Gedenkfeier zur 70. Wiederkehr der Vertreibung
Brückenbauer und Leistungsträger

Mit einer Kranzniederlegung am Mahnmal am Wiesauer Bahnhof gedachten die Ehrengäste der Opfer der Vertreibung vor 70 Jahren. Bild: wro
Politik
Wiesau
23.10.2016
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Landsleute unter sich: Auch in den Adern von Bürgermeister Toni Dutz Adern fließt sudetendeutsches Blut. Bis zur Vertreibung betrieben seine Vorfahren in Alt-Strohlau eine Porzellanmanufaktur. Bild: wro

Vor genau 70 Jahren stand Gretl Michel schon einmal am Bahnhof Wiesau. Als kleines Mädchen gehörte sie zu jenen rund 860 000 Menschen, die nach der Vertreibung aus dem Sudetenland dort Zuflucht gefunden hatten. Am Samstag kamen die Erinnerungen zurück.

Die Kreisvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft Bayreuth eröffnete am Mahnmal mit bewegenden Worten den Festakt zur 70. Wiederkehr der Vertriebenentransporte. In Güterwaggons gepfercht, mit kaum Gepäck in der Hand erreichten sie den Wiesauer Bahnhof. Neben Furth im Wald und Hof-Moschendorf war die Gemeinde eine der großen Durchgangsstationen in Richtung Westen. Für viele Sudetendeutsche sollte der Ort ein Tor zur Freiheit werden.

Der Zukunft verpflichtet


"Vertrieben - Angekommen - Aufgebaut. Der Zukunft verpflichtet" war der Festakt im Pfarrzentrum "St. Michael" überschrieben. Eine umfangreiche Fotoausstellung erinnerte an das Leben im Grenzdurchgangslager, Zeitungsausschnitte an Zeitzeugen. Besonders bestaunt wurde das von Karl-Heinz Ehrenfried gebaute Lagermodell im Foyer. Für die musikalische Umrahmung sorgte der "Musikverein Wiesau und Umgebung" unter der Leitung von Patrick Oroudji und ein abschließender - musikalischer Gruß aus Graslitz - gespielt von Peter Rojik, gesungen von Vera Smrzová.

"Gott sei Dank und welch ein Segen, dass wir mit Eurer Kultur bereichert wurden und dass wir zusammengehören." Als Hausherr eröffnete Pfarrer Max Früchtl den Reigen der Grußworte. Nicht Wunden aufreißen, nicht nach Vergeltung suchen, müsse das Ziel sein. Im Bemühen um Versöhnung dürfe man nicht nachlassen. "Eure Botschaft der Menschlichkeit kann man nicht in Worte fassen."

"Den heimatlosen Sudetendeutschen seinerzeit einen Ort der Geborgenheit zu schenken war auch ein Anliegen der Wiesauer Pfarrei", fuhr Früchtl fort. Kircheneigene Erbpacht Grundstücke konnten zur Verfügung gestellt werden, Wohnraum wurde geschaffen. "Im Pfarrgrund", eine in den 1950er Jahren entstandene Wohnsiedlung, auch die in der Friedenstraße 1953 bis 1957 errichteten Wohnungen erinnern noch heute an die Zeit, als man zupackte und seinen Beitrag leistete, um die Sudetendeutschen in Wiesau aufnehmen zu können.

Neues Zuhause gegeben


Bürgermeister Toni Dutz, sprach "vom bedeutendsten Moment seiner Amtszeit". Erinnerte an die ersten Züge, Dutz beschrieb den Aufbau des Lagers und die damalige Situation vor 70 Jahren. Privatgrundstücke wurden beschlagnahmt, um das Lager überhaupt errichten zu können. Eine deutliche Abfuhr erteilte er der Meinung, man könne die heutige Flüchtlingssituation mit der von damals vergleichen. "Deutsche wurden in deutsches Sprachgebiet vertrieben." Die Gemeinde Wiesau habe mit ihrer Gastfreundschaft einen Beitrag dazu geleistet, heimatlosen Menschen ein neues Zuhause zu geben. "Wir tun gut daran, wenn Europa endlich lernt Unrecht auch als Unrecht zu betrachten."

An den im Pfarrheim anwesenden Generalkonsul von Ungarn, Gábor Tordai-Lejkó, gewandt, erinnerte er an den Beginn des Volksaufstandes am 23. Oktober 1956. Der Jahrestag sei ein schöner - aber auch bedeutender Zufall. Anerkennung galt auch dem europäischen Partner Kroatien, dessen Generalkonsul ebenfalls dem Festakt beiwohnte. "Unsere Essenskultur änderte sich. Liwanzen und böhmische Knödel bereicherten plötzlich unseren Mittagstisch", erinnerte sich Staatsministerin Emilia Müller, 1951 in Schwandorf geboren, an die Nachkriegszeit daheim. Jahrzehntelang musste man mit dem "Eisernen Vorhang" leben. "Der Dialog zwischen den beiden Nachbarländern sei - auch Dank der Sudetendeutschen - wieder aufgenommen worden." Als "Brückenbauer" sei der 4. Stamm der Bayern zu einem wichtigen Leistungsträger der Völkerverständigung geworden. "Wir sind auf dem richtigen Weg", fügte die Staatsministerin anerkennend hinzu. "Ihre Geschichte ist auch ein Teil unserer Geschichte."

Großartige Leistung


Der Festakt sei aber auch Anlass all derer zu gedenken, die die Vertreibung nicht überlebt haben. Das Mahnmal am Bahnhof bezeichnete die Oberpfälzerin als ein steinernes Symbol der Hoffnung. "Wiesau als leuchtendes Beispiel einer großartigen Integrationsleistung hat sich in die Herzen der Flüchtlinge eingeprägt." Was damals gelang, dürfe mit Recht als Integrationswunder bezeichnet werden. Integration sei aber nur dann möglich, wenn auch der Wille dafür vorhanden sei. Die Flüchtlinge hätten ihr Wissen, ihr Können und ihre Talente mit- und eingebracht. "Daher ist Bayern auch ein gutes Stück vorangekommen."

Nachkriegsverbrechen


In seiner Eigenschaft als stellvertretender Landesvorsitzender des Bundes der Vertriebenen sprach MdL Josef Zellmeier das Schlusswort. "Die Güterzüge waren exemplarisch für die Vertreibung." Wie seine Vorredner verurteilte sie auch der MdL als Nachkriegsverbrechen an die Sudetendeutschen Landsleute. "Vielleicht hätte man den Zorn der Tschechen - wenige Wochen nach Beendigung des 2. Weltkriegs - noch verstehen können. Nicht aber die Legalisierung der Vertreibung durch die Benes-Dekrete und deren Rechtfertigung Jahre danach. Wiesau habe in den Nachkriegsjahren so viele Menschen aufgenommen, wie die Oberpfalz Einwohner hatte.

Eure Botschaft der Menschlichkeit kann man nicht in Worte fassen.Pfarrer Max Früchtl


Ihre Geschichte ist auch ein Teil unserer Geschichte.Emilia Müller
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