Krise der Oberpfälzer Teichwirte
Land der 1000 Sümpfe

Teichnixe Lena Bächer im Ornat, sitzend (von rechts) Klaus und Elsa Bächer, Bürgermeister Toni Dutz und Vertreter des Bauernverbandes. Bild: Herda
Politik
Wiesau
14.10.2016
300
0

Im Land der 1000 Teiche sind 80 Prozent der Landwirte zugleich Teichwirte. Tendenz rasant sinkend: Stilllegungsprämien sind oft rentabler als die Bewirtschaftung. Der Bauernverband und Kommunalpolitiker schlagen Alarm.

Wiesau/Muckenthal. "Was zurzeit in den Waldnaabauen geschieht, ist fatal", beklagt Toni Dutz den dortigen Niedergang der Teichwirtschaft. Bereits 30 Prozent der Fischwirte dort hätten aufgegeben. "Kein Fisch im Teich, keine Kulturlandschaft", warnt Wiesaus Bürgermeister. "Wir haben uns mit unseren Teichen als Weltkulturerbe beworben, wir müssen die Teichpfanne erhalten."

Beim Pressegespräch auf dem Fischhof Bächer in Muckenthal (Landkreis Tirschenreuth) diskutierten Vertreter des Bauernverbandes Wege aus der Teichkrise - was voraussetzt, zuerst die Probleme zu analysieren:

Kosten-Nutzen-Relation: "Für einen fischlosen Weiher bekommst du am meisten Geld", sagt Alfons Stock, Vorstandsmitglied und teichwirtschaftlicher Sprecher im BBV-Kreisverband seufzend. "Wenn ich Fische einsetze, die mir zur Hälfte von Ottern, Bibern und Kormoranen gefressen werden, wenn ich alles rechne - Zeit, Material - zahle ich drauf." 580 Euro pro Hektar jährlich bekommen Teichwirte, die auf Fischzucht verzichten.

Natürliches Gleichgewicht: "Früher hatten die Prädatoren selbst natürliche Feinde", sagt Franz Kustner und fordert: "Meine Parole ist schützen durch nützen." Der Oberpfälzer Bauernpräsident hält den Tierschützern ein Zitat des Ökologen Professor Wolfgang Haber entgegen: "Die Vielfalt von Natur und Leben zeigt sich in wechselnden Naturschutzzielen, unter denen der Artenschutz derzeit Vorrang hat, sich aber wiederum in der Artenvielfalt verliert."

Jagd zur Selbsterhaltung: "Sie müssen sich vorstellen, einem Schweinemäster kämen 30 bis 60 Prozent seiner Tiere abhanden, wie uns Teichwirten", beschreibt Hausherr Klaus Bächer die Lage seiner Zunft. "Es war nie unsere Absicht, irgendwelche Tiere auszurotten", betont der Fischwirtschaftsmeister, "aber die Bejagung von Tieren, die hier nicht beheimatet sind, ist pure Selbsterhaltung."

Die Landwirte hätten ein Problem mit dem Niedlichkeitsfaktor von Otter, Biber und Vögeln. "Der Fisch hat auch Lebensrecht", erbarmt sich Kustner der stummen Kreatur, das weniger Mitleid erregt. Aber der Otter sei ein so possierliches Tier, dass die Politiker das Problem aussitzten. Zwar dürfe man Kormorane und Biber inzwischen bejagen, aber von einem Bestandsgutachten bis zum Abschuss vergingen mindestens zehn Jahre. "In Österreich, wo der Fischotter Wappentier des Naturschutzbundes ist, waren es sogar 20 Jahre."

Den Enten an den Kragen


Und sollten noch mehr Teichwirte aufgeben, gehe es auch anderen Nutztieren an den Kragen: "Der Otter wirft dreimal im Jahr", sagt Stock. "und das ist eine Marderart, die frisst alles - wenn wir nicht mehr da sind, kommen als nächstes die Enten dran", warnt er. Ein Teich sei nicht anders als ein Stall. "Ich kann nicht Biber und Fischotter in einem künstlichem Weiher integrieren", meint der teichwirtschaftliche Sprecher. "Unser naturnaher Betrieb wird so zum Boomerang - weil jeder meint, das seien Naturgewässer, da dürfe man nicht eingreifen."

Noch bis 1990 habe man kaum Probleme gehabt. "Dann kam vor 20 Jahren der Mink", zählt Bächer auf, "vor 12 Jahren der Biber, vor 10 Jahren der Kormoran - mittlerweile ist schon der Fischotter flächendeckend." Obwohl man den Biber seit 2009 uneingeschränkt schießen dürfe, habe sich der Bestand auf jetzt 2000 Tiere verdoppelt. 4 bis 5 Prozent der Baumeister würden jährlich getötet. "Und Kormorane haben wir mittlerweile 7000 geschossen, und es kann keine Rede von einer Bestandregulierung sein", sagt Stock.

Wenn der Trend aber weiter zum fischlosen Teich gehe, habe das auch Folgen für die Landschaft: "Wenn sie nicht mehr bewirtschaftet werden, verschlammen die Teiche", sagt Bächer. Und von wegen Naturschutz und Artenvielfalt: "Der Moorfrosch ist bei uns, nicht in diesen Sümpfen."

Fischbegeisterung trotz widriger UmständeTrotz schwieriger Rahmenbedingungen: Der ehemalige Schweinemäster Klaus Bächer bereut die Umstellung auf die Fischwirtschaft nicht. Das Gesamtkunstwerk der Muckenthaler Fischdynastie ermöglicht die notwendige Diversifizierung: Vor gut 20 Jahren begann der steinige Weg zur Fischdirektvermarktung mit dem Neubau des Fischerstüberls und des Ladens. Bächer legt Wert auf naturnahe und artgerechte Erzeugung - verfüttert wird Getreide aus eigenem Anbau. Für die nachhaltige Verarbeitung adelte die EU den "Oberpfälzer Karpfen" als geschützte Marke.

Im Fischerstüberl schwört Bürgermeister Toni Dutz auf den Stiftlandkarpfen blau. Aber die Fischköchin hat weit mehr zu bieten: Ob ganzer Hecht vom Teufelsbach auf feinem Gemüse mit Rahmguss, Lachsforelle in Salzkruste oder Waller mit Apfel-Meerrettich-Kruste - Elsa Bächer demonstriert, wie vielfältig das Trendlebensmittel Fisch zuzubereiten ist.

Im Laden gibt's den einheimischen Fisch in vielen Variationen zum Mitnehmen: Forelle aus dem Räucherofen, Salate aus Karpfen oder Fisch- Kreationen im Glas. Und Tochter Lena Bächer macht als Teichnixe nicht nur eine gute Figur fürs Foto: Die Landwirtschaftsstudentin weiß, wovon sie spricht und erklärt bei den vielen Aktionen der Arbeitsgemeinschaft Fisch die Feinheiten des Metiers. (jrh)

___



Weitere Informationen:

www.fischhof-baecher.de

Das große Fressen

Die schlichte Wahrheit ist: Baumeister Biber, der pfeilschnelle Fischotter und der gefräßige Kormoran fressen die Teiche nicht leer, um den Menschen zu ärgern. Und sagen wir es so: Im Vergleich zur Massentierhaltung des Menschen ist ihr großes Fressen immer noch bescheiden.

Perspektivwechsel: Freilich ist es leicht, Brehms gesammelte Tierwelt zu mögen, solange die nicht den eigenen Garten beackert. Man hat schon manche Veganerin zur blutrünstigen Schneckenkillerin mutieren sehen, weil ihr Kopfsalat aussah wie Donald Trumps Frisur. Was die Mehrheit der Teichwirte leistet, müsste jeden Tierschützer glücklich machen: regionale und nachhaltige Nahrungsproduktion aus artgerechter Haltung. Dass sie dann nicht begeistert sind, wenn die Hälfte ihrer Zucht von den Kollegen Biber, Otter und Fischreiher vernascht werden, versteht sich von selbst.

Ein Kompromiss muss her: Wenn keine (Ober-) Grenzen und Zäune die Fische schützen können, müssen es die Fischer dürfen - mit Augenmaß.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.