„Dreiviertelblut“ schaffen wunderbare Melancholie am Schafferhof
Wer traurig ist, darf glücklich sein

Trotz der vielen düsteren Themen sind Dominik Glöbl, Benny Schäfer, Sebastian Horn, Gerd Baumann, Florian Rein und Luke Cyrus Goetze (von links) von "Dreiviertelblut" bestimmt keine Kinder von Traurigkeit. Bild: Luber
Kultur
Windischeschenbach
26.04.2016
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Die Performance von Sebastian Horn ist wie seine Lieder: Düster und komisch zugleich. Bild: Luber

"Wer früher stirbt ist länger tot." Bei der Produktion der Filmmusik zu dem bayerischen Kassenschlager entstand das Musikprojekt "Dreiviertelblut". Der Titel beschreibt den Stil der Band, die den Schafferhof aufwühlte, ziemlich treffend: Morbide, humorvoll und poetisch.

Neuhaus. "Bleima aufm Friedhof", kündigt Sänger Sebastian Horn die Lieder folgerichtig an. An dem Abend am Schafferhof will er "woana vor lauter Lachen", ihm "drahd's de Gurgel zua" und er erkennt: "Die Zeit heilt alle Wunden / aber die Zeit hob I grod ned".

"Dreiviertelblut" ist dem Tod und dem Witz verpflichtet, ohne sarkastisch oder rührselig zu sein. Das ist etwas Besonderes. Bei schweren Themen wie Tod und Verlust neigen viele Künstler dazu, in Melodramatik, Selbstmitleid und Hass auf die Welt zu ertrinken. "Dreiviertelblut" geht weiter. Ihre Lieder sind tröstend. Vor großen Gefühlen machen sie keinen Halt. Horn singt so mitreißend, an seiner Gestik kann man seine Emotionen lesen. Mal will er sein Gesicht hinter seinem Arm verstecken vor Gram. Dann vollführt er mit seinen Händen grazile Bewegungen wie eine Flamenco-Tänzerin, um die Leidenschaft hinter den Texten zu betonen. Und dann zeigt er beschwörend, wie klein die Erde von der Sonne aus gesehen ist: "Wia a Murmel!"

Drollige Düsternis


Dass die düsteren Themen so liebreizend rüberkommen, bewirkt vor allem die bayerische Mundart. Der schwere Abschied wird zum "Pfiad Di God", tiefste Depression wird beschrieben mit: "Mi zerfrisst der Kummer / I stirb jeden Dog". Als eine "Kombination aus bayrischer Düsternis und musikalischer Melancholie" beschreiben sie ihren Stil. Durch den breiten oberbayerischen Akzent wirken Themen wie Trauer und Tod normal und alltäglich, fast drollig.

Auch die Musik unterstützt den Eindruck. Von der Band als "folklorefreie Volksmusik" bezeichnet, reicht sie von klassischer Stubenmusik bis hin zu Rock-Songs mit Metal-Einschlag. Die Musiker sind allesamt Profis. Fast alle waren mit anderen Musikprojekten schon mal am Schafferhof. Gerd Baumann ist vor allem durch seine Arbeit mit Regisseur Marcus H. Rosenmüller bekannt, für den er die Filmmusik zu "Wer früher stirbt ist länger tot" komponierte. Sänger Horn übernahm für den Soundtrack den Gesang für das Lied "Big-a-Dog, Big-a-Bite". So lernten sich die Ausnahmemusiker kennen.

Horn und Schlagzeuger Florian Rein sind Teil der in Bad Tölz gegründeten Band "Bananafishbones". Zusammen mit den anderen Musikern von "Dreiviertelblut", Luke Cyrus Goetze (Gitarre, Lapsteel, Dobro), Benny Schäfer (Kontrabass) und Dominik Glöbl (Flügelhorn, Trompete, Gesang), gestalteten sie das diesjährige Singspiel am Nockherberg. Nach ihrem Album "Lieder vom Unterholz" (Millaphon Records) ist nun ein neues in Arbeit. Der Titel, wie könnte es anders sein: "Abgesang".

Doch die Musiker können nicht nur richtig traurig, sondern auch sehr lustig sein. Wenn sich Baumann weigert, ein Lied zu spielen über tiefe Gefühle, wenn Horn kurz vorher darüber sinniert, dass man auch auf der Toilette rieche, dass die Spargelzeit angebrochen ist. Wenn sie sich darüber streiten, wer die Texte komponiert und sich gegenseitig vollkommene Unfähigkeit unterstellen mit Situationskomik vom Feinsten. Vielleicht ist es ja wirklich so: Wer richtig lustig sein will, muss auch mal richtig traurig gewesen sein. Angesprochen auf diesen scheinbaren Widerspruch von Lachen und Traurigsein schaut Sebastian Horn in der Pause versonnen in den Himmel überm Schafferhof: "Für mich gehört das zam. Traurig und glücklich sein. Weil wenn I traurig bin, stell I mir vor, dass da noch ein anderer ist, der traurig ist. Und des macht mi glücklich."

Suche nach Paradies


Auf diesem Grat zwischen Glück und Traurigkeit segelt die Band den ganzen Abend. Und das erklärt die Intensität, die sie im Stodl von Schafferhof-Wirt Reinhardt Fütterer schafft. Dieses Changieren zwischen Stimmungshochs und -tiefs kulminiert in der Zugabe mit dem Lied "Paradies". Die singen Gäste mit aus vollem Hals bei dem Song über die Suche nach dem Paradies nach dem Tod eines lieben Menschen. Und sicher hat jeder in diesem Augenblick seine eigenen geliebten Menschen im Kopf. Da passt es gut, dass Sebastian Horn den Text spontan umdichtet: "Jetz woass I's gwiss / dass's Paradies am Schafferhof is."
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