Das Ende des Zweiten Weltkriegs in Weiherhammer - Bombensicherer Unterschlupf im Schacht
Dramatische Tage im April

Vermischtes
Weiherhammer
17.06.2015
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Am 7. April 1945 jagten vier amerikanische Jagdbomber über den Bahnhof, Bomben fielen auf den Bahnübergang, und in wenigen Minuten war das halbe Dorf ohne Fensterscheiben. Auch zwei Züge wurden beschossen. Es gab Tote und Verwundete. In diesen letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs suchten die Tiefflieger Weiherhammer regelmäßig heim, oft ging der Alarm siebenmal am Tag.

Die Lage für die Dorfbewohner wurde immer brenzliger, im Hüttenwerk stellte die Belegschaft ab dem 16. April die Arbeit ein. Direktor Richard Haberl, Sägewerksbesitzer Ludwig Ziegler und Betriebsobmann Rasp bereiteten einen bombensicheren Unterschlupf für Frauen und Kinder im Schacht vor.

Dies war ein Bergwerk an der Straße nach Dürnast, in dem unter Tage Kaolin abgebaut wurde. Neben den Schlafstätten im Schacht waren in einem unter Bäumen versteckten Stall zwei Kühe untergebracht, um die Versorgung der Kleinkinder mit Milch sicherzustellen. Auch eine Gulaschkanone war vorhanden, um Eintopfgerichte für Jung und Alt kochen zu können.

Am 21. April um die Mittagszeit sprengten zwei SS-Leute die große Eisenbahnbrücke über der Haidenaab. Direktor Haberl konnte sie gut überwachen, da sie in seinem Gartenhäuschen kampierten. Gegen 18 Uhr fuhr Haberl mit dem Fahrrad zum Schacht und empfahl den Leuten die Rückkehr in den Ort und weiße Tücher aus den Fenstern zu hängen. Er war zwischenzeitlich in Dürnast und hatte dort mit den bereits eingetroffenen Amerikanern vereinbart, dass diese am kommenden Tag ohne Widerstand in Weiherhammer einziehen könnten. Ein Großteil der Leute, die sich im Schacht aufhielten, ging daraufhin nach Hause.

Am nächsten Morgen holte der Direktor ein weißes Betttuch aus seinem Wäscheschrank und befestigte es am Kamin des Kupolofens, dem höchsten Punkt von Weiherhammer. Auch die übrigen Bürger symbolisierten mit weißen Tüchern in ihren Fenstern die friedliche Übergabe des Ortes.

Am Vormittag des 22. April holten die Amerikaner Direktor Haberl mit einem Jeep ab und fuhren mit ihm Richtung Ortsmitte. Dort erteilten sie ihre Befehle an die Einwohner. So mussten alle Waffen und Fotoapparate abgegeben werden, die rund 100 russischen Kriegsgefangenen, die während des Krieges im Werk beschäftigt waren, wurden freigelassen.

In diesen Tagen stand auch ein Güterzug mit KZ-Häftlingen im Kiesschacht, der von Buchenwald und Flossenbürg nach Dachau gebracht werden sollte. Wegen der Fliegerangriffe sollte der Transport erst nachts weitergeleitet werden. Die Häftlinge mussten zunächst die getöteten Opfer eingraben. Die Amerikaner ließen daraufhin aber einige Parteimitglieder die Toten wieder ausgraben und mit Fuhrwerken in den Ort bringen. Am Ortsende an der Hauptstraße wurden sie schließlich von einem deutschen und einem amerikanischen Geistlichen beigesetzt.

Da auf diesem Platz Anfang der 50er-Jahre ein Siedlungsgelände entstand, fanden die 18 unbekannten Opfer erst nach fünf Jahren ihre letzte Ruhestätte im Friedhof in Neunburg vorm Wald.

Text und Bild: Lothar Kraus
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