Internationaler Rastplatz an der A 93
Ein Schmelztiegel der Nationen

Im Shop- und im Subway: Elke, Nicole und Petra (von links) haben Spät- oder Nachtschicht im Autohof Wernberg-Köblitz.
Vermischtes
Wernberg-Köblitz
15.07.2016
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Bestellungen entgegennehmen, zapfen, servieren: Kerstin ist Profi, bleibt trotz der stressigen Situation immer freundlich und zuvorkommend.

Die Trucker kommen aus Rumänien, Polen, Russland, Ungarn und Tschechien. Dazwischen stehen Sattelzüge aus Schweden, Finnland oder England. Nacht für Nacht machen sie den Autohof zum internationalen Rastplatz.

Der Lkw- Parkplatz an der A 93 ist eine Welt für sich. Die Fahrer kaufen ein, unterhalten sich, machen es sich in der Koje bequem. Auf den Pkw-Plätzen davor läuft das Urlaubsgeschäft. Nach den Touristen aus Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt kommen Mitte Juli die Skandinavier, im August setzt der Rückreiseverkehr ein. Die Kinder müssen aufs Klo, der Hund braucht Wasser, "Herrchen" Zigaretten, die Familie Sandwiches im Subway. Geschäftsreisende im Nadelstreifen trinken einen Espresso, gehen ihre Unterlagen durch. Dazwischen hört man Oberpfälzisch. Auch die Einheimischen tanken hier, essen und treffen sich mit Freunden.

Das Sortiment im 24-Shell Autohof Wernberg-Köblitz erinnert an einen Trendy-Convenience-Shop. Alles, was man unterwegs braucht, muss verfügbar sein: Snacks und Getränke, Ersatzteile. Da liegen Wandler, Verstärker und Routenplaner neben Sicherheitswesten und zum Entspannen gibt es auch einen Stapel Erotik-Magazine.. In den Regalen finden sich plüschige Mitbringsel für die Kinder, eine trendige Tasche oder ein hübsches Tuch für die Ehefrau. Stimmen muss auch die Infrastruktur. Das heißt saubere Toiletten und Duschen. Manche Ausländer haben allerdings ihr Problem mit der Wasser-Sensorik. "Da stand schon mal einer splitternackt vor uns, weil er damit nicht zurecht kam", lacht Shop-Leiterin Elke. Sie könnte viel erzählen. Erst vor kurzem hatte es ein Geschäftsreisender aus Norddeutschland ziemlich eilig. Er fuhr los und hatte die Zapfpistole noch im Tank.

Es ist Mittwoch: Der 52-jährige Mihai und seine Frau Llinka managen den Lkw-Parkplatz. Kurz vor dem Dunkelwerden rollen die letzten Sattelschlepper an. Die 80 Parkplätze sind voll, die Trucker schätzen den sicheren Parkplatz für ihre wertvolle Fracht. "Auf den unbewachten Plätzen wird schon mal eine Plane aufgeschlitzt und Ware geklaut", erzählt Mihai. Seine Frau Llinka weist die Trucker in ihre Plätze ein. Resolut, aber mit einem Spaß auf den Lippen. Zehn Euro zahlen die Trucker für die Nacht. Der Bon kann im Rasthof eingelöst werden. Mihai ist hier nicht nur Platzwart und Parkwächter. Er hört auch zu, wenn die Fahrer erzählen: von gescheiterten Beziehungen, einer zerbrochenen Ehe. Im Restaurant sitzen schon mal Trucker zusammen, die sich seit Jahren kennen, doch meist isst jeder alleine an einem Tisch. Sprache zieht Grenzen. Dafür wird auf Monitoren Formel I oder Fußball übertragen.

Im Laufschritt


In der Küche ist der 53-jährige Shrithar aus Sri Lanka ein gefragter Mann. Draußen an der Theke steht Kerstin. 24 Jahre ist die 51-Jährige in der Gastronomie, seit März im Autohof. Vor der Theke hat sich eine lange Schlange gebildet. Kaum einer der Gäste spricht deutsch. Kerstin nimmt die Bestellungen auf: Pizza, Allgäuer Schnitzel, Cordon Bleu. "Mit Pommes oder mit Bratkartoffeln?" Kerstin kassiert, zapft die Getränke, schiebt Shrithar die Bons zu. Dazwischen bringt sie im Laufschritt die Gerichte an die Tische. "Guten Appetit, Besteck kommt sofort. Gute Weiterreise". Schon ist sie wieder an der Theke: "Ola, es geht weiter". Verständigungsprobleme werden mit Gesten schnell geklärt. Kerstin ist Profi. Ihre Schicht geht um 23 Uhr zu Ende.

Elke managt einige Meter weiter den Shop. "Über 80 Prozent zahlen mit Karte" erzählt sie, während sie kassiert: Sprit, Zigaretten, Müsliriegel. Im Team der 50 Mitarbeiter sind Schüler ebenso vertreten wie die 60-jährige Hausfrau und Oma. Alle zwei Wochen wird der Schichtplan gemacht. "Wir bekommen es meist so hin, dass es für jeden passt", erzählt Elke. Sie übernimmt seit vier Jahren die Spät- und Nachtschichten, hat ihren Lebensrhythmus darauf ausgerichtet. Die Tochter ist 18 und "ein Mann nicht im Sortiment". Um 22 Uhr kommt die 51-jährige Petra. Sie übernimmt von 22 bis 6 Uhr morgens. Es ist ruhig geworden. Französisches Frühstück gibt es ab 3 Uhr, ab 6 Uhr ist die Küche wieder für warme Frühstücksgerichte besetzt.

Gut überwacht


Ängste kennt die Frauentruppe übrigens nicht. "Vielleicht ist ein Kunde mal überreizt," räumt Petra ein. Doch ansonsten: Kein Problem. Der 24-Shell Autohof ist seit 2014 videoüberwacht. Seitdem gingen auch die Benzindiebstähle um über 90 Prozent zurück. Die Bereitschaftspolizei schaut oft vorbei "und der Zoll ist ja gleich um die Ecke", erzählt Petra. Draußen sperrt Mihai um 22 Uhr sein Häuschen zu. Er schaut noch einmal auf die vielen Schilder aus fernen Ländern, die ihm die Trucker mitbringen, auf den Zeitungsartikel, in dem seine Fürsorge gelobt wird. Um 6 Uhr ist er wieder da.
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