Im Durchgangslager Wiesau kommmen 1946 täglich bis zu 7000 Menschen an
Neubeginn mit 50 Kilogramm

Vom 25. Januar 1946 bis Ende April 1946 trafen im Lager Wiesau (Kreis Tirschenreuth) täglich vier bis sechs Züge mit jeweils 1200 Menschen ein. Archivbild: dpa
Kultur
Wiesau
19.03.2016
504
2
 
Gartenzaun und ein Dach über dem Kopf: Blick in das Lager Fichtenbühl in Weiden. Bild: Stadtarchiv Weiden
 
Ein Flüchtlingszug mit vertriebenen Sudentendeutschen trifft im Durchgangslager Wiesau ein. Lange hat man in Tschechien geschwiegen über das, was in den Monaten der Anarchie und "wilden" Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg geschah. Archivbild: dpa

Plötzlich ist das Thema wieder interessant. 70 Jahre später. 1946 waren durch das Durchgangslager Wiesau mindestens eine halbe Million Vertriebene geschleust und auf ganz Bayern und weitere Bundesländer weiterverteilt worden. In Transportzügen kamen in Wiesau täglich bis zu 7000 Flüchtende an. An der Hand: ihre Kinder und 50 Kilo Freigepäck.

Von Siegfried Bühner

Die aktuelle Flüchtlingsthematik lenkt das Interesse auf die Zeit nach dem letzten Weltkrieg. Seit Jahren befasst sich Historiker Franz Worschech mit der Vertreibung aus der ehemaligen Tschechoslowakei. Annähernd drei Millionen Volksdeutsche mussten nach dem Zweiten Weltkrieg das Gebiet der damaligen Tschechoslowakei verlassen.

1945 war es bei der sogenannten "wilden" Vertreibung zu brutalen Exzessen und Massakern an Deutschen gekommen, nach internationaler Kritik begann 1946 die offizielle Abschiebung der deutschen Bevölkerung. Wer nach Parallelen zu heute sucht, findet - zumindest logistisch - einige. Von Willkommenskultur konnte allerdings kaum die Rede sein. Dafür glückte eine schnelle, pragmatische Integration der Landsleute im Nachkriegsdeutschland.

Milch in Eger


Wer vorher einen Bauernhof, ein Haus oder sonstiges Vermögen besaß, musste mit maximal 50 Kilogramm Gepäck seine Heimat verlassen. Der Historiker Worschech beleuchtet die Ansiedlung von Sudetendeutschen aus dem Raum Tachau/Eger in der nördlichen Oberpfalz. Dabei spielt die Stadt Wiesau als Durchgangslager und später auch als festes Flüchtlingslager eine bedeutende Rolle.

Die Eisenbahnwaggons mit Vertriebenen starteten in Tachau und kamen nach rund sechs Stunden in Wiesau an. Die Züge fuhren über Eger. Dort gab es einen zweistündigen Zwischenstopp und Milch für die Kinder. Die tschechische Führung hatte mit den USA Vereinbarungen einer "humanen" Abschiebung getroffen. Protokolle mit Listen der mitgeführten Lebensmittel können heute im tschechischen Nationalarchiv nachgelesen werden. Die Züge verkehrten zwischen Februar und Oktober 1946. Danach wurde Wiesau in ein festes Flüchtlingslager mit bis zu 1300 Bewohnern umgewandelt. Täglich pendelten bis zu sechs Transporte. Pro Zug kamen maximal 1200 Menschen in Wiesau an. Jeder Transport umfasste 40 Waggons mit jeweils 30 Passagieren.

Im Waggon übernachtet


Weil auch das Gepäck in den Waggons transportiert werden musste, ging es sehr eng zu. Wiesau war damals ausschließlich Durchgangslager. Vertriebene hielten sich maximal zwei Tage, manchmal auch nur Stunden dort auf. Nur ganz wenige Neuankömmlinge sind nach Einschätzung von Worschech für längere Zeit in Wiesau verblieben.

Die meisten Vertriebenen übernachteten in den Waggons. Die vorhandenen Lagergebäude hätten nur wenige Ankommende aufnehmen können. Registrierung, Entlausung, Essen, ärztliche Untersuchung: Diese drei Stationen wurden vor dem Weitertransport durchlaufen.

Als Gesamtzahl der über Wiesau "Durchgeschleusten" nennt Worschech 587 000. In verschiedenen Publikationen werden auch andere Zahlen, meist höhere, genannt. Eine exakte Zahl ist laut Worschech schwierig zu berechnen. In Wiesau kamen auch sogenannte "Antifa-Transporte" mit deutschstämmigen Kommunisten und Sozialisten sowie Grenzgänger an.

Die nächste logistische Herausforderung war die weitere Verteilung der Vertriebenen, die dem aktuellen Modell gar nicht mal so unähnlich ist. Von Wiesau aus erfolgte die Verteilung auf die Regierungslager innerhalb Bayerns, zum Beispiel nach Bayreuth, Augsburg, Allach sowie nach Hessen und in den nördlichen Teil von Baden-Württemberg. Aus den Regierungslagern wiederum erfolgte die Aufteilung auf Kommunen. Auf allen Verwaltungsebenen gab es Flüchtlingskommissare. In vielen Kommunen beschlagnahmten sie Wohnraum zur Unterbringung. Worschech hat ein Orginaldokument, in dem der Flüchtlingskommissar von Neustadt/WN Mängel bei der Unterbringung der Vertriebenen in den Kommunen kritisiert und Verbesserungen anmahnt.

Eine Willkommenskultur bestand damals wohl eher nicht. Am Ende profitierte die Gesellschaft aber von den Zuwanderern, die auf den beginnenden wirtschaftlichen Aufschwung stießen. Historiker Worschech kann dies exemplarisch an den Erfahrungen seiner eigenen Familie erläutern, die aus dem westböhmischen Ort Zummern stammte und sich in Kohlberg (Kreis Neustadt/WN) niederließ.

Kultur hoch gehalten


Sein Vater fand dort zunächst, wie viele andere auch, Arbeit in der örtlichen Möbelfabrik. Durch den Zuzug der Vertriebenen verdoppelte sich die Einwohnerzahl Kohlbergs. Vorurteile legten sich laut Worschech schon nach ein, zwei Jahren. 1948 gab es noch eine eigene "Vertriebenenliste" bei der Gemeinderatswahl - aus der vier Gemeinderäte gewählt wurden.

Die Neubürger hielten ihre Kultur hoch, wie Bilder aus dieser Zeit von einer Egerländer Tanzgruppe und von Trachtenumzügen in Kohlberg zeigen. Mit den Zuwanderern kam erstmals auch ein praktizierender Arzt nach Kohlberg. Worschech: "Manche Vertriebene würden sagen: Wir haben die Gemeinde aufgemischt."

Franz Worschech veröffentlichte 2014 das Buch "Zummern - Geschichte eines westböhmischen Dorfes" erschienen im Schaffer Verlag. Zahlreiche Informationen über Kohlberg wurden von Karl Prösl zur Verfügung gestellt. Vertiefungen des Themas bieten die Aufsätze "Das Grenzdurchgangslager Wiesau" von Adalbert Busl und "Das Grenzlager Wiesau" von Konrad Zrenner, erschienen in der Reihe "Oberpfälzer Heimat", 59. und 60. Band. Die historischen Fotos haben die Historiker Sebastian Schott und Hans Worschech zur Verfügung gestellt.

Weitere Informationen zum Durchgangslager Wiesau:

www.onetz.de/flüchtlingslager-wiesau

HintergrundIm Jahr 1946 gingen Transporte in die amerikanische Besatzungszone nur über die beiden Grenzdurchgangslager Furth im Wald und Wiesau. Hof-Moschendorf und Piding kamen erst später dazu. Bayern hat 1 929 263 Flüchtlinge und Heimatvertriebene aufgenommen (21 Prozent in Bayern), in der Oberpfalz waren es 20,8 Prozent.

In die gesamte US-Besatzungszone gingen insgesamt 1111 Zugtransporte, was 1 183 870 Menschen entspricht. Darunter befanden sich nicht nur Sudetendeutsche. 661 Transporte gingen nach Bayern (690 879 Menschen), 450 Transporte nach Hessen und Baden-Württemberg (492 491 Menschen.

In Wiesau wurden 587 648 Personen registriert, in Furth im Wald 651 648. Dies ergibt 1 238 648 Menschen. Hier sind nicht nur die Zugtransporte eingerechnet, sondern auch die Antifa-Transporte (in der Regel Autotransporte) und individuelle Transporte durch die Amerikaner, vermutlich auch Grenzgänger, die sich in den beiden Lagern registrieren ließen.

In späteren Jahren kamen immer noch Flüchtlinge in die amerikanische Zone, wenngleich die Zahl abnahm.

Detaillierte Zahlen zu Wiesau:

Vom 25. Januar 1946 bis Ende April 1946 kamen dort täglich vier Züge mit jeweils 1200 Menschen an. Von Mai bis Mitte Juli 1946 waren es täglich sechs Züge mit 1200 Menschen, von Mitte Juli bis 3. November 1946 täglich vier Zugtransporte. Bis Ende November waren es täglich drei Züge.
2 Kommentare
54
Stefan Kreuzeck aus Pfreimd | 23.03.2016 | 15:29  
6
Peter Storch aus Zell | 29.11.2016 | 02:20  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.