Flachglas-Werk baut neue Floatanlage in Weiherhammer
Ein Gläschen aufs Flachglas

Wirtschaft
Weiherhammer
27.09.2014
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Mal volle Auftragsbücher, mal Stellenabbau, mal revolutionäre Produkte, mal Kunden, die über Nacht wegbrechen. Das Flachglas-Werk Weiherhammer ist seit 35 Jahren sturmerprobt. Seinen Status als Flaggschiff des Weltkonzerns NSG Pilkington hat der Standort immer tapfer verteidigt.

Glasscheiben aus Weiherhammer sind in der Berliner Reichstagskuppel, in Zentralen von US-Konzernen, im Flughafen Hongkong, in unzähligen Autos sowie Büros verarbeitet. 2013 flossen im Schnitt rund 5000 Tonnen pro Tag durch die beiden Produktionslinien, deren 140 Meter hohe Kamine so etwas wie das Wahrzeichen des Industriegebiets Weiherhammer sind. Mittwoch, der 27. Juli 1977, war den damals zwei Weidener Tageszeitungen ein Extrablatt wert. Um 12.30 Uhr hatte der Aufsichtsrat der Flachglas AG in Frankfurt beschlossen, seine neue Floatanlage in Weiherhammer zu bauen. "Die Zukunft von rund 1500 Arbeitsplätzen im Raume Weiden-Wernberg ist gesichert", jubelte der NT mit den Glasmachern.

"Harte Arbeiter"

Vor der entscheidenden Sitzung hatten sich auch Boussoire in Frankreich sowie Orte in Holland oder Belgien Hoffnungen gemacht. Doch die Bosse hatten sich entschieden, über 200 Millionen Mark in die Oberpfalz zu investieren. Nicht zuletzt, weil das Land Bayern und der Bund kräftig mitfinanzierten. Zudem war Süddeutschland wegen seiner Autoindustrie ein interessanter Absatzmarkt. Und schließlich: "Im Gegensatz zur holländischen und französischen Konkurrenz verfügt der Standort über ein großes Reservoir an Facharbeitern, die hart arbeiten und nur ungern streiken", hieß es in einem Zeitungsbericht.Allerdings war die Geduld der Beschäftigten zwischendurch schon mal erschöpft. Zuletzt gingen sie 2010 für höhere Löhne und gegen Einsparungen des Konzerns auf die Straße.

Wannen-Rekord

Zurück in den Sommer 1977: Schon einen Tag nach dem Durchbruch gab Landrat Christian Kreuzer (CSU) einen Empfang für den Weidener SPD-Bundestagsabgeordneten Franz Zebisch. Der hatte als Gesamtbetriebsratsvorsitzender alle Hebel für seine Heimat in Bewegung gesetzt. Anderthalb Stunden nachdem die beiden auf den Coup angestoßen hatten, verkündete Zebisch der Detag-Belegschaft in Weiden bei einer Betriebsversammlung unter Beifallsstürmen, dass ihre 450 Jobs aus dem Feuer sind. Mag sein, dass diese Leidenschaft, mit der die Region am Glasmachen hing, mit den Ausschlag gegeben hat, den Standort zu stärken. Dass es richtig war, hat die Belegschaft seitdem zigmal unter Beweis gestellt. Unter anderem war an der Floatlinie II 17 Jahre lang dieselbe Schmelzwanne in Betrieb. Manch anderer verschleißt in dieser Zeit drei. Die Weiherhammerer schafften es dank Pflege, Know how und Konzentration, dass sie auch an der betagten Wanne Spitzenqualität hervorbrachten.

Revolutionäre Neuheit

Dazu gehören alle möglichen Spezialgläser: dünner, härter, länger, eisenärmer, farbiger - Produkte, die hohe Anforderungen an die Belegschaft stellen, überließ Pilkington gern seinen Musterschülern in Weiherhammer. Die präsentierten 2001 eine revolutionäre Neuheit - Fensterglas, das sich bei Regen rückstandslos von selbst reinigt. Doch manchmal bekam die gläserne Vorzeigewelt Kratzer in Form von Entlassungen, Kurzarbeit und Auftragsmangel. Die Belegschaftsstärke schwankte von knapp unter 600 auf rund 300 Mitarbeiter. Zurzeit sind es etwas weniger als 500 fest angestellte Frauen und Männer.

Großkunde First Solar fällt weg

Mit der Globalisierung wuchsen Preisdruck und die Zahl der Wettbewerber. Doch die Weiherhammerer behaupten sich selbst auf dem Solarmarkt, den viele in Deutschland bereits für tot erklärten. Sie produzieren nach wie vor Solarmodule für Dächer und Freiflächen, wenn auch nicht mehr die Stückzahlen wie Anfang des Jahrhunderts. Pilkington glänzt in den Spiegeln der größten Sonnenkraftwerke der Welt, etwa in der Wüste von Nevada oder im Solarpark "Andasol" in Südspanien. Auf der anderen Seite knabbert das Werk daran, dass der Großkunde First Solar seinen Standort Frankfurt/Oder dichtgemacht hat und nun wieder in Nordamerika produziert.

Projekt "Genius" soll es retten

Um solche Einschnitte verkraften zu können, setzt Pilkington auf mehrere Säulen, unter anderem das Projekt "Genius". Es sichert den Wissenstransfer im Unternehmen von den erfahrenen auf die jüngeren Mitarbeiter. Es erzieht junge Kollegen dazu, nicht Raubbau mit ihrer Gesundheit zu betreiben und auf Arbeitssicherheit zu achten. Wehe auch dem Ministerpräsidenten, der es mit der Helmpflicht beim Betriebsrundgang nicht so genau nimmt.

Mit Schalke ganz vorn

So etwas gefällt der Unfallversicherung. Erst im Juli zeichnete die Gesellschaft VBG Pilkington-Azubis aus, die ein Projekt gegen Gehörschäden gestartet hatten. Die Weiherhammerer Lehrlinge gewannen den Preis zusammen mit der Jugendabteilung des FC Schalke 04. Die Jugend liegt Werksleiter Reinhold Gietl ohnehin am Herzen. Denn als 1989 die Floatlinie II den Standort vergrößerte, stellte der Konzern mächtig ein. "Von damals haben wir einen Überhang an Ü-50-Leuten, ich gehöre auch dazu. Wenn wir nicht aufpassen, geht in zehn Jahren viel Fachkompetenz verloren."

Lob aus dem Pott

Daher Projekte wie "Genius". Daher auch der Mut, für zwei Elektriker-Azubi-Jahrgänge nur Mädchen zu nehmen. Dazu kommen zwei Schlosserinnen. "Die machen einen super Job", freut sich Gietl über den Imagewandel in der schweißgetränkten Männerwelt der Schmelzöfen. Auch Jungs kann er Einiges anbieten. "Wer jetzt Industrieglasfertiger lernt, hat gute Chancen, in zehn Jahren auf einem Meisterposten zu sitzen."

Großes Lob von Jochen Settelmayer

Dass Oberpfälzer Chancen nutzen, fällt regelmäßig der Konzernspitze auf. "Weltweit sind wir in Weiherhammer am weitesten, weil hier Mitarbeiter in der Lage sind, unsere Innovationen zur Produktreife zu bringen", lobte Jochen Settelmayer, Vorstand von Pilkington-Deutschland vom Ruhrpott aus 2007 seine Kollegen im Süden. Auch er dürfte über die Standortentscheidung von 1977 heilfroh sein.
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