Nach fast 70 Jahren ist jetzt die Personenliste des geheimen Häftlingstransportes aufgetaucht
Die weißen Kreuze haben Namen

Die erste Seite der geheimen Transportliste der Totenkopf-SS des "Lagers Flo" vom 22. November 1944 zum Einsatz in "Elsabe".
Lokales
Wiesau
26.11.2012
124
0

Beunruhigend, was da zu sehen war: Auf einer Wiese unterhalb der steilen Böschung standen in Reih und Glied viele, viele Holzkreuze! Und wer ganz nahe hintrat, konnte zwei Tafeln lesen: "Wer sind wir?" Anfang Mai waren sie wieder verschwunden. Wer stellte sie auf und weshalb?

Wer ab Ende Oktober 2011 die Nebenstraße Schönhaid - Wiesau befuhr, der konnte diese Installation links der Bahnunterführung von weitem sehen. Selbst die Polizei schaltete sich ein. Adalbert Busl, Rektor der Grundschule, ist überzeugt: "Dies war kein Schabernack, sondern eine Erinnerung an einen 1944 verunglückten Güterzug mit vielen Häftlingen aus dem Konzentrationslager Flossenbürg."

Ältere Wiesauer erinnern sich sehr wohl an dieses schreckliche Unglück, an Schreie, an Gerüche, an das Chaos. So auch Dekan i. R. Karl Grünwald (geb. in Erbendorf, heute Hersbruck), der als neugieriger Elfjähriger im Bahnhof Reuth ein Erlebnis hatte:

"Als Gymnasiast fuhr ich jeden Tag von Erbendorf nach Weiden. Eines Morgens gab es beim Umsteigen in Reuth einen längeren Aufenthalt. Es hieß, in der Nacht seien nördlich der Station zwei Züge zusammengestoßen. Es habe auch Tote gegeben. Aber es seien - ,ja nur KZler' - gewesen. Also halb so schlimm! Als dann eine Lokomotive die verunglückten Wagen auf ein Nebengleis rangierte, stiegen wir hinauf, fanden Reste der gestreiften Anzüge. Ich hob eine Mütze auf und sah darin eine Schädeldecke mit Gehirn."

Streng geheim

Der streng geheime Häftlingstransport um Mitternacht blieb nicht nur Tagesgespräch. Wir kennen die Einzelheiten aus dem bahnamtlichen Rapport zum Unglück. Bahnhofvorstand Sax schrieb sechs Unfallmeldungen. "Am Donnerstag, dem 23.11.1944 gegen 0 (null) Uhr fuhren Dg 6395 und eine Rangierabteilung aus 8946, die irrig auf die freie Strecke ... zwischen Wiesau und Reuth hinausfuhr, ungefähr bei km 31,0 zusammen."

In der Endversion wird er den Unfallort präzisieren: " 5 Uhr [früh] - geborgen bis jetzt 20 Tote, weitere (verbrannte) Tote unter dem Zug." Später gab er dann die endgültige Zahl an: "Zugführer des 6395 und vier Mann der Wachmannschaft, 48 Häftlinge (diese Zahl könnte sich noch bis zu 3 Mann erhöhen). Verletzte: Heizer des 8946, 14 Mann Wachmannschaft - davon 10 mittel u. 4 leicht, 69 Häftlinge. Die Stärke des Gefangenentransportes betrug 400 Häftlinge und 33 Mann Wachmannschaft, davon 1 Führer, der mit tot ist."

Mit Stroh gepolstert

Die Häftlings-Güterwagen waren mit Stroh gegen die Kälte der Wagenböden ausgepolstert - und hatten sogar angeheizte Kanonenöfchen. Ein tödliches Gemenge bei umstürzenden, von außen fest verschlossenen Waggons. Sax äußerte sich undeutlich über den Status der "Soldaten". Es war Personal der SS-Totenkopfstandarte, speziell geschult für die Aufgaben in einem Konzentrationslager, hier "K.L. Flo."

Das Standesamt Wiesau hatte nach dem "Reichsgesetz" die amtliche Aufgabe, alle Tote in seinem Bereich mit Personaldaten etc. zu beurkunden. Bei den vier toten SS-Angehörigen kein Problem, aber die Personalien der getöteten 51 Häftlinge blieben ein Geheimnis.

Bis jetzt. Nach monatelanger Suche wurde jetzt die originale, geheime Transportliste gefunden. Sie datiert vom 22. November 1944. Darin die Personendaten der KZ-Häftlinge aus vielen europäischen Ländern, darunter Nr. 29 Oskar Koch, der einzige Jude. Jetzt haben die weißen Kreuze Namen. Die Liste ist farbig überarbeitet, rot durchgestrichen die Häftlingsnummern der "Rücküberstellten", blau die der nur 42 Toten. Grün vermerkt sind "8 verkohlte und angeblich 5 Geflüchtete", letztere in der Liste gekennzeichnet mit "AR", "AW", "AR", "ARR", "AK". Das konnte nicht entschlüsselt werden.

Tarnname Elsabe

Gelöst ist das Rätsel um den Zweck des Häftlingstransportes: Die Häftlinge sollten ins KZ-Nebenlager Leitmeritz "verschubt" werden. Sie hätten in einer geheimen Rüstungsfabrik schuften müssen: Tarnname Elsabe.

Die Originaldokumente zum Unfall sind einzigartig für die Regional-, Orts- und Eisenbahngeschichte. Sie wurden 1996 im ehemaligen Bahnhofsgebäude gefunden. Ein Unbekannter übergab sie Manfred Steinberger vom Markt Wiesau. Dieser ordnete sie ins Archiv ein. Sie wurden inzwischen in Kopie weitergeleitet an das Deutsche Technikmuseum Berlin und das Staatsarchiv Amberg.
Weitere Beiträge zu den Themen: November 2012 (8860)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.