Freunde in der Fremde
Heiligabend in der Notunterkunft in Wiesau

Spielzeug, Süßigkeiten und Hygieneartikel finden sich in den Päckchen, die von den Helfern verteilt werden. Bild: wro
Vermischtes
Wiesau
27.12.2015
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Die Asylbewerber in der Notunterkunft in Wiesau bedanken sich für die freundliche Aufnahme. Bild: wro

Ganz still ist es in der Dreifachturnhalle, als "Stille Nacht, heilige Nacht" erklingt. An sich nicht ungewöhnlich. Aber hier in Wiesau feiern Christen und Muslime gemeinsam die Geburt Christi.

Ein festlich geschmückter Christbaum ziert die Galerie, der Baum stammt aus Tirschnitz. Landwirt Alfons Kohl hat ihn gespendet, hierher gebracht und aufgestellt. Glaskugeln und selbstgebastelte kleine Sterne dienen als Schmuck. Die Lichterkette ist defekt, nimmt dann aber noch einmal ihren Dienst auf. Nur wenige Handgriffe sind für die Reparatur nötig. Jetzt leuchtet sie wieder, hell, wunderschön.

Vorne stehen kleine Stoffpuppen: Josef und Maria, daneben Kerzen. Die Krippe wirkt improvisiert, vielleicht ist sie deshalb so schön. Alles ist schlicht und einfach, erinnert an eine Weihnachtsfeier, wie überall in dieser Zeit. Nur noch wenige Minuten, dann soll dieser Nachmittag zu einem der ungewöhnlichsten werden, den der Ort je erleben durfte. Christen und Muslime feiern gemeinsam Heiligabend, in Wiesau wohl zum allerersten Mal. Noch ist den Flüchtlingen vieles fremd, ihre Gedanken sind in ihrer Heimat, bei ihren Familien und ihren Freunden.

Daniela Klarner hat ihre Gitarre mitgebracht, setzt sich auf einen kleinen Hocker, dann stimmt sie ein Weihnachtslied an: "Alle Jahre wieder". Sie singt alleine, ohne Mikrofon. Die ersten stimmen mit ein, singen leise mit. Viele aber hören nur andächtig zu. Die Melodie ist ihnen fremd, mehr noch der Text. Muslime kennen keine Weihnachtslieder.

In der Dreifachturnhalle werden die Augen immer größer. Die Besucher fassen sich an den Händen. Die kleinsten unter ihnen nähern sich vorsichtig. Mehr als für das Lied interessieren sie sich für die bunten Plätzchenteller, mustern neugierig die Tüten und die kleinen bunten Päckchen mit Geschenken.

Die Junge Union hat Spielzeug gekauft, Privatleute haben Süßigkeiten gespendet. Kinder halten Pappschilder in ihren kleinen Händen, heben sie hoch. "Danke Deutschland" ist auf dem einen zu lesen, auf einem anderen "Frieden". Ein kleiner Schreibfehler sorgt für Schmunzeln. "Pease" steht drauf, vielleicht sollte es "pleace", vielleicht auch "peace" heißen, oder beides? Daniela greift nochmal zur Gitarre: "Stille Nacht, heilige Nacht". Zunächst auf Deutsch, später auf Englisch, dann wird es ganz still in der Notunterkunft.

Nicht zum ersten Mal feiert man in Wiesau den Heiligen Abend in einer Notunterkunft. Nach dem 2. Weltkrieg war die Gemeinde schon einmal ein Ort der Zuflucht. Viele Weihnachten wurden in den Baracken östlich des Bahnhofs gefeiert, so wie heute. Oliver Zrenner begrüßt die Gäste in Deutsch, dann auf Englisch. Omar Sabagh übersetzt Zrenners Weihnachtsgrüße in seine Muttersprache, kräftiger Applaus setzt ein. Brigitte Busl liest aus dem Lukas-Evangelium.

Josef und Maria kommen darin vor, das Jesuskind und die Hirten. Abu Ali liest aus dem Koran. Die Texte wurden vom Eschenbacher Imam Maher Khedr empfohlen. Die Besucher erfahren, dass diese Suren von einer Jungfrau mit Namen Maryam handeln. Sie erwartet ein Kind, der Heilige Geist brachte ihr die Botschaft. Wie sich doch die Bilder gleichen.

Die Flüchtlinge wirken entspannt, sind freundlich und dankbar. Für einige Augenblicke scheint alles vergessen, der Krieg, die Flucht nach Europa. Berührungsängste gibt es nicht, Christen und Moslems reichen sich die Hände, wünschen sich frohe Weihnachten und entspannte Festtage. Wenige Tage vorher haben alle gemeinsam in der Küche des Pfarrzentrums Weihnachtsplätzchen gebacken. Die Teller werden jetzt herumgereicht, Kinder haben sich die schönsten bereits gesichert. Für die Frauen gibt es Seife, für die Kinder die mit Spannung erwarteten Päckchen. Die Männer gehen leer aus. Sie schauen zu, lachen und machen Fotos. Für später einmal.
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