"Hetzkasper" bei der Futura
Ein total entschleunigter Abend

"Ich fühle mich hier in Windischeschenbach wirklich wohl: Ich komme ja auch aus dem Niemandsland" - mit diesem "Eisbrecher" der besonderen Art hat Henning Schmidtke das Publikum schon nach dem ersten Satz auf seiner Seite. Bild: stg
Kultur
Windischeschenbach
02.05.2016
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Von Holger Stiegler

Windischeschenbach. Henning Schmidtke kann es. Und er beweist es auch. Es ist dieser magischer Moment in einer Kabarettvorstellung, wenn der Künstler auf der Bühne nicht nur der Gesellschaft insgesamt, sondern konkret dem anwesenden Publikum den Spiegel vorhält. Einfach nur auf dem Stuhl dasitzen, schweigen und schauen, somit das Leben entschleunigen, das Tempo rausnehmen, kein "Hetzkasper" sein. Und mit diesem Verhalten schon nach wenigen Sekunden Zwischenbemerkungen des Publikums provozieren: Besser könnte es der Kabarettist mit eigenen Worten gar nicht sagen, was er meint.

Richter und Henker


Schmidtkes Art des Agierens auf der Bühne ist in zweierlei Hinsicht bemerkenswert: Zum einen ist da die Abwechslung zwischen Gesang und Klavierspiel sowie Texten, zum anderen aber auch die Kombination von typischen Comedy-Elementen mit durchaus hintersinnigen Gedanken. Ein Beispiel dafür ist die Abrechnung Schmidtkes mit den Castingshows im Fernsehen: "Du kannst nirgends im Fernsehen mehr etwas singen, ohne dass eine Hackfresse danach etwas sagt!" Da wünsche er sich wirklich die Sendung "Disco" mit Ilja Richter zurück. "Früher hatten wir Ilja, den Richter - heute haben wir Bohlen, den Henker", stellt er fest. Niemand der Teilnehmer habe mehr eine Persönlichkeit, Ecken und Kanten, alle würden in ihrem Gesang dasselbe "Betroffenheits-Vibrato", das Schmidtke zum Brüllen komisch imitiert, an den Tag legen. "Alles Gleichmacherei, nur noch Musik-Stalinismus", fasst er zusammen. Westernhagen, Lindenberg und Grönemeyer - Schmidtke glänzt mit unnachahmlichen Parodien - hätten überhaupt keine Chance mehr und müssten sich von Bohlen auch noch dumme Sprüche gefallen lassen. Die Rettung wären Themen-Alben beispielsweise an Weihnachten mit Klassikern wie Grönemeyers "Bethlehem, ich komm' aus Dir" und "Gebt dem Christkind das Kommando" oder das Oster-Album von Lindenberg mit Hits wie "Nach Deiner Kreuzigung geht's weiter, am dritten Tag ..."

"Würstchen to fly"


Im "Leistungsfernsehen" spiegle sich die Leistungsgesellschaft. Was Schmidtke aber die Frage aufwerfen lässt, was Leistung eigentlich sei. Die Antwort ist ganz einfach: Alles, was man dafür erklärt - inklusive aller Paradoxe. "Ich habe den Eindruck, dass als Leistungsträger nur die Geldträger gesehen werden", stellt er fest. Leistungen in der Leichtathletik seien ganz schwer auszumachen: Denn was leiste schon ein Speerwerfer, der nichts trifft: "Und wenn er etwas trifft, dann wird es disqualifiziert." Noch bitterer sei es für den 400-Meter-Läufer, denn der komme nach 45 Sekunden wieder genau dort an, wo er gestartet war. Immer wieder bremst sich Schmidtke selbst her, sinniert über die Absurditäten von Geschwindigkeit. Neben dem "Coffee to go" gebe es sicherlich auch bald das "Würstchen to fly" und als Zweitgetränk den "Sprinter-Latte".

Auch in anderen Feldern werde unter Umständen das Tempo einziehen, die Urne werde man dann nur noch als "Asche to go" kennen. Ständig gehe es den Menschen ums Zeitsparen, das Bahnfahren sei so ein Thema, wenn es schnellere Verbindungen gebe. "Zeit kann man gar nicht sparen, man ist vielleicht nicht so lange unterwegs", stellt er fest.

Untrennbar verbunden mit den Themen Zeit und Tempo ist der "Workaholic", der in Powerpoint-Präsentationen träumt und auf dessen Grabstein "Mein erster fester Wohnsitz" stehen wird. "Überarbeitet sein ist heute ein Statussymbol", so Schmidtke. Um sich selbst neue Power zu geben, würden Eltern ihren Kindern das Ritalin weglutschen. Ausführlich widmet sich Schmidtke auch den schwäbischen Wirtschaftsflüchtlingen in Berlin, der ganz besonderen Pegida-Logik ("Asylanten wollen nicht arbeiten, Asylanten nehmen uns die Arbeitsplätze weg!) und der Macht der Drohnen. Kräftiger Applaus für einen grandiosen Auftritt.
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