Berufsschulen droht Chaos

Josef Weilhammer, Leiter der Europaberufsschule in Weiden.
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Wiesau
08.07.2015
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Der Verband der Berufsschullehrer in Bayern schlägt Alarm: Die Schulen haben zu wenig Lehrer für zu viele Schüler. Die Oberpfalz ist besonders betroffen. Die Schulleiter greifen da auch mal zu ungewöhnlichen Mitteln.

"Die beruflichen Schulen in Bayern stehen vor dem Kollaps", warnt der Lehrerverband. Zu wenig Personal und Mittel führten zu katastrophalen Zuständen. Darauf aufmerksam macht ein am Dienstag veröffentlichter offener Brief an den Kultusminister Ludwig Spaenle. Der Verband der Lehrer an beruflichen Schulen in Bayern (VLB) richtet einen Hilferuf an ihn, da Kürzungen im Pflichtunterricht geplant seien. Das komme einer "Bankrotterklärung" für Berufsschulen gleich.

Besonders die Schulen der Oberpfalz sind betroffen. Hintergrund ist laut dem Schreiben eine "Fehlprognose" von 2011. In diesem Jahr wurde demnach vorhergesagt, dass es in der Oberpfalz einen Schülerrückgang von 29 Prozent gebe. Auf der Basis dieser Zahlen wurden Mittel vergeben und Lehrerstellen zugewiesen. Nun verzeichnet die Oberpfalz laut Verband jedoch nur 2 Prozent Rückgang.

Eine falsche Rechnung mit verheerenden Folgen. Aufgrund der Prognose bekamen die Schulen weniger Stellen und Mittel zugeteilt. Dadurch kämpften bayerische Berufsschulen seit Jahren mit akutem Lehrermangel, berichtet die Vorsitzende des Oberpfälzer VLB-Bezirksverbandes, Sophia Altenthan aus Regensburg. Um dies auszugleichen, hätten die Lehrer unzählige Überstunden angehäuft und die Schulen nebenberufliche Lehrkräfte eingestellt. Nun habe das Finanzministerium auch diese Ausgleichsmaßnahmen unterbunden. "Wir haben gedacht: Das kann doch nicht euer Ernst sein. Wir können doch den Unterricht nicht einfach ausfallen lassen", sagt Altenthan über das Spardiktat des Finanzministeriums.

Schulleiter muss aussiedeln

Schulleiter Josef Weilhammer von der Europaberufsschule in Weiden kann sich an die Nachricht von 2011 erinnern, dass ein Drittel der Schüler wegbleiben werde. Er sei zwar sehr froh, dass es nicht so gekommen sei. Doch auch seine Schule leide nun unter fehlenden Lehrerstellen und vor allem Platzmangel. "Wir haben kein Lehrerzimmer und mein Raum dient als Besprechungszimmer. Das heißt, ich werde hin und wieder ausgesiedelt", sagt der Schulleiter.

Dazu kommt, dass die Berufsschulen nun auch noch verantwortlich für die Berufsförderung und vor allem den Sprachunterricht von Flüchtlingen und Asylbewerbern sind. Die Weidener Berufsschule hat bereits vier dieser Klassen, nächstes Schuljahr könnten es bis zu sieben Klassen werden. "Das sind schon dramatische Zeiten für die Berufsschule. Es kommt vieles auf uns zu, was wir vor vier Jahren nicht geahnt hätten", gibt Weilhammer zu. Doch er wolle sich nicht beklagen, "viel guten Willen" sehe er auch aufseiten der Bundesregierung und der Stadt Weiden, mit der er gerade leerstehende Gebäude für kommendes Schuljahr besichtige. "Ich will aber auch die Asylbewerberklassen ins Hauptgebäude integrieren. Sonst haben wir ja wieder eine Ghettoisierung."

Auch Wolfgang Eckstein, Schulleiter am Staatlichen Beruflichen Schulzentrum (BFZ) in Wiesau bekommt kommendes Schuljahr bis zu drei neue Klassen mit jungen Flüchtlingen hinzu. Neben dem Sprachkursen will er die ausländischen Schüler schnell in die verschiedenen Berufsbereiche einführen. Die beiden Schulleiter klagen jedoch auch über ein anderes Problem. Während sich Altenthan im Regensburger Ballungsraum eher über arbeitslose Lehreranwärter beschwert, ist das Problem in der Oberpfalz Lehrermangel.

"Wer geht nach Wiesau?"

"Die Wirtschaft zieht die studierten Lehrkräfte ab", erzählt Eckstein. Und in der Schweiz würden Berufsschullehrer 6000 Euro verdienen. "Doch wer geht mir nach Wiesau?", fragt der Schulleiter. Besonders im Spezialbereich des BFZ Wiesau, der IT-Technik, gäbe es Schwierigkeiten, Lehrkräfte auf hohem Niveau zu finden. Doch die Betriebe in der Oberpfalz erwarten Top-Leistungen. "Von uns lebt die Region", sagt er. Auch viele Schüler würden die Chancen einer beruflichen Ausbildung völlig unterschätzen. Schulleiter Weilhammer bestätigt die Aussage seines Kollegen: "90 Prozent der Betriebe werden in der Region von Meistern geführt. Den Gesellenbrief kann man als berufliches Abitur bezeichnen."

Personalmangel, Platzprobleme, Imageschwierigkeiten. Wie gehen die Oberpfälzer Berufsschulen damit um? Sie geben sich so pragmatisch, wie sie es auch ihren Schülern lehren. "Wir machen das schon irgendwie", beruhigt Eckstein. "Das ist eben der ganz normale Wahnsinn an den Berufsschulen", sagt auch Weilhammer. Er habe seinen Lehrern gesagt: "Wir müssen das Beste daraus machen."
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