Interview mit Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel
Keine Angst um Euro und Europa

"Schändlich finde ich vor allem das Verhalten von Boris Johnson, der sich verantwortungslos vom Acker macht." Zitat: Theo Waigel, Bundesfinanzminister a. D. und CSU-Ehrenvorsitzender
Politik
Wiesau
03.07.2016
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Der 77-Jährige ist eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte - und als Vortragsredner international stark gefragt. Neun von zehn Anfragen muss Theo Waigel ablehnen.

Zum 70-jährigen Jubiläum der Oberpfälzer CSU reiste der ehemalige Bundesfinanzminister vier Stunden lang auf verstopften Autobahnen am Freitagnachmittag vom Allgäu in die Nordoberpfalz. Nach weiteren vier Stunden Festgottesdienst und Festakt brachte der äußerlich kaum veränderte CSU-Ehrenvorsitzende noch die Kondition für ein kurzes Interview mit unserer Zeitung auf.

Teilen Sie den Kurs von EZB-Chef Mario Draghi? Die Null- beziehungsweise Negativzinsen schaden massiv den deutschen Sparern und zehren die Altersvorsorge auf.

Theo Waigel: In einer Welt, wo die Zinsen überall sehr niedrig sind, kann Draghi sie nicht erhöhen. Sollte die Inflation im nächsten Jahr über einem Prozent liegen, sehe ich die Chance, auch mit den Zinsen leicht nach oben zu gehen. Ich weiß um das Problem der Sparer und Lebensversicherer ... Oft wird jedoch vergessen, dass in der Hälfte der D-Mark-Zeit der Realzins negativ ausfiel.

Viele Deutsche sehnen sich nach der D-Mark zurück.

Mit der D-Mark und einer 20-prozentigen Aufwertung gegenüber dem Euro hätten wir heute eine tiefe Rezession. Ich erinnere an die starke D-Mark Mitte der 90er Jahre. Die Ausfuhren brachen damals ein und die Arbeitslosigkeit schnellte empor. Acht Prozent des deutschen Bruttosozialprodukts gehen heute auf die Exportüberschüsse zurück. Deutschland profitiert am meisten vom Euro und vom Binnenmarkt.

Haben Sie nach dem Votum der Briten Angst um Europa?

Nein, keineswegs. Denn der Brexit warnt alle anderen europäischen Länder, sollten die Briten beim Ausstieg aus der EU bleiben. Die Engländer manövrierten sich in eine verheerende, fatale Situation. Es war eine bodenlos verlogene Agitation, dass die angeblichen Mehrzahlungen an die EU nach einem Brexit dem englischen Gesundheitssystem zugute kommen sollten. Die Hauptbeteiligten, einschließlich Premier Cameron, haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Schändlich finde ich vor allem das Verhalten von Boris Johnson, der sich mit dem Schlusspfiff verantwortungslos vom Acker macht.

Schändlich finde ich vor allem das Verhalten von Boris Johnson, der sich verantwortungslos vom Acker macht.Theo Waigel, Bundesfinanzminister a. D. und CSU-Ehrenvorsitzender
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