Ambulante Betreuung ermöglicht den Weg aus dem Heim in die eigene Wohnung
Trotz Behinderung unabhängig

Der kleinwüchsige Oliver Hopp lebt in seiner eigenen Wohnung, zu der ein großer Gemeinschaftsgarten gehört. Einige Stunden im Monat kommt eine Fachkraft vorbei, um bei Fragen des Alltags zu helfen. Grit Höhne leitet das "ambulant betreute Wohnen". Bilder: Völkl (2)
Vermischtes
Wernberg-Köblitz
29.08.2016
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Helmut Biemer geht mit Claudia Nirschl seine Kontoauszüge und behördliche Schreiben durch.

Es sind die kleine Hilfen bei den alltäglichen Dingen des Lebens. Schreibkram erledigen, mit Einkaufen gehen, bei einer Tasse Kaffee am Küchentisch sitzen, Rat geben. Für den kleinwüchsigen Oliver Hopp sind diese Stunden mit Grit Höhne wichtig.

Die ambulante Betreuung ermöglichte ihm den Weg aus dem Heim und aus der Wohngruppe in die eigene Wohnung. Im Haus in der Schulstraße 2 leben Oliver Hopp (51) und Helmut Biemer (54). Hier ist ihr Zuhause. Die Waschmaschine teilen sie sich. Mit dem Vermieter, einem pensionierter Zahnarzt, haben sie ein gutes Verhältnis, ebenso mit den Nachbarn, "wie dem Gradl Willi, dem Schön Franz oder den Meillingers", erzählt Helmut Biemer. Einen Rüffel gab es im Winter, als er früh um 5 Uhr nicht gerade leise Schnee räumte. "Das haben wir dann ausgeredet". Jetzt nimmt Helmut Biener mehr Rücksicht auf die Nachtruhe.

Der 54-Jährige leidet noch heute unter seiner Kindheit in einer Zeit, als Menschen mit einer geistigen Behinderung abwertend beurteilt wurden. Die Sonderschüler seien von den anderen Kindern nur als "die Irchala" bezeichnet worden, stellt Biemer den Bezug zum HPZ Irchenrieth her. Der Mann wurde als Glasmacher angelernt, hatte plötzlich keine Arbeit mehr, dafür viele Probleme und kam in stationäre Betreuung.

Oliver "gehört" zum "B 14"


Oliver Hopp ist kleinwüchsig, stammt aus einer kinderreichen Familie. Er wurde nicht gefördert, hat keinen Schulabschluss und lebt seit 1988 bei Dr. Loew Soziale Dienstleistungen: Zuerst in stationären Einrichtungen, nun in der eigenen Wohnung. Während Helmut Biemer in der Werkstatt für Menschen mit geistiger Behinderung in Wernberg arbeitet und hier Luftdruckanschlüsse für Kompressoren montiert, ist Oliver Hopp der Mann für alle Fälle im Musik-Café "B 14 : Bestellungen aufnehmen, Servieren, Rechnungen eintippen, Abräumen, Spülen. "Olli" ist im "B 14" und in Wernberg integriert.

Heilpädagogin Grit Höhne ist glücklich darüber. Sie betreut bei Dr. Loew das Projekt "Ambulantes Wohnen für Menschen mit einer geistigen Behinderung". Heute sitzt Claudia Nischl mit am Tisch. Sie springt für Diana Jäckel ein, die sonst Helmut Biemers Bezugsperson ist. Elf Fachkräfte betreuen derzeit 22 Klienten einige Stunden im Monat in der gewonnenen Selbstständigkeit. Die Helfer haben bei ihnen einen Stein im Brett. Freundschaftliche Beziehungen sind entstanden.

Unabhängige Lebensform


Seit einigen Jahren ist bei Dr. Loew Soziale Dienstleistungen der Weg vorgegeben. Soviel Heim wie nötig, so viel selbstbestimmtes Leben wie möglich. Wer eigenständiges Wohnen wagen will, testet mit den Betreuern die Möglichkeiten, die Anforderungen und die persönliche Eignung aus. Ambulant betreutes Wohnen ist laut Grit Höhne "eine Betreuungsform, die es Menschen mit geistiger Behinderung ermöglicht, nicht in einem Heim leben zu müssen". Ziel sei es, "Menschen den Weg vom einem Heim in eine unabhängige Lebensform zu ermöglichen oder auch auf Wunsch der Betroffenen die Aufnahme in ein Heim zu verhindern".

Grit Höhne schildert den Fall einer geistig behinderten Frau, die bei den Eltern lebte. Dann starb der Vater, die Mutter kam ins Seniorenheim. Schon in dieser Zeit griff die ambulante Betreuung, wurde die Frau bei Besuchen der Mutter begleitet, der Alltag strukturiert. Inzwischen ist die Mutter verstorben. Doch mit ambulanter Hilfe kann die Tochter weiterhin in der elterlichen Wohnung, der gewohnten Umgebung leben. Unterstützt werden Menschen mit einer geistigen Behinderung bei der Auswahl der Wohnstandortes und der Wohnung, beim Einrichten, bei der Strukturierung von Tagesabläufen. Jeder Klient hat eine feste Bezugsperson. Den Bedarf an Stunden legt der Kostenträger gemeinsam mit den Betroffenen und Helfern fest.

"Absprachefähig sein"


Für Grit Höhne ist es das A und O, dass Interessenten "absprachefähig sind.". Die Hilfe wird dem jeweiligen Bedarf angepasst: Da wird gemeinsam eingekauft, werden Möbel besorgt oder der Schriftverkehr mit der Krankenkasse erledigt. Kontokontrolle, ärztliche Begleitung sind ein Thema. Wichtig ist auch einfach "das Gespräch am Küchentisch." Grit Höhne sieht, wie Menschen mit geistiger Behinderung "eine eigene Identität, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl entwickeln. Man muss sie nur im Alltag etwas unterstützen".

Ambulant vor stationärMenschen, die wegen einer Behinderung ihren Lebensunterhalt nicht eigenständig bestreiten können, haben Anspruch auf Grundsicherungsleistungen. Dazu gehören die Miete der Wohnung, die Heizkosten sowie der aktuell gültige Sozialhilfesatz, der dem sonstigen Lebensunterhalt dient. Die ambulante Betreuung ist eine Leistung der Eingliederungshilfe und wird vom Sozialhilfeträger, dem Bezirk Oberpfalz, unterstützt. Ambulante vor stationärer Betreuung - das ist unterm Strich auch finanziell günstiger, so Grit Höhne.

Das Angebot besteht im nördlichen Landkreis Schwandorf, im Stadtgebiet Weiden und dem südlichen Landkreis Neustadt. Ansprechpartnerin Grit Höhne ist unter Telefon 09604/9093316 erreichbar. (cv)
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