Langer Atem bei Hausarzt-Suche

Beatmungsgeräte wie auf unserem Beispiel-Bild verlangen Fachwissen. Patienten, die darauf angewiesen sind, brauchen intensive Pflege. In Einrichtungen außerhalb von Krankenhäusern sind meist die Hausärzte mit der zeitaufwendigen medizinischen Versorgung betraut. Bild: tr
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Wiesau
29.08.2016
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"Beatmete Patienten brauchen eine engmaschige und intensive ärztliche Betreuung. Und die müsste für den Arzt zumindest wirtschaftlich sein." Zitat: Bernhard Rosner

Kann es sein, dass in Deutschland im 21. Jahrhundert ein Mensch tatsächlich keinen Hausarzt findet. Dass Ärzte sich eines schwerkranken Patienten nicht annehmen? "Nein", wird jeder sagen. Bernhard Rosner aus Wiesau hat andere Erfahrungen gemacht.

Tirschenreuth. Der Stiftländer versteht die Welt nicht mehr. "Es drehte sich alles im Kreis. Und ein Ergebnis war lange Zeit nicht in Sicht", beschreibt er die Hausarzt-Suche für seinen inzwischen verstorbenen Vater. Der Schwerkranke lebte lange Zeit in einer Wohngemeinschaft (WG) mit Intensiv-Pflegeeinrichtung in Altenstadt/WN und wurde dort hausärztlich versorgt.

Als in einer weiteren Pflege-WG in Tirschenreuth ein Platz frei wurde, bot der Betreiber der Familie an, den Vater dorthin zu verlegen. Ein klarer Vorteil, weil sich die räumliche Entfernung in etwa halbierte und zudem eine der Töchter des Mannes in der Kreisstadt wohnt.

Keinen Hausarzt gefunden


Bis dahin ging alles problemlos. Als es aber darum ging, in Tirschenreuth einen Hausarzt für den Schwerkranken zu finden, begann eine wahre Odyssee. Der Arzt, der den Vater in Altenstadt hausärztlich betreut hatte, bot an, einen ihm bekannten Kollegen in der Kreisstadt zu fragen, ob er den Patienten übernimmt. "Der hat zu- und wenige Tage später wieder abgesagt", erzählt Bernhard Rosner. In etwa zehn Praxen in Tirschenreuth und Umgebung habe er nachgefragt, niemand wollte den Patienten aufnehmen.

2010 musste sich der Vater von Bernhard Rosner einer schweren Operation unterziehen. Anschließend war er pflegebedürftig, konnte aber zu Hause versorgt werden. Nach einer weiteren schweren Erkrankung, in deren Verlauf er drei Wochen auf der Intensivstation lag, waren für sein Weiterleben Maschinen unumgänglich geworden. Er musste beatmet werden. Nach dem Umzug in die neue WG musste der Vater wieder ins Krankenhaus. "Dort angekommen, war die erste Frage nach dem Krankentransportschein und der Überweisung vom Hausarzt. Als wir erklärten, dass mein Vater keinen Hausarzt hat, glaubte das keiner."

Das Vorstelligwerden bei der Krankenkasse des Vaters brachte zwar auch keinen Erfolg, aber den Hinweis, sich an die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) zu wenden. Reiner Würf, Bereichsleiter für Leistungen bei der AOK in Tirschenreuth, erklärte auf Nachfrage. "Wenn das so abgelaufen ist, bin ich erschüttert. So etwas habe ich in 26 Jahren Berufspraxis noch nicht gehört."

Alles verlief im Sand


Rosner sagt, "die Beschwerdestelle der KVB lieferte zunächst auch keine Lösung. Endlose Telefonate und viele E-Mails verliefen im Sand." Ein Sachbearbeiter habe lediglich eine Liste mit Adressen von Arztpraxen aus der Region gemailt. "Wenige Tage später zauberte die KVB dann doch einen Arzt in Tirschenreuth aus dem Hut, der die hausärztliche Versorgung des Todkranken übernahm. Auch dieser Arzt hatte vorher Nein gesagt", erzählt Bernhard Rosner.

Der Wiesauer betont ausdrücklich, dass er nicht den Ärzten einen Vorwurf macht. Für ihn steht fest: "Da krankt das ganze System. Wenn man weiß, dass ein Arzt für jeden Kassenpatienten einmal pro Quartal und egal, wie oft sich der Mediziner um den Patienten kümmern muss, einen festen, nicht sehr hohen Betrag abrechnen darf, ist es verständlich, dass die Ärzte Grenzen setzen müssen."

Komme also einer mit einem Schnupfen einmal im Vierteljahr in die Praxis, bekomme der Arzt genauso viel Honorar wie für einen Patienten, der intensive Betreuung und viele Hausbesuche benötige. Hier liegt nach Rosners Einschätzung das eigentliche Problem. "Beatmete Patienten brauchen eine engmaschige und intensive ärztliche Betreuung und die müsste für den Arzt zumindest wirtschaftlich sein."

Die Regionale Vorstandsbeauftragte für Hausärzte bei der KVB, Dr. Maria Luise Vogel, sagt, dass sich die KVB unterstützend eingebracht und sich der erste kontaktierte Arzt umgehend zur Behandlungsübernahme bereiterklärt habe. Auf gezielte Nachfrage habe er erklärt, dass niemand unter namentlicher Nennung des Patienten Rosner mit dem Wunsch der Weiterbehandlung an ihn herangetreten sei.

Dr. Vogel sagt, dass der Anspruch des gesetzlich versicherten Patienten auf freie Arztwahl mit der individuellen Behandlungskapazität des einzelnen Arztes beziehungsweise seiner Praxis korreliere. Dies komme verstärkt zum Tragen, wenn im jeweiligen Planungsbereich nicht alle Arztsitze besetzt werden könnten. So auch für den Mittelbereich Tirschenreuth, der zwar für Hausärzte als regelversorgt gelte, in dem jedoch noch zwei Arztsitze frei wären. Aktuelle Anfragen von niederlassungswilligen Hausärzten lägen derzeit nicht vor.

Eigene Kapazitätsgrenze


Auch aus dem Grund könne es durchaus vorkommen, dass eine Arztpraxis die Aufnahme eines neuen Patienten ablehne, soweit sie an ihrer eigenen Kapazitätsgrenze angelangt sei und ansonsten die qualitätsgesicherte und zeitgerechte Versorgung der eigenen Bestandspatienten nicht mehr gewährleisten könne. Die Behandlung von Notfällen sei hier selbstverständlich außen vor.

Darüber hinaus sollte bei einem Wohnortwechsel die Behandlungsübernahme eines schwerkranken Patienten stets sehr sorgfältig vorausgeplant und mit dem neuen Arzt bereits zuvor Kontakt aufgenommen werden, damit eine nahtlose Weiterbehandlung gewährleistet sei. Ein Problem sei sicherlich auch die zunehmende Gründung von Intensiv-Pflegeeinrichtungen, soweit der hierfür erforderliche ärztliche Bedarf vorab nicht mit den Beteiligten vor Ort abgestimmt sei.

Der Ärztemangel im Sinne einer bedarfsorientierten Verteilung der Haus- und Fachärzte sei besonders in ländlich strukturierten Regionen ein zunehmend ernster werdendes Problem. Die KVB habe aktuell die finanziellen Anreize erneut erhöht, um Niederlassungswillige für unterversorgte Gebiete zu gewinnen.

Ministerium informiert


Bernhard Rosner hat die Angelegenheit auch im Gesundheitsministerium in München publik gemacht. Eine Antwort hat er bisher aber noch nicht erhalten.

Beatmete Patienten brauchen eine engmaschige und intensive ärztliche Betreuung. Und die müsste für den Arzt zumindest wirtschaftlich sein.Bernhard Rosner
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