Verein Antikomplex arbeitet Vertreibung auf
Graben zwischen Bayern und Böhmen schwindet

Flüchtlingszug 1946 im Durchgangslager Wiesau. Auf der anderen Seite der Grenze sind 3000 Ortschaften und Ortschaftsteile menschenleer. Hunderte Dörfer werden ganz aufgegeben, weil sie hoch in den Bergen oder nahe der Westgrenze liegen, wo eine verbotene Zone entsteht. Bild: dpa
Politik
Wiesau
31.05.2016
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Schautafel, auf der die Vertreibung der Deutschen aus der damaligen Tschechoslowakei dargestellt ist. Über eine Million und damit die mit Abstand größte Gruppe fand in Bayern eine neue Heimat. Bild: dpa

Im Frühjahr 1946 beginnt das letzte Kapitel des nationalistischen Wahnsinns: Nach der Aggression Nazi-Deutschlands und dessen Untergang vertreibt die Tschechoslowakei die deutsche Bevölkerung.

Als am 31. Mai 1946 "Der neue Tag" erstmals ausgeliefert wird, ist rund 100 Kilometer weiter östlich die organisierte Umsiedlung der Deutschböhmen, die sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts Sudetendeutsche nennen, in vollem Gang. Der Schlussstrich unter eine katastrophale Entwicklung: Nach der Annexion der Grenzgebiete, dem Einmarsch in Prag, der Zerschlagung der Tschechoslowakei, nach Vertreibung, Verhaftung und Ermordung politischer Gegner, Juden und Roma, nun die Reaktion. Rache ist selten gerecht: Sie trifft Unschuldige wie Kriegsverbrecher gleichermaßen.

Nach Eisernem Vorhang und Eiszeit zwischen den organisierten Vertriebenen und der Prager Politik scheinen die Gräben heute fast überwunden - auch wenn auf beiden Seiten Reizfiguren wie Erika Steinbach für Irritationen sorgen. Die CDU-Politikerin schafft es in diesem Leben wohl nicht mehr, über den eigenen Schatten zu springen - um einzuräumen, dass die Geschichte der Vertreibung nicht erst mit den Benes-Dekreten, sondern bereits mit dem Münchener Abkommen beginnt.

Und als Tschechiens Kulturminister Daniel Herman als erster Minister seines Landes beim Sudetendeutschen Tag "sein tiefstes Bedauern über das" ausdrückte, "was bei der Vertreibung vor 70 Jahren geschehen" sei, ließ die Rücktrittsforderung von KSCM-Chef Vojtech Filip nicht lange auf sich warten. Dennoch: "Es gab große Artikel im Magazin ,Respekt' und anderen Zeitungen", sagt Matej Spurný, Aufsichtsratsvorsitzender des kleinen aber einflussreichen Vereins "Antikomplex" (siehe Infokasten), "die ihn verteidigen - dass ein Minister aus so einer Rede politisches Kapital schlagen kann, war vor 20 Jahren unvorstellbar."

Studenten-Initiative


Maßgeblich beigetragen zu diesem Klimawandel hat der Mitbegründer jener 1998 von Studenten ins Leben gerufenen Initiative, deren sprechender Name Programm ist: "Unsere These war, dass einer der wichtigsten Gründe für das Ausblenden dieses dunklen Kapitels der tschechischen Geschichte das fehlende Selbstbewusstsein der von einer Diktatur in die nächste stolpernden Gesellschaft ist", erklärt Spurný, der an der Karls-Universität über Sozialgeschichte forscht. "Deshalb ,Antikomplex'." Die von den ehrenamtlichen Mitstreitern erarbeiteten Ausstellungen, Zeitzeugeninterviews und Bücher fanden als Unterrichtsmaterialien Einzug in viele tschechische Schulen.

In Tschechien hat man begriffen, dass die Auseinandersetzung mit den Nachkriegsjahren jenseits von Schuldzuweisungen das Verständnis der Gegenwart erleichtert - die Aussiedlung von etwa drei Millionen Deutschen hatte gravierende wirtschaftliche Auswirkungen. Die politischen Präferenzen resultierten aus der bitteren Erfahrung der Besatzung und der tiefen Enttäuschung über die Westmächte, die das Land vertragswidrig in Stich ließen: Man begriff Russland als Befreier. "Die KP hatte große Sympathien, die Menschen hofften auf Wohlstand und Sicherheit", erklärt Spurný.

Umsiedlung der Roma


Der Facharbeitermangel nach der Vertreibung der Deutschen stellte für ärmere Schichten Aufstiegschancen dar. Roma, die den Nazi-Terror in der Slowakei überlebten, aber dort keine Perspektive hatten, ließen sich in die Grenzgebiete umsiedeln. Gleichzeitig traten neue Konflikte auf: Eingesetzte Verwalter in Fabriken und landwirtschaftlichen Unternehmen konkurrierten mit Rückkehrern aus dem Exil, die man mit der Aussicht auf einen Bauernhof gelockt hatte.

"Es spielen auch andere Faktoren eine Rolle", erklärt Spurný das Ausbluten der Grenzregion, "wie der Strukturwandel, aber eine Million Facharbeiter konnten auch durch den größten Bevölkerungstransfer der Geschichte nicht ersetzt werden."

"Antikomplex" stärkt die ZivilgesellschaftEnde der 1990er Jahre habe immer noch eine große Mehrheit der Tschechen die Vertreibung der Deutschen sehr unkritisch betrachtet. "Das wollten wir ändern", erklärt Mitbegründer Matej Spurný die Motivation zur Gründung des Vereins "Antikomplex". Die Theorie dahinter: Wer selbstbewusst und ohne Komplexe auf seine eigene Geschichte blickt, muss keine blinden Flecken fürchten. Nach 20 Jahren ehrenamtlichem Engagements ist die Prager Institution immer noch ein kleiner Verein, der sich allerdings professionalisiert hat. "Die Zahl der aktiven Mitglieder blieb stabil", sagt Spurný, "aber über finanzierte Projekte sind wir in der Lage, Leute anzustellen, die mehr Zeit für diese Arbeit investieren können." Einige Ergebnisse dieser Projektarbeit konnten inzwischen in Bildungsprogramme transformiert werden: "Wir arbeiten viel mit Schulen." Das Bildungssystem in der Tschechischen Republik ermögliche eine große Vielfalt an schulischer Eigeninitiative. Das Denken habe sich dadurch verändert, einige früher noch tabuisierte Thesen zum Umgang mit der eigenen Vergangenheit, seien inzwischen Mainstream. (jrh)
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