Ein Zeichen für den Frieden
Erwin Ottes Engel strahlt

Die Panzersperre wird zur tragenden Basis, zum Landeplatz für den gläsernen Botschafter des Lichts, der Hoffnung und des Friedens. Der Betonklotz mutiert zur Bühne und der Himmel zur Leinwand.
Kultur
Windischeschenbach
22.04.2016
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Die Panzersperre scheint wie gemacht als Sockel für den Friedensengel. Seit Donnerstag fügt sich die Skulptur von Künstler Erwin Otte aus Reuth perfekt ins Bild mit der Burg Neuhaus. Bilder mic (4)

Unzählige Male klettert Erwin Otte auf das Gerüst, spricht mit Handwerkern, begrüßt die Vertreter der Bundeswehr und hält Small Talk mit Norbert Neugirg. Als Arbeiter am Donnerstag kurz vor 11 Uhr den dritten Flügel des Friedensengels anschrauben, schnauft er erst einmal durch: "Ich bin begeistert und erleichtert zugleich."

Seine Skulptur steht nun da, wo sie hinsollte: auf der Panzersperre, einem Relikt aus dem Kalten Krieg. Der hässliche, etwa sechs Meter hohe Betonklotz fristet seit 1983 sein Dasein neben der Eisenbahnunterführung von Windischeschenbach nach Neuhaus. Falls einst feindliche Panzer des Warschauer Paktes auf die Stadt zugerollt wären, hätte man den Klotz zum Schutz quergelegen können. Stabsfeldwebel Andreas Götz aus Amberg muss schmunzeln: "Ein kleiner Schützenpanzer wäre durch die Unterführung vielleicht durchgekommen." Als Wallmeister ist er für die Anlagen zuständig, die damals zur Abwehr errichtet worden waren.

Am Donnerstag bleibt ihm nur die Rolle des Beobachters. Denn nachdem das Kunstwerk montiert ist, geht die Panzersperre in den Besitz der Stadt über. "Bundeswehr, Bahn und Stadt haben dafür einen Vertrag geschlossen", erklärt Geschäftsführer Wolfgang Walberer. "Das heißt, solange der Friedensengel hier steht, übernimmt die Stadt die Verkehrssicherungspflicht."

Metallplatte zuerst


Die ersten, die sich am Morgen auf der Panzersperre tummeln, sind Mitarbeiter der Metallbaufirma Götzl. Sie verankern den Sockel für den Engel. Unten auf der Straße steht der Kran der Firma Rank, der die Flügel sicher nach oben transportieren wird. Auch Yul Regler von der gleichnamigen Druckerei in Altenstadt/WN beobachtet das Geschehen. Seine Hightech-Druckmaschinen zauberten die rote Maserung auf die Flügel. Noch sind die rubinroten Scheiben auf dem Lastwagen der Firma Kirchmann verankert. Das Team des Glasbauunternehmens richtet schon die Saugvorrichtungen her, mit denen die Flügel nach oben transportiert werden. "Wir haben sechs Sauger in zwei Saugkreise. Wir gehen auf Nummer sicher", erklären die Experten.

Die Idee, auf die Panzersperre einen Friedensengel zu setzen, kam dem Künstler aus Reuth vor 20 Jahren. Ein Artikel im "Neuen Tag" über den Betonklotz neben der Eisenbahnunterführung machte ihn nachdenklich. Schon damals faszinierte ihn der Gedanke, ein Zeichen für den Weltfrieden zu setzen. "Die Panzersperre soll zum Landeplatz für einen Friedensengel werden", wünschte sich der Künstler. "Der Betonklotz mutiert zur Bühne und der Himmel zur Leinwand."

Seine Friedens-Philosophie nimmt am Donnerstag Gestalt an, als die Flügel einschweben und der Engel landet. Jeder Handgriff sitzt. Die Männer nehmen zusammen mit dem Künstler die Scheiben vorsichtig entgegen. Die Zuschauer, die den Einstieg zum Johannissteig als Tribüne nutzen, bewundern das Farbenspiel, als Sonnenstrahlen das Rubinrot noch mehr zum Leuchten bringen. Den perfekten Hintergrund bildet die Burg Neuhaus.

Eine Bereicherung


Familie und Freunde Ottes lassen sich das Ereignis ebenso wenig entgegen wie Vertreter der Bundeswehr aus Amberg, Bürgermeister Karlheinz Budnik, Wolfgang Walberer und der Kommandant der Altneihauser Feierwehr, der auch gleich einen Spruch parat hat: "Ich sag's mit einem Satz, die Sperre wird zum Landeplatz." Auch Schafferhof-Wirt Reinhard Fütterer schaut auf einen Sprung vorbei. "Das ist eine Super-Sache", sind sich alle einig. "Eine Bereicherung für unsere Stadt."

Die schönsten Fotos von dem neuen Kunstwerk lassen sich von der Bahnbrücke aus schießen. Ein Sicherheitsmitarbeiter der Deutschen Bahn passt auf die Fotografen und Kameraleute auf, die sich am Bahndamm tummeln. "Gleich kommt der nächste Zug", warnt er die Medienvertreter immer wieder.

Vor ein paar Jahren hatte der Windischeschenbacher Stadtrat versucht, die Panzersperre loszuwerden, doch dieser Versuch scheiterte, weil der Betonklotz 2012 unter Denkmalschutz gestellt wurde. Im Nachhinein eine glückliche Fügung. Eduard Auer aus Regensburg gehört zu den vielen Sponsoren, die es möglich gemacht haben, den Friedensengel zum Leben zu erwecken. "So ein Podest hätte man gar nicht bauen können", sagt der Unternehmer, der am Donnerstag mit vor Ort ist. "Die Panzersperre passt perfekt." Auf einem Schild, das am Fuße des Betonklotzes hängt, dankt Erwin Otte allen, die ihn unterstützt haben. Die Kosten liegen im fünfstelligen Bereich.

Strahler bringen Licht


Der Elektriker der Firma Bärnklau klettert am Donnerstag als letzter vom Gerüst. Er hat die Beleuchtung installiert, die nachts den Engel anstrahlen soll. Erwin Otte ist zufrieden. Er hofft, dass sich die Wogen rund um den Johannissteig auch noch glätten werden. "Wer weiß? Vielleicht stiftet der Engel Frieden."

Die Panzersperre wird zur tragenden Basis, zum Landeplatz für den gläsernen Botschafter des Lichts, der Hoffnung und des Friedens. Der Betonklotz mutiert zur Bühne und der Himmel zur Leinwand.Künstler Erwin Otte

Kunst stiftet Frieden

Angemerkt von Michaela Lowak

Brauchen wir denn so etwas? Gibt es nichts Wichtigeres? Noch bevor der Friedensengel aufgestellt war, begannen die Kritiker zu unken.

Natürlich lässt sich über Kunst streiten. Kunst soll polarisieren, soll zum Nachdenken anregen. Jeden Künstler freut's, wenn über seine Arbeit debattiert wird. Der Friedensengel auf der Panzersperre ist eine Bereicherung, nicht nur weil die gläsernen Flügel schön aussehen, sondern weil die Zeit reif ist für einen Friedensengel. Der Friede mit Nachbarn, Freunden und Kollegen sollte genauso wichtig sein wie der Weltfrieden. Lassen wir uns inspirieren von Gedanken an Harmonie und Frieden.

michaela.lowak@derneuetag.de
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