Stumme Zeugen

Das Sühnekreuz bei Hiltersried erinnert an die Hussitenkriege. Bild: hfz
Lokales
Wernberg-Köblitz
24.10.2014
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Steinkreuze halten die Erinnerung an Krieg, Mord, Totschlag oder Unglücksfälle wach. Nicht immer finden sich Nachweise für den unmittelbaren Anlass. Alte Formen der Gerichtsbarkeit könnten dabei durchaus eine Rolle spielen.

"Das Übel gehört zur Welt - auch Mord und Totschlag, Krieg und Pest", schickte Franz Spichtinger voraus. Mit der Aufstellung eines Sühnekreuzes gedachten die Menschen eines tragisch Umgekommenen im Gebet. Man fragte nicht nach Schuld und Unschuld. Im Volksmund haben die Steinkreuze, je nach Region unterschiedlich, zahlreiche Bezeichnungen, die auf historische, tragische Ereignisse zurückgehen. Bei der Seniorengruppe der Pfarrei Sankt Josef sprach Franz Spichtinger über Oberpfälzer Steinkreuze. Der Wernberg-Köblitzer ist Autor mehrerer Bücher und widmet sich Fragen der Gesellschaftspolitik und der Religionen.

Ins Gedächtnis eingebrannt

Im Oberpfälzer Raum, im Fränkischen, aber auch bei den böhmischen Nachbarn erinnern laut Spichtinger Steinkreuze, Kreuzsteine, Mord- und Denksteine an besondere Ereignisse. In den Jahren zwischen 1419 und 1434 gab es in Böhmen zwischen den Hussiten und den Katholiken schwere kriegerische Auseinandersetzungen, die auch in die Oberpfalz hineinreichten "und in das geschichtliche Gedächtnis der Generationen bis heute eingebrannt sind."

Hier sind fast immer geschichtlich nachweisbare Fakten vorhanden. Beim bekannten Sühnekreuz bei Hiltersried könnte es sich um ein sogenanntes Hussitenkreuz handeln, das an die Auseinandersetzungen im 15. Jahrhundert erinnert. Pest, Hunger und vor allem kriegerische Gewalt prägten die verflossenen Jahrhunderte. Von 1618 und 1648 litt Europa unter dem Dreißigjährigen Krieg. Die Oberpfalz war wie keine andere deutsche Landschaft Durchzugsgebiet. "Der geistesgeschichtliche Hintergrund ist der, dass in christlicher Zeit die Vorübergehenden angehalten werden sollten, Fürbittgebete für einen ohne Sterbesakramente zu Tode Gekommenen zu halten", erläuterte der Referent den Grund für das Aufstellen von Steinkreuzen.

Einige der alten Kreuze könnten auf alte Formen der Gerichtsbarkeit zurückgehen. "Wenn man einen Handel oder wichtige Eheverträge abschloss, hat man oft auch die Einhaltung der Verträge mittels eines Schwurkreuzes besiegelt", berichtete Spichtinger. Das galt auch für politische Verträge. Sühnekreuze stehen zumeist im Zusammenhang mit Totschlagsdelikten. Bei den wenigsten ist jedoch der unmittelbare Anlass schriftlich bezeugt.

Sie waren ein Bestandteil von Sühneverträgen, welche zwischen zwei verfeindeten Parteien geschlossen wurden, um eine Blutfehde wegen eines Mordes oder Totschlags zu beenden. Oftmals sind bei diesen Steinkreuzen Waffen eingeritzt, die als Mordwerkzeuge gedeutet werden. Wurde jemand im Streit oder anderweitig ohne Absicht getötet, musste der Schuldige mit der Familie des Opfers einig werden. Das geschah mit einem privatrechtlichen Sühnevertrag. Ob Sühnekreuze für Krieg oder Verwüstung, einen schrecklichen Unfall oder eine Mordtat stehen, ist nicht immer bekannt.

Nicht nur Sühnekreuze

"Es wäre sicher falsch, bei Steinkreuzen generell von Sühnekreuzen zu sprechen", meinte Spichtinger. Menschen errichteten sie auch nach dem tödlichen Unfall eines Angehörigen. Bei einigen der Kreuze könnte es sich um frühe Pestkreuze handeln. Vor rund 650 Jahren fielen in Europa Millionen Menschen der Pest zum Opfer. Auch Arbeitsunfälle auf dem Feld und im Wald oder der Tod durch Blitzschlag mache den Menschen immer aufs Neue ihre Vergänglichkeit bewusst.
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