Lager als Symbol des Lebens

Landrat Wolfgang Lippert zeigte sich von der Hilfsbereitschaft der Wiesauer - damals und heute - stark beeindruckt. Bild: wro
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Wiesau
01.03.2016
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Adalbert Busl. Bild: wro

Als am Montag, 25. Februar 1946, der erste Transportzug mit 1200 Heimatlosen in Wiesau eintraf, glaubte kaum jemand, dass dieser Wintertag zu einem der denkwürdigsten in der Marktgemeinde werden sollte. Es begann eine lange Zeit des "Flüchtlingslagers", wie man es im Ort nannte.

70 Jahre Grenzlager, das war vor allem ein Anlass zum Gedenken an die Opfer der Vertreibung. Menschen, die hier eine neue Heimat fanden, denen die Marktgemeinde viel zu verdanken hat. Mit einem Gedenken am Bahnhof (wir berichteten), einem Festakt im Rathaus und einer kleinen Ausstellung erinnerte man an die Opfer der Vertreibung aus dem Sudetenland.

Ehemalige Bewohner


Neben zahlreichen Ehrengästen waren auch ehemalige Bewohner des Grenzlagers gekommen. Viele von ihnen hatten Bilder und Zeitungsausschnitte mitgebracht, erzählten von ihren Erlebnissen. Der Sitzungssaal war eigens umgestaltet worden. An großen Schautafeln hingen Bilder, daneben einige Exponate aus dem Egerland. Das nachgebaute Lagermodell und die Fahne der Sudetendeutschen Landsmannschaft bildeten den optischen Mittelpunkt. Auch Bürgermeister Toni Dutz hatte aus seinem Privatarchiv einige Sachen herausgesucht: kunstvoll bemaltes Porzellan aus dem ehemaligen Familienbetrieb, der Porzellanmanufaktur Dutz. Die "Karlsbader Zeitung" in der Hand eröffnete der Bürgermeister den Festakt, las eine kleine Episode daraus vor: das Schicksal einer Vertriebenen aus dem westböhmischen Karlsbad.

"Aber sie halfen!"


"70 Jahre sind eine lange Zeit, die manche Dinge vergessen lässt", sagte der "Bundesvüarstäiha" der "Eghalander Gmoin", Alfred Baumgartner. Er war aus dem österreichischen Leonding bei Linz nach Wiesau gereist. Rückblickend erinnerte er an die Demoralisierung der Menschen, an Vernichtung und Tod. Immer wieder habe es aber Menschen gegeben, die versuchten zu helfen. Nicht immer geschah das freiwillig, betonte er: "Aber sie halfen!" Das Lager Wiesau sei ein Symbol für die Nachwelt, ein Symbol des Lebens. "Wer hier interniert war, war in einer gewissen Sicherheit, musste nicht mehr um sein Leben fürchten."

Die Geschichte der Vertreibung habe auch eine menschliche Seite, betonte der Bundestagsabgeordnete Reiner Meier. "Diese Seite haben wir beeindruckend in Wiesau erlebt." 857 000 Menschen seien alleine hier angekommen, wurden mit Essen, Kleidung und einer Unterkunft empfangen. Meier schlug einen Bogen zur Gegenwart und betonte, Krieg und Vertreibung seien keine Themen aus dem Geschichtsbuch, sondern bittere Realität.

Landrat Wolfgang Lippert zeigte sich von den Ereignissen der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart beeindruckt: "Mit der derzeitigen Notunterkunft in Wiesau haben wir wieder eine Art Durchgangslager." Auch heute brauchten Flüchtlinge und Vertriebene aus Kriegsgebieten Schutz und Hilfe. Mit Respekt verfolge er, wie die Wiesauer aufgeschlossen, tolerant und friedlich mit den Problemen umzugehen wüssten. "Wir müssen aus den Geschehnissen von damals lernen und alles dafür tun, dass sich die Geschichte nicht wiederholt." Der Verlust der Heimat, die Vertreibung von Haus und Hof gehöre zum Schlimmsten, was Menschen erleben mussten.

Als Achtjähriger im Lager


Dieter Heller nahm als Vertreter des Landesvorstandes der Sudetendeutschen am Gedenken teil. Für ihn hatte die Veranstaltung besondere Bedeutung, denn er kam einst selbst als Achtjähriger mit seinen Eltern in Wiesau an und lebte einige Zeit im Grenzlager. Das Denkmal am Bahnhof sei eine zentrale Gedenkstätte für drei Millionen Sudetendeutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurden.

Eindrucksvoller Festvortrag schildert Lagerleben in Wort und BildEin eher unscheinbares Fotoalbum wurde schließlich zum "Hauptdarsteller" des besinnlichen Nachmittags. Adalbert Busl hatte sich vor geraumer Zeit bereits den darin enthaltenen Bildern intensiv gewidmet. Josef Bruckner, Lagerverwalter im Wiesauer Grenzlager, hatte sie gesammelt und sorgfältig beschriftet. Busl nutzte die Fotografien für einen bebilderten Vortrag und erinnerte an die Ereignisse ab Februar 1946, erläuterte den Originalgrundriss des Geländes.

Eindrucksvoll erzählte der Wiesauer vom Lagerleben, von Problemen in der Versorgung, von den erschwerten Bedingungen zum Beispiel für die Schulausbildung. Viele Menschen lebten auf engem Raum in einer Baracke, lebten vom Nötigsten. Busl erinnerte an viele Probleme, etwa bei der Brennholzbeschaffung. Nach der Auflösung des Wiesauer Grenzlagers begann aber auch der wirtschaftliche und kulturelle Aufschwung in der Gemeinde, erinnerte der Redner. Zu verdanken sei dies unter anderem auch dem Fleiß der Vertriebenen, das dürfe niemals in Vergessenheit geraten.

Für die musikalische Umrahmung sorgte - wie schon bei der Feierstunde am Bahnhof - die Singgruppe der "Eghalanda Gmoi z' Waldsassen". Für einen heiteren Ausklang sorgte Peter Rubner mit dem Akkordeon und fröhlichen Liedern aus dem Egerland. (wro)
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