Gemeinden-übergreifendes Gewerbegebiet im Landkreis Tirschenreuth:
Abschied vom Kirchturmdenken

Am Ortseingang von Wiesau - direkt hinter der Firma Wiesauplast - soll das interkommunale Gewerbegebiet entstehen. Bilder: cf/jr
Wirtschaft
Wiesau
16.11.2016
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"Eine Gewerbeansiedlung ist nicht vom Ort abhängig. Entscheidend ist es, das Thema in der Region zu spielen." Zitat: Roland Grillmeier 1. Bürgermeister Mitterteich

Mindestens zehn Kommunen gehen gemeinsam ein neues Gewerbegebiet an: Das gibt es in Bayern höchst selten. Der östliche Teil des Landkreises Tirschenreuth rückt für das Projekt bei Wiesau nahezu komplett zusammen.

Wiesau/Mitterteich. "Endlich gehört das Kirchturmdenken der Vergangenheit an", sagt Wiesaus Bürgermeister Toni Dutz. "Wir wollen mit dem Gewerbegebiet die Arbeit zu den Menschen bringen." Bisher läuft es häufig noch umgekehrt: Zahlreiche Arbeitnehmer aus der Nordoberpfalz sind zum Pendeln in die Ballungsräume gezwungen.

In direkter Nähe zur A 93 und unweit der (künftig elektrifizierten) Bahnstrecke Regensburg-Hof entsteht zwischen Wiesau und Mitterteich ein interkommunales Gewerbegebiet. An diesem zukunftsweisenden Projekt beteiligen sich - neben dem Markt Wiesau und der Stadt Mitterteich - Waldsassen, Konnersreuth, Fuchsmühl, Falkenberg, Leonberg, Plößberg, Bärnau und Neualbenreuth. Die Stadt Tirschenreuth ist nach Aussage von Dutz "auf dem Weg". Das bis zu 40 Hektar umfassende Areal schließt östlich an das Unternehmen Wiesauplast an.

"Jetzt geht es ans Konkrete"


Die Planungen reichen bereits einige Jahre zurück. Die Beteiligten sind nach "nicht ganz einfachen" Grundstücksverhandlungen mit Landwirten und den Staatsforsten, nach Gesprächen u. a. im Bayerischen Wirtschaftsministerium und mit Bavaria Invest optimistisch, das interkommunale Gewerbegebiets noch in diesem Jahrzehnt, also spätestens bis 2020, realisieren zu können. Waldsassens Bürgermeister Bernd Sommer: "Jetzt geht es ans Konkrete."

Wie in Mitterteich zwingen die "sehr begrenzten Gewerbeflächen" (Bürgermeister Roland Grillmeier) zum gemeindeübergreifenden Handeln. "Wir haben zwar laufend Anfragen, aber nur noch Rest-Areale", meint Grillmeier. Man habe alle Optionen geprüft, und schließlich das an den Markt Wiesau angrenzende Gebiet für topografisch ideal gehalten. Grillmeier: "Eine Gewerbeansiedlung ist nicht vom Ort abhängig. Entscheidend ist es, das Thema in der Region zu spielen."

Enge Zusammenarbeit


Die größtenteils im Eigentum der Staatsforsten befindliche Fläche wird dem Vernehmen nach in mehrere Bauabschnitte geteilt, da die Kommunen mit Millionen Euro bei der Erschließung in finanzielle Vorleistung gehen. Grillmeier betont die Potenziale durch die Nähe zu Tschechien und den Ausbau von Wiesau-Mitterteich zur mitteleuropäischen "Logistik-Drehscheibe". Pate steht im Hintergrund nach Informationen unserer Zeitung auch die außergewöhnliche Expansion der Firma Ziegler (wir berichteten).

"Wir arbeiten hier mit Wiesau und Mitterteich engstens zusammen", unterstreicht der Waldsassener Bürgermeister Bernd Sommer. Man habe sich gemeinsam - und erfolgreich - auf die Suche nach einem neuen Gewerbegebiet gemacht: "Dabei ist es egal, ob es zehn Kilometer weiter oder näher entfernt liegt. Hauptsache, die Arbeitsplätze bleiben in der Region." Auch die Stadt Waldsassen verfügt nur "sehr eingeschränkt" über geeignete Flächen.

"Keine Einbahnstraße"


Die Federführung für das interkommunale Projekt liegt beim Markt Wiesau - und hier vor allem bei Kämmerer Harald Seitz. Die beteiligten Kommunen haben sich vorerst zu einer "pragmatischen" Arbeitsgemeinschaft vereint. Sie äußern sich jedoch zuversichtlich, die rechtlichen Einzelheiten für den angestrebten Zweckverband bald "in trockene Tücher" zu bringen, inklusive Finanzierung und künftiger Verteilung der Gewerbesteuer-Einnahmen.

Nachdem das zehn Autobahn-Minuten entfernt liegende Gewerbegebiet Windischeschenbach-Neuhaus mit Quadratmeterpreisen von 15 Euro wirbt, dürften sich die Kosten beim interkommunalen Areal Wiesau-Mitterteich in der Spanne von 15 bis 20 Euro bewegen, um sich an der "Konkurrenz" orientieren. Zum Vergleich: Beim neuen Gewerbegebiet West IV in Weiden ist von 80 bis 100 Euro je Quadratmeter die Rede.

Einen Seitenhieb in Richtung Oberzentrum Weiden kann sich Wiesaus Bürgermeister Toni Dutz nicht verkneifen: "Regionales Denken ist keine Einbahnstraße ..."

Wir wollen mit dem Gewerbegebiet die Arbeit zu den Menschen bringen.Toni Dutz, Bürgermeister Markt Wiesau


Eine Gewerbeansiedlung ist nicht vom Ort abhängig. Entscheidend ist es, das Thema in der Region zu spielen.Roland Grillmeier 1. Bürgermeister Mitterteich


Ein Projekt mit Strahlkraft - Kommentar von Clemens FüttererWährend im Raum Weiden-Neustadt/WN die Planungen für ein Güterverkehrszentrum noch theoretischer Natur sind, werden im Landkreis Tirschenreuth Fakten geschaffen. Das riesige (private) Container-Terminal in Wiesau als logistische Drehscheibe für bedeutende Unternehmen ist ebenso Tatsache wie der erklärte Wille von vorerst zehn Kommunen, gemeindeübergreifend ein zentrales Gewerbegebiet für den östlichen Landkreis Tirschenreuth auf die Beine zu stellen.

In der Vergangenheit beäugten sich die Kommunen oft eifersüchtig und argwöhnisch bei Betriebsansiedlungen. Jetzt legen zehn Stiftland-Gemeinden das "kleine Karo" lokaler Eigenbrötelei ab. Ein interkommunales Gewerbegebiet solcher Dimension (bis zu 40 Hektar) stimmt nicht nur hoffnungsfroh für die Zukunft dieses vom jüngsten Strukturwandel gebeutelten Landstrichs: Das Vorhaben weist Strahlkraft wie ein Leuchtturm auf, den regionalen Nutzwert absolut in den Vordergrund zu stellen.

Die Anbindung an die strategischen Verkehrsachsen Autobahn und Bahn sowie die grenzüberschreitenden Optionen mit Westböhmen geben dem Projekt ein Alleinstellungsmerkmal. Zudem zementiert es die Intralogistik, die sich - wie sonst nirgendwo in Deutschland - in der Nordoberpfalz konzentriert (vor dem Stuttgarter Raum!).
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