Wenn der Holzer zweimal hupt

Wurstsalat, Leberkäse oder Wiener mit "Schmiere": Markus Holzer (links) weiß genau, was seine Kunden wollen. Trotz hohem Zeitdruck hat er außerdem immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Bilder: spi (2)
 
Fein säuberlich aufgereiht liegt die Ware auf den Tabletts.

Es ist drei Uhr nachts. Eine Zeit, zu der sich sogar der Hahn noch ein paar Mal auf seinem Strohbett umdreht, bevor er ein lautes "Kikeriki" krächzt. Alle schlafen. Nur bei Markus Holzer brennt schon Licht. Er bereitet sich auf einen langen Tag in seinem Brotzeitwagen vor.

Knusprig goldgelbe Baguettes liegen auf einem Tisch in der Metzgerei Holzer. Auf den unteren Hälften glänzt Mayonnaise. Die Familie von Markus Holzer bestreicht und belegt Semmeln im Akkord. 1400 Stück. Dazu 45 Baguettes, 140 Brezenringe. 160 Gebäcke und 80 Brezen stapeln sich auf Tabletts. In einer Kühlbox liegen meterlange Ketten aus Bratwürsten, Wienern und Käsekrainern.

3.25 Uhr: Mühelos schneiden sich die gezackten Messer durch die Semmeln. Eingewickelt in weiße Plastikschürzen belegen zwei Tanten, die Mutter und die Frau von Holzer Sandwiches: Mayonnaise, zwei Salatblätter, daneben eine Tomaten-, eine Gurkenscheibe und ein Ei. Darüber kommen fünf Scheiben Salami und zweimal Käse.

"Wir haben alles mit der Hand geschnitten. Das geht schneller als mit Maschinen", erklärt Ehefrau Anke Holzer. Die Tür geht auf. Markus Holzer schnappt sich die Kisten voll mit Sandwiches und belädt die sechs Autos.

4.00 Uhr: Hamburgersemmeln werden aufgeschnitten und belegt. Dann sind die Brezenringe dran.

4.55 Uhr: Kurze Kaffeepause. "Die ersten Wägen sind schon unterwegs", sagt Holzer und schaut auf die Uhr: "Wir müssen in 20 Minuten los." Während Holzer und seine Mitarbeiter mit den Verkaufwägen zwischen den Betrieben pendeln, schnippeln seine Frau und seine Mutter Gurken und Tomaten für den nächsten Tag. "Damit sind wir von halb 6 bis 13.30 Uhr beschäftigt", sagt Anke Holzer.

5.10 Uhr: Der 42-jährige Metzgermeister steigt in sein Auto ein. Ein Wagen mit Grill, einer Theke, einem Kühlschrank und einem aufklappbaren Vordach. "Semmeln sind da, Ketchup und Senf auch, Wiener", brummt er und zieht seine Schürze fest. "Ich checke jeden Tag alles durch", erklärt er. Um Punkt 5.15 Uhr geht es los. Holzer fährt auf die Autobahn Richtung Gewerbegebiet "Brandweiher" in Weiden. "Stressig wird es zwischen acht und zehn Uhr. Und zur Mittagszeit ist es Fließbandarbeit im Sekundentakt." 72 Haltestellen bei verschiedenen Unternehmen in Weiden und insgesamt 72 Kilometer liegen vor Holzer. Manche Betriebe fährt er doppelt an - morgens und mittags.

5.45 Uhr: Erste Station: Feuerverzinkerei Einhäupl GmbH. Holzer fährt hupend auf das Firmengelände, bremst, springt auf und drückt auf einen Knopf. Mit einem Summen fährt das Vordach hoch. Die ersten Kunden begutachten die Ware und kaufen ihre Brotzeit. Draußen ist es noch finster und kalt.

6.09 Uhr: Markus Holzer hält beim Zollamt. "Hier mach ich 'ne kleine Raucherpause. Manchmal fahre ich mit meiner Frau durch fremde Gewerbegebiete und notiere mir potenzielle Firmen." Hat er neue gefunden, fragt er bei der Geschäftsführung an, ob Interesse besteht. Seine Frau und seine Eltern halten dem 42-Jährigen den Rücken frei. "Anke kümmert sich um die Kinder, wenn ich unterwegs bin", sagt er liebevoll. "Mit 50 will ich das Unternehmen an meinen Sohn oder meine Tochter übergeben. So hat es mein Vater vor zwölf Jahren bei mir gemacht." Dieser habe seine ersten Semmeln noch aus dem Kofferraum verkauft. Durch Mundpropaganda sei der Betrieb gewachsen. Mittlerweile zählen rund elf Mitarbeiter zu Holzers Team.

6.45 Uhr: Lange Autoschlangen rollen durch das Gewerbegebiet "Brandweiher". Die Kunden von Markus Holzer beginnen ihren Arbeitstag. Der 42-Jährige entzündet den Gasgrill und legt die ersten Würste auf. Im Wagen riecht es nach Bratfett. Langsam dämmert es. Holzer fährt kreuz und quer durch das Gewerbegebiet, hält hier und dort.

8.43 Uhr: Eine Mitarbeiterin der Firma Durosol AG holt sich ihre Brotzeit, bezahlt und will zurück ins Firmengebäude, als Holzer ihr eine Tüte entgegenhält und ruft: "Moment meine Dame, Sie haben die Semmel vergessen." Seine blauen Augen strahlen die Kundin an. Zurück auf dem Fahrersitz erklärt er: "Sie nimmt jeden Tag eine blanke Semmel für den Hund mit. Ich kenne zwar die Namen der Kunden nicht, weiß aber, was sie bestellen." Wie zum Beweis sagt er kurz vor der nächsten Haltestelle: "Da kommt gleich einer, der will einen Wurstsalat." Als der Kunde zum Wagen kommt, stellt er den Wurstsalat demonstrativ auf den Tresen und grinst. Der junge Mann bestellt eine Wurstsemmel und einen warmen Leberkäse mit Senf. Sein Blick wandert zum Wurstsalat. "Du wennst keinen Wurstsalat nimmst", spaßt Holzer. Der Mann zögert. "Und einen Wurstsalat", sagt er und grinst frech. "Ich schaue meinen Kunden immer in die Augen. Da erkenn ich, was sie wollen."

9.00 Uhr: Halbzeit. "Wir liegen gut in der Zeit", sagt Holzer mit Blick auf sein Handy. Bislang hat sich kein Kollege gemeldet. "Dann passt alles", kommentiert er beruhigt. Zwischendurch ordnet er das Gebäck neu, fegt durch und springt mit einem Blick auf die Uhr auf den Fahrersitz: "Wir müssen weiter."

10.37 Uhr: Die Semmeln reichen nicht. "Wir sind mit 200 Semmeln gestartet. Um 11 Uhr will ich noch 120 im Korb haben. 80 sind noch da." Holzer kauft noch 40 Stück beim Bäcker. "Es ist ein Pokerspiel." Im Minutentakt fährt er jetzt die Unternehmen an. Hupen. Vordach hochfahren. Semmeln mit Leberkäse bestücken, einpacken, die Preise zusammenrechnen, abkassieren. Es geht Schlag auf Schlag. Trotzdem nimmt er sich Zeit, zu fragen: "Habt ihr den Auftrag bekommen?" Holzer ist sich sicher: "Die Kunden kommen gern, weil ich mit ihnen rumblödel' und nicht ,knickert' bin."

12.22 Uhr: Endspurt. Noch drei von 72 Haltestellen liegen vor dem Metzgermeister. Dann hat es Holzer geschafft. Entspannt zündet er sich eine Zigarette an. In Neustadt/WN kommt ihm ein Freund entgegen. Er ruft ihn an: "Machst gerade Mittagspause? Komm vorbei, ich hab noch was im Wagen." Den restlichen Tag verbringt er mit Familie. Um 20 Uhr heißt es: Schlafen.
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