FC Tirschenreuth II gegen SV Schönhaid: Rassistische Entgleisungen wegen Äthiopier mit Integrationswillen
Jagdszenen in der Oberpfalz

Samuel Gebru Fantaye, 23, vor dem Fußballplatz des FC Tirschenreuth. Der junge Äthiopier sucht eine Lehrstelle als Werzeugmacher. Bild: Herda
Sport
Wiesau
27.12.2014
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Politik und Gesellschaft fordern von Einwanderern Integrationswillen. Beim FC Tirschenreuth II spielt ein junger Äthiopier, der allen Appellen nachkommt: Er spricht deutsch, sucht nach Arbeit und ist eine Bereicherung für seinen Verein. Bei einem Kreisklassenspiel kommt es dennoch zu rassistischen Entgleisungen.

Rund 12 Kilometer trennen die beiden Fußballplätze des SV Schönhaid und des FC Tirschenreuth. Nah genug, um bis vor kurzem noch eine Spielgemeinschaft der beiden A-Jugendmannschaften aufzustellen. Doch seit dem 12. Oktober 2014 trennen die beiden Vereine Welten.

"Ich war noch nie so laut wie an diesem Tag", kommt Karl Schwägerl bei der Erinnerung an dieses Spiel noch immer die Galle hoch. Dabei ist der Hauptkassier seines Vereins und technische Werksleiter der Stadt Tirschenreuth alles andere als ein aufbrausender Charakter. Aber als 20 Minuten vor Schluss sein Spieler aufs Übelste beschimpft wird, ist für Schwägerl Schluss mit lustig. Ein Allerweltsfoul von Samuel Gebru Fantaye, niemand hat sich verletzt. Freistoß für Schönhaid. Der Mittelfeldspieler macht das, was Kicker aller Nationen in so einer Situation versuchen: Er blockt den Ball, bis seine Mitspieler ihre Positionen eingenommen haben. Bei einer souveränen 2:0-Führung für die Gäste kein Grund für besondere Hektik.

Lange Sperren

Welche Laus dann den Spielern der Heimmannschaft über die Leber gelaufen ist, können sie nur selbst erklären - wollen sie aber nicht. Die Verantwortlichen des SV schweigen. Lediglich obskure Verschwörungstheorien werden angedeutet. Dabei kommt das zuständige Sportgericht in einem Urteil nach Anhörung des Schiedsrichters und von fünf Spielern des FC Tirschenreuth II zu einer klaren Auffassung: Die beschuldigten Schönhaider werden zu langen Sperren verdonnert. Das wollen sie so nicht hinnehmen. Der Verein legt Widerspruch ein, zieht ihn aber wegen formaler Fehler wieder zurück.

Dabei dürften die Vorgänge an jenem Herbst-Sonntag unstrittig sein: "Du Drecksasylant, verpiss dich in dein Land", ist die Ouvertüre zu einer Stafette an unsportlichen Diffamierungen. Da werden schwarz und Neger und Dreck kombiniert, als ob sich der Schauplatz in den US-Südstaaten der 1960er Jahre befände. Einziges Vergehen des Opfers: "Er ist halt pfeilschnell", sagt sein Kamerad. Kann das reichen, um sich in so einen Zorn zu steigern? Wollen die zwei Wortführer des SV Schönhaid ihr Mütchen kühlen, weil sie spielerisch nicht in der Lage sind, mit dem Afrikaner mitzuhalten? Christian Ott, Samuels Mannschaftskamerad, beschreibt deren Verhalten so: "Ich bin dazwischen gegangen, weil diese Spieler auf Herrn Fantaye losgehen wollten." Darauf sei der Schönhaider ihn angegangen: "Was wollt ihr mit so einem Neger in der Mannschaft?"

Samuel Gebru Fantaye ist ein zurückhaltender junger Äthioper. Der 23-Jährige aus Addis Abeba lebt seit drei Jahren in Deutschland. Gerade wurde seine Aufenthaltsgenehmigung um drei Jahre verlängert. Sein Status als politischer Flüchtling ist unstrittig. Er ist Mitglied einer demokratischen Bewegung. Human Rights Watch und Amnesty International werfen der Regierung eines der ärmsten Länder der Welt vor, bei einer großangelegten Kampagne zur Aufstandsbekämpfung gezielt Hinrichtungen begangen, gefoltert und vergewaltigt zu haben. Kein guter Ort für einen Technik-Studenten, der die Missachtung von Menschenrechten nicht hinnehmen möchte. "Ich bin froh, dass ich fliehen konnte, bevor man mich festnehmen konnte." Samuel möchte so schnell wie möglich eine Ausbildung machen, etwa als Werkzeugmacher, oder sein Studium wieder aufnehmen.

Seit zwei Jahren wohnt Samuel im Asylheim am Stadtrand von Tirschenreuth. Eine Umstellung für einen jungen Kerl aus einer Dreimillionenstadt. Natürlich hat er Heimweh. Ein Ferngespräch mit seinen besorgten Eltern kann er sich nur selten leisten. Er bemüht sich um Anschluss, tritt einem Verein bei, lernt deutsch. Eine Schimpfkanonade wie in Schönhaid hat er noch nie erlebt. Er fragt sich immer wieder: "Was habe ich falsch gemacht?" - "Nichts", antwortet ihm sein Betreuer Schwägerl. "Der gastgebende Verein hätte Ordner stellen müssen." Hat er aber nicht. "Stattdessen beteiligt sich der heimische Linienrichter an den Beschimpfungen der Spieler und Zuschauer." Ein Unding. Und wirft dann dem Schiri die Fahne vor die Füße. Komödienstadel, wär's nicht so traurig.

"Ich bin enttäuscht"

Schwägerl denkt nach. "Wenn die nachher zu uns gekommen wären und hätten sich entschuldigt, hätten wir sicher gesagt: Schwamm drüber." Doch es bleibt nicht bei der einen hitzigen Konfrontation. Der Trainer stellt Samuel erst auf die andere Seite, weil die Zuschauer ihn weiter wüst beschimpfen. Dann wechselt er ihn aus, um ihn aus der Schusslinie zu nehmen. Noch beim Gang in die Kabinen muss der Spieler geschützt werden, die Beleidigungen reißen nicht ab. "Ich bin so enttäuscht, Herbert", sagt Schwägerl deshalb zu Schönhaids Vorstand. "Ich werde eine Meldung machen."

Samuel würde eine Entschuldigung schon reichen. Der Christ passt nicht mal ins Feindbild der Pegida. Er freut sich auf das orthodoxe Weihnachtsfest am 6. und 7. Januar. Das schönste Geschenk könnten ihm die Schönhaider bescheren. Man muss wissen, wenn man verloren hat.
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