reger-Halle. Bild: sbü

Statistiken hat Verdi-Chef Frank Bsirske viele für seinen Vortrag mitgebracht. Letztlich laufen aber alle aufs Gleiche hinaus: Wenn sich nichts Grundlegendes ändert, wird demnächst mindestens jeder zweite Rentner auf Hartz-IV-Niveau leben müssen.

Er ist einer der bekanntesten Gewerkschafter überhaupt. Entsprechend groß ist das Interesse in der Max-Reger-Halle, wo Verdi-Bundesvorsitzender Frank Bsirske zur Diskussion über Altersarmut antritt. Eingeladen haben eigentlich Bezirks-, Stadt- und Regionalverband. Doch im Mittelpunkt steht nur einer: Bsirske.

Der brillante Redner versteht es mit vielen Sachargumenten, Zahlen und Prognosen Aufbruchstimmung zu erzeugen. "Wir wollen nicht in einer Gesellschaft leben, in der lebenslange Arbeit arm macht", betont er. Derzeit könnte es aber genau darauf hinauslaufen. Alle Zahlen und gesicherte Prognosen ließen den Schluss zu, dass "jemand mit 40 Beitragsjahren zur Rentenversicherung im Alter nur Grundsicherung bekommt". Deshalb wollten alle Gewerkschaften von Herbst an bis zur Bundestagswahl eine große Kampagne gegen Altersarmut starten.

Massenhaftes Problem


Allerdings sei dies "ein extrem dickes Brett". Viele Menschen glaubten nach wie vor, im Alter eine ausreichende Rente zu bekommen. Das Gegenteil sei der Fall. Das Arbeitsministerium habe berechnet, dass selbst Durchschnittsverdiener nach 40 Beitragsjahren eine Rente von 786 Euro erhalten. "Doch ein Drittel der Arbeitnehmer, rund elf Millionen, verdient weniger als der Durchschnitt." Es drohe deshalb massenhaft Altersarmut. Bereits das heutige Rentenniveau in Deutschland liege 15 Prozent unter dem Durchschnitt aller OECD-Staaten. Gemessen am Verhältnis von Lohn-/Beitragshöhe und Rente sei Deutschland weltweit fast am Ende, nur Mexiko und Südafrika schnitten noch schlechter ab. "Warum soll jemand ein Leben lang arbeiten, wenn er im Alter auch nur über die Grundsicherung verfügt?"

"Die proletarische Lebenswirklichkeit der Unsicherheit ist für viele Menschen zurückgekehrt." Auch die Vermeidung "prekärer Beschäftigungsverhältnisse" wie Leiharbeit oder Minijobs würde daran nichts ändern. Bsirske fordert deshalb, die Bevölkerung zu sensibilisieren.

Demografischer "Mythos"


Dass die demografische Entwicklung dieses niedrige Rentenniveau erforderlich mache, nennt er einen "Mythos". Denn durch Produktivitätssprünge und Digitalisierung könne sehr wohl erreicht werden, dass in einigen Jahren "zwei Erwerbstätige mehr produzieren als heute drei". Zur Vermeidung von Altersarmut sei zudem ein Beitragssatz von 27 Prozent erforderlich. Bei dessen "paritätischer Finanzierung durch Arbeitgeber und Arbeitnehmer" seien auf Arbeitnehmerseite keine höheren Beiträge erforderlich als derzeit bei voller Ausschöpfung von Riester-Sparplänen. Die Ursachen für die drohende Altersarmut lägen in der Vergangenheit. "Der Paradigmenwechsel weg vom Ziel der Sicherung des Lebensstandards hin zur Beitragsstabilität muss rückgängig gemacht werden." Auch die Gewerkschaften hätten im Jahr 2000 die Senkung von Lohnnebenkosten unterstützt, räumt er ein. Er hofft zudem, dass "mit der Steueroase Deutschland Schluss gemacht wird, in der Kapitaleinkünfte mit 25 Prozent, Lohneinkünfte mit bis zu 42 Prozent besteuert werden".

Eingeführt in das Thema hatte Stadt- und Regionalvorsitzender Oskar Salfetter. Das Grußwort für die Stadt sprach Bürgermeister Jens Meyer. Moderation: Geschäftsführer Alexander Gröbner. (Seite 17)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.