Menschenverstand statt Vertragswerk

Vermischtes
Wiesau
12.06.2015
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Wilhelm Ziegler aus Betzenmühle bei Plößberg im Landkreis Tirschenreuth hat Mitte der 1980er Jahre das elterliche Sägewerk ausgebaut und zum größten in Europa gemacht. Heute gehört auch eine florierende Logistikfirma in Wiesau zur Gruppe, die Sohn Stefan führt.

Als erstes fällt auf, dass alle per Du sind, egal ob Geschäftsführer, Staplerfahrer, Abteilungsleiter oder Azubi. "Das Du ist ganz wichtig, weil wir keine Konzernstruktur im Betrieb haben wollen. Wir sehen uns als Familie, in der alle an einem Strang ziehen", begründet der Chef der Ziegler-Group, Stefan Ziegler, dieses Verhalten. Groß ist die Ziegler-"Familie", sie zählt aktuell 450 Köpfe. 400 davon arbeiten in der Holzindustrie, 15 im Ziegler-Forstservice, 5 in der Ziegler Drevo, der Holz-Einkaufsgesellschaft in Tschechien und 32 in der Ziegler-Logistik in Wiesau. Der 34-jährige Chef des kleinen Imperiums ist praktisch im Sägewerk aufgewachsen. Schon mit 28 bewies er Innovationstalent und verwirklichte Visionen. Die Krise war in vollem Gange. Kurz davor hatte die Betzenmühle eine neue Linie eingeführt, konnte damit die doppelte Menge Schnittholz in der gleichen Zeit produzieren, aber nicht verkaufen.

80 Prozent Marktanteil

Eine große Herausforderung für den Firmeninhaber. Er reiste nach Dubai, wollte Aufträge an Land ziehen. Mit Erfolg. 500 000 US-Dollar war der erste wert. "Ein Draufzahlgeschäft, das wusste ich von vorneherein. Aber seitdem haben wird dort den Fuß in der Tür und verdienen auch." Der Marktanteil der Ziegler-Group liegt im Mittleren Osten bei etwa 80 Prozent. 2011 kauften er und sein Vater das Gelände in Wiesau. Hintergrund damals war, Rundholz aus der Fernzone ab 200 Kilometer rentabel ins Sägewerk zu bringen. Immerhin kommen 10 Prozent aus diesem Umkreis. Gleichzeitig wurde Schnittholz für den Export per Waggons in Richtung der Seehäfen transportiert. 2008 wurden die ersten Schnittholzaufträge für Container nach Dubai und Saudi Arabien an die Partner verkauft, die bereits mit der Ziegler-Holzindustrie verbandelt waren. Als Newcomer auf dem hart umkämpften Markt der Spediteure habe natürlich geholfen, dass die Ziegler-Holzindustrie überall bestens bekannt war.

600 Meter langer Zug

2014 mietete die Ziegler-Group über einen Bremer Dienstleister eine eigene Zuggruppe, bestehend aus 20 Waggons und einer Lok. 40 Container passen auf den 600 Meter langen Zug. Aktuell werden pro Woche 320 Touren zwischen Hamburg und Wiesau abgewickelt. Zuvor waren es nur halb so viele und es wurde ausschließlich Holz transportiert.

Die Verdoppelung ist nur durch den Im- und Export für Fremdfirmen möglich geworden. Diese Dienstleistungen nutzen mittlerweile rund 100 Firmen aus der Region, unter anderen die Fahrradhersteller Ghost in Waldsassen und Cube in Waldershof.

"Wir transportieren Container aus Hamburg zum Lager nach Waldershof beziehungsweise Waldsassen, laden die Fahrradteile aus, fahren die leeren Container mit Lkw ins Sägewerk, beladen sie mit Holz, fahren nach Wiesau und schicken sie per Zug zurück in den Hamburger Hafen", erklärt der Chef das Grundkonzept der gesamten Ziegler-Logistik. Keine Leerkilometer zu produzieren, das sei die ultimative Abschlussprüfung für erfolgreiche Logistiker. "Eingefallen ist mir das bei Kilometer vier beim Laufen um den Liebensteinspeicher. Drei-, viermal in der Woche nutzt Stefan Ziegler die zehn Kilometer vor der Haustüre zum Entspannen und zum Kreieren neuer Ideen. 2008 ist er in die Firmenleitung der Ziegler Holzindustrie eingestiegen. Vorher absolvierte er eine kaufmännische und eine technische Ausbildung. Es sei ganz entscheidend, den Betrieb von der Pike auf zu kennen. "Wer erfolgreich eine Firma leiten will, muss die Arbeitsabläufe aus dem Effeff kennen."

Keine Verträge

In der Oberpfalz, in Ober- und Mittelfranken sind die Kunden im Container Im- und Exportgeschäft im Umkreis von 150 Kilometern angesiedelt. Warum der Erfolg bei Ziegler immer so einfach aussieht, wollen wir wissen. "Wir nutzen den gesunden Menschenverstand für jegliches Tun, vielleicht deswegen. Ich mache keine Verträge und diskutiere nicht lange. Wenn wir zum Kunden rausgehen lautet das einzige Angebot, wir bekommen die Aufträge und machen das für euch - und zwar schneller, besser und günstiger. Funktioniert das nicht, braucht ihr mit uns nicht mehr zu fahren. Wir machen keine klassischen Verträge. Beim Holz arbeiten wir genauso."

30 Prozent Wachstum

30 Prozent Wachstum erwirtschaftet Stefan Ziegler jährlich mit seiner Logistikfirma. "Das wird auch noch lange so weitergehen", blickt er mit Selbstvertrauen in die Zukunft. Mittelfristig will er sein Logistik-Unternehmen auf sechs bis sieben Züge ausbauen und das Einzugsgebiet nach Süden in Richtung Weiden, Schwandorf, Cham, Straubing und Regensburg ausweiten.

Noch in diesem Jahr möchte er weitere Dienstleistungen im Transportsektor anbieten. Dazu gehören die Lagerung in eigenen Hallen, Vorkommissionierung für den Kunden, Lkw-Gestellung, Seefrachten und die Ausweitung der Lkw-Flotte.
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