Wohlstand als Augenwischerei

Nachhaltigkeitsforscher Niko Paech las in der Weidener Buchhandlung Rupprecht aus seinem Buch "Befreiung vom Überfluss - auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie". Bild: Kunz

Wachstum und Fortschritt gelten als Lackmus-Test, wenn es darum geht, die Leistung einer Regierung zu beurteilen. Die neue Formel dazu lautet: Grünes Wachstum und nachhaltiger Konsum.

Professor Niko Paech, einer der bedeutendsten Nachhaltigkeitsforscher, bezweifelt dieses Modell, hält es schlichtweg für Augenwischerei. Am Dienstagabend hat er das vor zahlreichem Publikum in der Weidener Buchhandlung Rupprecht bis ins Detail begründet. Zusammengefasst hat er seine Theorie von wirklichem Fortschritt in seinem Buch "Befreiung vom Überfluss - auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie".

Der Professor aus Oldenburg muss nicht lange nach den Sollbruchstellen unseres Wirtschaftssystems suchen. Sie machen da und dort immer wieder Schlagzeilen, erschrecken den einen oder anderen. Doch die Welt ist wohl nicht bereit, von der "Droge Wachstum" zu lassen. Die Diskussion über das Ende der vielfach beklagten Maßlosigkeit nimmt jedoch an Fahrt auf. Denn die Verknappung wichtiger Rohstoffe, die drohende Verengung der Energieversorgung, können nicht geleugnet werden. Paech kommt daher zu dem Schluss, dass die enormen Steigerungen des materiellen Wohlstandes seit Beginn der Industrialisierung allein auf ökologischer Plünderung der begrenzt vorhandenen Ressourcen beruhen.

Kein Verhältnis

Der Mensch ist abhängig geworden von sogenannten Energie-Sklaven, die als Stützpfeiler des modernen Lebens vormals körperlich zu verrichtende Arbeiten in elektrische, automatisierte, digitalisierte Vorgänge verwandeln. Deren Nutzung steht in keinem vernünftigen Verhältnis zum Ergebnis. Hinzukommt, davon zeigt sich Paech überzeugt, dass der Mensch längst auch psychisch an seine Wachstumsgrenzen gestoßen ist. Die Gesellschaft ist offensichtlich erschöpft in einer Art Wohlstandsverstopfung, die unbeweglich macht. Die Flut der Angebote treibt uns weiter im Hamsterrad scheinbarer Selbstverwirklichung. Folgen sind die dramatische Zunahme von Depressionen und Burn-outs, die so klagt die Industrie inzwischen, "ans Eingemachte" gehen. Es bleibt nicht mehr viel für einen aus Arbeit und Leistung zugewinnenden Erlebnisraum, der beispielsweise in kulturellem Anschluss Glück gewinnen lässt. Das aber, sagt Paech, "erstickt im Konsum." Die unter dem Stichwort Wohlstand versammelten Versorgungselemente hängen, so zeigt sich Paech überzeugt, an einer kapitalintensiven Industrie wie Marionetten.

Allein schon aus ökologischen Gründen muss dieser Apparat um die Hälfte zurückgebaut werden. Das Stichwort heißt Reduktion. Der Mensch muss die Logik eines Verzichts lernen, der keineswegs Verarmung bedeutet, sondern Unabhängigkeit von den Energie-Sklaven, vom Kapital-Diktat. In den neuen Grenzen, die den ökologischen und sozialen Erfordernissen Rechnung tragen müssen, werden die Elemente der Nachhaltigkeit freigesetzt. Sie bestehen aus einer Wiedergewinnung alter regionaler Wohlstandstechniken, die vor allem mit körperlicher Arbeit verbunden sind. Wesentlich sind dabei Selbstversorgung, die sorgsame Erhaltung von Gütern, Reparatur statt Neuerwerb, Wiederverwendung von scheinbar Unbrauchbarem. Paech verbindet dies mit einer Erstarkung des Gewerbes, mit Beratungselementen aufseiten der Industrie.

Arbeitsgemeinschaft

Arbeitszeit wird auf diesem Wege zwar ebenfalls um die Hälfte reduziert, aber auch, wenn auch auf niedrigerem Niveau, an alle verteilt. Es wird erheblich mehr Freizeit gegeben, die sinnvoll zu freiwilliger Leistung auch für die Allgemeinheit genutzt werden könnte. Gemeinschaftliche Nutzung von Geräten und Maschinen würde die Abhängigkeit von der Industrie erheblich verringern, das Stichwort Arbeitsgemeinschaft bekäme wieder neue Bedeutung. Aus Konsumenten würden sogenannte Prosumenten, die Umwelt, Resourcen und nicht zuletzt auch kostbare Flächen schonen und den Menschen das Kostbarste wiedergeben, das sie haben: Zeit.

Dem Vortrag schloss sich eine lebhafte Diskussion an, in der es vor allem darum ging, ob und unter welchen Bedingungen größere Teile der Bevölkerung und der politisch Verantwortlichen Verzicht akzeptieren wollten. Deutlich wurde aber, dass es zu einem Ausstieg aus einer fragwürdigen Wachstumsformel letztlich keine Alternative gibt.
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