Betty Schwemmer blickt in ihr persönliches Geschichtsbuch
Kein Ausweis: Zehn Tage Haft

In wenigen Monaten jährt sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 70. Mal. Betty Schwemmer blättert in Fotoalben, die sie als 14-jähriges Mädchen in der Nachkriegszeit zeigen, also etwa zu der Zeit, als sie einmal zehn Tage lang von den Amerikanern eingesperrt wurde. Bild: sei
Lokales
Weiherhammer
30.12.2014
9
0
 
Betty Schwemmer hat noch immer den Ersatzausweis mit Fingerabdruck, der im Herbst 1945 von den Amerikanern ausgestellt wurde. Repro: sei

In wenigen Monaten steht ein besonderer Jahrestag im Kalender: 70 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg. Viele ältere Menschen erinnern sich an die grauenvollen Jahre davor und die schwierige Zeit danach. Auch Betty Schwemmer blättert in ihrem persönlichen Geschichtsbuch.

Die 83-Jährige nimmt ihr Fotoalbum zur Hand, und sofort läuft gedanklich ein Film aus der Nachkriegszeit ab. Der Inhalt: ein besonders einschneidendes Erlebnis mit amerikanischen Soldaten. Sie war 14 Jahre alt im Herbst 1945 und ging mit Mädchen aus ihrer Familie und Freundin Juli vom Sonntagsgottesdienst von Luhe nach Oberwildenau zurück, wo sie damals wohnte.

"Kurz vor Unterwildenau kam uns ein Junge auf dem Fahrrad entgegen und berichtete ganz aufgeregt, dass am Ortseingang Amerikaner kontrollieren. Meine Schulfreundin und ich hatten keinen Ausweis dabei, deshalb wollte ich auf einem Feldweg die Amerikaner umgehen, aber Juli war dagegen. Also schlichen wir voller unguter Vorahnungen an den Kontrollpunkt heran in der Hoffnung, dass man uns übersieht. Rechts stand ein Lkw mit offener Ladefläche. Oben drauf Bewohner von Oberwildenau.

Nur ein Schulterzucken

Es kam, wie es kommen musste. Die Amerikaner forderten uns auf, unsere Ausweise vorzuzeigen. Schüchtern zuckten wir die Schultern und schüttelten die Köpfe. Schon wurden auch wir auf den Lastwagen gesteckt. Der Lkw setzte sich in Bewegung Richtung Rothenstadt. Dort brache man uns zur Turnhalle. Ein Wachmann in einem provisorischen Häuschen nahm unsere Personalien auf.

Die älteren Jugendlichen fanden die ganze Situation ziemlich lustig, denn sie sangen und tanzten. Wir Mädchen standen dagegen ratlos im Hof herum. Das Wachpersonal reagierte sauer und erklärte den Jugendlichen dass dies kein Spass sei.

Der Junge mit dem Fahrrad war inzwischen zu uns nach Hause geradelt und hatte die fehlenden Ausweise eingesammelt und nach Rothenstadt gebracht, aber sie wurden von den Amerikanern nicht akzeptiert. Wir wurden wieder auf den Lkw geladen und nach Weiden zum Gericht gebracht. In einem Schnellverfahren wurden wir zu 200 Reichsmark Geldstrafe oder 14 Tage Gefängnis verurteilt.

Da aus unserer Familie vier Mädchen dabei waren, hätte das 800 Reichsmark gekostet. Wir waren total verängstigt und durcheinander. Es kam uns jedoch zugute, dass im Gefängnis kein einziger freier Platz mehr war. Sie fuhren uns aber nicht wie erhofft nach Hause, sondern nach Neustadt in die "Bauerhütte", eine Art Fabrikgebäude.

Suppe und Kartoffeln

Ein Amerikaner mit einem Gewehr kam uns entgegen und führte uns in einen Raum mit Feldbetten. Dort bekamen wir Suppe und Pellkartoffeln, denn es war inzwischen Nachmittag geworden. Wir waren insgesamt acht Mädchen und drei Jungen. Am nächsten Tag wurde meine Freundin Juli plötzlich freigelassen. Wir anderen mussten aushalten.

Auch wenn keine von uns rauchte, bekamen wir Zigaretten geschenkt. Das Essen war erstaunlich schmackhaft, und wir wurden gut versorgt. Aufgrund unseres untadeligen Verhaltens kamen wir dann schon nach zehn Tagen frei", erzählt Betty Schwemmer.

1952 lernte Betty Hereiner ihren Mann Hermann Schwemmer kennen, den sie 1954 heiratete. Das Paar bekam zwei Töchter. 1983 bezog die Familie ihr Haus in Weiherhammer. Leider konnte Bettys Mann nur acht Tage dort wohnen, dann verstarb er. Geheiratet hat sie nicht wieder.
Weitere Beiträge zu den Themen: 12-2014 (6638)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.