Birgit Lindner hat ihre Kindheit im Durchgangslager Wiesau verbracht
Als arme Leute in ein armes Land

Monatelang wurde gespart, endlich hatte es Edith Polifka geschafft. Eine Trockenhaube wurde angeschafft und Ediths erster, eigener Friseursalon entstand in einer Baracke des Wiesauer Flüchtlingslagers. Das Schild "Dauerwellen heiß - kalt" hatte der stolze Ehemann Friedrich Polifka eigenhändig gemalt. Repro: wro
Vermischtes
Wiesau
19.02.2016
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Birgit und Silvan Lindner leben heute in ihrem hübschen Haus. Zusammen mit zwei Katzen, einem Hund und unzähligen fleißigen Bienen im Garten genießen die beiden ihren Ruhestand. Bild: wro
 
Den Steg über den damals unbefestigten Weg verlegte Birgits späterer Ehemann Silvan Lindner im Lager. Heute lacht er: "Ich konnte doch meine Zukünftige nicht durch den Dreck gehen lassen." Repro: wro
 
Eine Fotografie von einem der gemeinsamen Heiligen Abende Anfang der 1950er-Jahre gehört zu den besonderen Erinnerungsstücken Birgit Lindners. Es zeigt eine Gruppe von 19 Personen, die kleine Birgit sitzt vorne auf dem Schoß ihrer Mutter Edith, daneben das Familienoberhaupt Friedrich. "So viele Leute feierten damals gemeinsam in einem Raum das Weihnachtsfest", staunt sie, als sie das Bild nach langer Zeit wieder einmal betrachtet. "Ich bekam eine Puppe", erinnert sie sich.

Nichts mehr, außer einem Modell und vielen Bildern, erinnert heute an das damalige Flüchtlingsdorf direkt am Wiesauer Bahnhof. Doch viele Zeitzeugen erinnern sich noch an das Leben im Lager. Eine davon ist Birgit Lindner. Sie ist hier aufgewachsen, in der Baracke mit der Nummer 14 c.

"Viel habe ich von der Vertreibung freilich nicht mitbekommen, ich war ja noch so klein", erzählt die Schönhaiderin. Birgit Lindner, geborene Polifka, erfuhr das meiste, wovon sie berichtet, erst viel später. Birgit kam am 25. Januar 1945 in Zwickau/Sudetenland (heute Cvikov/Nordböhmen) auf die Welt. Mutter Edith arbeitete in einem Friseurladen, Birgits Vater Friedrich war gelernter Gutsverwalter. "Leider gab es keine Güter mehr", ergänzt seine Tochter heute.

Ring in Hochfrisur versteckt


Der Vater war zur Zeit der Vertreibung in amerikanischer Kriegsgefangenschaft, irgendwo in den USA. "Als ich vier Monate alt war, wurde in meinem Heimatort Zwickau ein Schreiben am Ortseingang befestigt, in dem stand, dass alle Bewohner den Ort, ohne alles, am nächsten Tag verlassen müssen. Meine Mutter machte im Ofen schnell noch etwas Zwieback, als Proviant für die Reise ins Ungewisse, dann wurde sie mit mir vertrieben. Außer diesem Zwieback und ein paar Stoffwindeln, die Mutter hastig in den in den Kinderwagen stopfte, konnten wir nichts mitnehmen. Den goldenen Ehering meines Vaters trug ich an einem Kettchen um meinen Hals. Mutter hatte ihren Ring schnell in die Hochfrisur gesteckt."

Am Ortsausgang hatten bewaffnete Männer drei Wäschekörbe aufgebaut: Einen für alle Hausschlüssel, einen für Schmuck und einen für die Sparbücher. Birgit Lindner berichtet von ihrer Vertreibung wie von einer weiten Reise: "Ich war ja noch ein Baby, wenige Monate alt." Auf der langen Wanderschaft teilten die Großmutter und nahe Verwandte stumm ihr Schicksal. Irgendwann landeten die Polifkas im Ostharzstädtchen Neinstedt. "Dort stieß zwischen 1946 und 1947 mein Vater aus der Gefangenschaft wieder zu uns." Friedrich Polifka war von der Lebensart in den Staaten begeistert: "Immer wieder schwärmte er davon, dass dort selbst die Frauen ein eigenes Auto besäßen." Heimlich hegte er den Wunsch, gemeinsam mit der Familie auszuwandern. Doch es ging per Eisenbahn in Richtung amerikanische Besatzungszone in den Westen. "Meine Eltern bekamen es im Zug mit der Angst zu tun. Ohne Halt näherten sie sich wieder der tschechischen Grenze. Lieber springen wir ab, ehe wir da wieder rüber fahren, soll Vater geflüstert haben." Das Wunder geschah: "Der Zug hielt an und wir landeten mehr oder weniger zufällig in Wiesau-Oberpfalz."

Durch Decken abgeteilt


"Ich weiß, das hört sich komisch an", lacht die Schönhaiderin heute, "aber das Grenzlager wurde von nun an zu meinem Heimatort." Die inzwischen 71-Jährige erinnert sich: "Wir wohnten mit rund 20 Personen in unserer Baracke. Die Stockbetten waren nur durch Decken abgeteilt."

Die Unterhaltung führt auch an den Lagerzaun und an das große Tor. "Es wird immer behauptet, dass die Lagerinsassen eingesperrt und von der Lagerpolizei bewacht wurden. Ich habe das nicht so empfunden. Lagerleiter Karl Goerke war ein sehr netter, umgänglicher Mensch und um uns bemüht. Den Zaun um uns herum empfand ich eher als Schutz. Viele - vor allem die Erwachsenen unter uns - hatten noch immer an den Folgen des Krieges zu leiden, vor allem aber an den Eindrücken der plötzlichen Vertreibung. Innerhalb des großen Zaunes fühlten wir kleineren Kinder uns sicher." Die Gemeinschaft im Durchgangslager empfand die Flüchtlingstochter wie eine große Familie, eine unbezahlbare Erfahrung. Probleme schlichtete Vater Friedrich als Stubenältester immer sofort. Etwa, als beim gemeinsamen Abendessen ein Riesenstreit entbrannte, weil jemand sich benachteiligt fühlte. Trotzig ergab sich der Zankende seinem Schicksal und raunzte: "Aber b'schissen haben sie mich doch!" Das wurde zum geflügelten Wort.

Später wurde eine eigene Wohnung in der Kindergartenbaracke frei. "Im Vorgarten konnten wir sogar Hühner und Puten halten. Erst vor kurzem habe ich erfahren, dass das im Lager eigentlich verboten war." Große Probleme bereitete der Schulunterricht. Eine Bretterbude wurde zu diesem Zweck umgebaut, die Gemeinde trug zur Ausstattung bei und das Kultusministerium bewilligte schließlich zwei Lehrkräfte. In der Schulbaracke war auch der kleine Kindergarten untergebracht und irgendwo im Lager befand sich eine Art Krankenhaus, erinnert sich Birgit Lindner.

Umzug in Schulbaracke


"Im Herbst 1952 zogen wir noch einmal um. Wir besuchten die örtliche Volksschule und die Schulbaracke stand plötzlich leer. Sie sollte bis zum Umzug in die Wiesauer Marktstraße unser letztes Zuhause hier im Lager werden", empfand es die kleine Birgit fast schon wie eine Villa. Ein Raum wurde mit einem Vorhang als Friseurgeschäft abgeteilt, schon viele Kundinnen aus dem Ort wollten von Edith Polifka bedient werden. "Als Kinder freuten wir uns immer auf die Faschingszeit", deutet Birgit auf einige alte Fotos. Die Mutter hatte das Talent, aus nichts ein Kostüm zu machen. "Sie wickelte kurzerhand alte Gardinen oder Vorhänge kunstvoll um mich herum, setzte mir einen Hut oder ein gebasteltes Krönchen auf und meine Faschingsverkleidung war fertig."

Altes "Lagerlied"


Zum Schluss greift Birgit Lindner nach einem Blatt Papier, es ist ein Brief mit wenigen Zeilen. Sie hat sich den Text von einem Bekannten aus Weiden schicken lassen und liest ihn laut vor: "Bei Wiesau am Walde, die Schienen entlang, stehen 30 Baracken Grenzlager Wiesau genannt. Die Leute darinnen, die sind schon ganz stur. Sie haben keine Heimat, von Zuzug keine Spur", zitiert sie etwas wehmütig das alte Lagerlied: "An die Melodie kann ich mich leider nicht mehr erinnern."

Birgit Lindner lehnt sich zurück. Von ihrer eigentlichen Heimat im Sudetenland weiß sie nichts mehr. Die Heimat ihrer Kindheit waren die Baracken des Wiesauer Grenzlagers. "Es war wirklich schön dort. Der Abschied in den 1950er Jahren in die Wiesauer Marktstraße fiel mir dann sehr schwer." Birgit Lindner blieb bis heute eine bescheidene Frau, im Herzen ein Lagerkind: "Wir kamen damals als arme Leute in ein armes Land. Wahrscheinlich trug dieses gemeinsame Schicksal dazu bei, unsere Generation für immer zu prägen."

Im Blickpunkt Massenvertreibung vor 70 Jahren Wiesau. (wro) Aus Anlass des 70. Jahrestages der Lagereröffnung findet am Samstag, 27. Februar 2016, um 14.30 Uhr vor dem Bahnhofsgebäude und ab 15 Uhr im Rathaus Wiesau eine Gedenkfeier statt, zu der alle Interessierten willkommen sind.

Aus einem Schriftwechsel des damaligen Wiesauer Bürgermeisters Georg Reinhart am 1. August 1945 mit Major Rayder in Waldsassen geht hervor, dass der Markt Wiesau (damals 2500 Einwohner) 1200 Flüchtlinge aufnehmen und weitere rund 1000 Ausländer unterbringen musste. Der von den Amerikanern eingesetzte Bürgermeister zeigte sich von der Anordnung wenig begeistert und startete Tags darauf einen Aufruf an die Flüchtlinge, den Ort zu meiden. Vergeblich. Die Massenvertreibung aus dem Sudetenland hatte begonnen.

Das "Grenzdurchgangslager", im Februar eröffnet, wurde am 30. Oktober 1946 offiziell zwar wieder aufgegeben. In den wenigen Monaten des Bestehens wurden etwa 570 000 Menschen durchgeschleust. Danach bestand die "Barackenstadt" noch über 10 Jahre lang - bis Juni 1957 - als Wohnlager für Heimatvertriebene, meist Sudetendeutsche, und Flüchtlinge der sowjetischen Besatzungszone.

Hochdeutsch als "Amtssprache"

Wiesau. (wro) Friedrich Polifkas Gedanken drehten sich immer mehr um das Auswandern in die USA, er überzeugte auch seine Frau davon. "Nur ich, mit sechs Jahren, hoffte und betete, dass aus der Atlantiküberquerung nichts werden würde. Zum Glück kam dann am 2. April 1951 meine Schwester Susanne zur Welt. Noch heute bin ich dankbar, dass ich statt der Schiffsreise ein Geschwisterchen bekam", berichtet Birgit Lindner im gepflegten Hochdeutsch. "Wir hatten im Lager ja ein ganzes Sammelsurium an Sprachen und Dialekten. Da tat man sich untereinander freilich schwer. Notgedrungen entstand eine Art Amtssprache und das war halt Hochdeutsch." Später habe sie den einheimischen Dialekt leider nicht mehr gelernt, meint die Schönhaiderin.

Nur Preiselbeeren und Pilze

"Mein Vater bewarb sich während der Lagerzeit in der Schönhaider Kaolingrube vergeblich als Arbeiter. Daraus wurde nichts, wahrscheinlich weil er zu dünn war", erzählt Birgit Lindner von den mühsamen Bemühungen der Baracken-Bewohner, Arbeit zu finden. Eines Tages kamen Leute ins Lager und brachten Garne mit, daraus knüpften ihre Eltern fleißig Einkaufsnetze.
"Langsam entstand eine Art Wirtschaft, wenigstens konnten nun ein paar Pfennige dazuverdient werden." Schnell sprach es sich herum, dass Edith Polifka Friseurin war. "Trotz der Not wurde der Wunsch nach einem Friseurladen laut. Meine Eltern begannen, auf eine Trockenhaube zu sparen. Es gab wochenlang nur gesammelte Preiselbeeren und Bratkartoffeln. Pilze wurden getrocknet. Die stanken fürchterlich", erinnert sich Birgit Lindner. "Pilze und Preiselbeeren mag ich heute nicht mehr, Bratkartoffeln schon eher."

Schließlich hatten die Eltern das Geld für die Trockenhaube zusammen und der Vater malte ein Schild an die Barackenwand: "Dauerwellen heiß - kalt." Der Laden florierte. "1963 wurde daraus der Damensalon Polifka in der Goethestraße. Vater hatte auch wieder Arbeit gefunden: Er war nun Handlungsreisender für Friseurbedarf."
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