Hubert Burghardt bei der Futura
Die Entlarvung des Gut-Menschen

Immer wieder schlüpfte Hubert Burghardt in unterschiedliche Rollen wie zum Beispiel den Trinker, um seine feinsinnigen Wortspielereien optisch zu verstärken. Bild: ubb
Kultur
Windischeschenbach
12.04.2016
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Von Ulla Baumer

Windischeschenbach. Um die Intelligenz seiner Zuhörer zu testen, gestattet sich Kabarettist Hubert Burghardt eine Reihe seichter Witze. "Damit will ich das Niveau des Abends finden. Sie entscheiden!", schmunzelt er von der Futura-Bühne herunter. Der Test verläuft selbstverständlich in der von ihm vorgegebenen Richtung: Bei "abfallenden" Witzen kommt prompt Protest. Selbst schuld: Ab jetzt erfordert Burghardts feinsinnige Hintergründigkeit ständiges Mitdenken. Zurücklehnen und sich berieseln lassen ist nicht!

Ausgefeilte Pointen


Feingezeichnet ist Burghardts hintergründige Gedankenwelt über eine Gesellschaft, die den Blick fürs Wesentliche verliert. Der Bühnenentertainer präsentiert ausgefeilte Pointen, oft nur langsam "verdaulich". Sekundenlange Stille im Saal (zum Nachdenken) sind vorprogrammiert. "Na? Jetzt aber", freut sich der Mann auf der Bühne schelmisch, ist sein Publikum dem Sinn der Sache auf die Spur gekommen. Für "Nachher will's keiner gewesen sein" benötigt Burghardt nur sich selbst, einen schwarzen Stuhl, ein Klavier und einen Kleiderständer mit Hausmeistermantel, Hawaiihemd, Koffer und den Bierbauch zum Umhängen für die klassische "Ich-bin-ein-Säufer"-Szene. Griechenland, Türkei, Angela Merkel, der übertriebene Gesundheitswahn, Flüchtlinge, die konsumverdorbene Gesellschaft, Schwarzgeld sind sein geistiges Gepäck.

Hochfeiner Humor


Am Klavier wird's sentimental. Warum nur muss der Mensch älter werden? Der 57-Jährige vergleicht sich mit den großen Männern der Welt. Denen blieb das auch nicht erspart. Aber wirklich: Welches Privileg, überhaupt 50 zu werden! "Mozart zum Beispiel, der starb 15 Jahre früher."

Vor der Pause noch geht es um die "Beschlagnahmung von wehrlosem Vermögen" durchs Finanzamt, das es zu retten gilt. "Schön, dass Sie noch da sind", meint Burghardt nach der Pause. Nun, es gibt noch keinen Grund, frühzeitig zu gehen. Denn endlich dreht der Dortmunder richtig auf. Die Köpfe rauchen, der sarkastisch-hochfeine Humor sucht sich seinen Weg in die Gehirnzellen der Zuhörer, was zum ersten Zwischenapplaus führt. Ich liebe meinen Nächsten und lasse ihn leben, wie er das möchte?. Nein, wirklich nicht. Toleranz geht nur, wenn es die anderen betrifft. Burghardts unschlagbar einfach-banales Gegenargument: "Fährt dann einer mit 80 vor einem her, ist es schon wieder schwierig mit Toleranz." Gartenidylle pur wird besungen.

Aber wer möchte schon zwischen Geranien, prallen Karotten im Gemüsebett und Sonnenschein gerne hören, dass gleichzeitig Flüchtlinge im Meer ertrinken? Während der perfekte deutsche Bürger sein Kaffeechen luxuriös auf der Gucci-Gartencoach schlürft, bitte Katastrophen ausklammern! Burghardt bohrt im Gewissen des Publikums, bis es weh tut und endet mit einem Wortfindungsmarathon.

Jetzt darf herzhaft gelacht werden. Der Bühnenakteur wird zum Möchte-gerne-Reichen, der jedes zweite Fremdwort falsch ausspricht. Das war die Zugabe, es darf kräftig geklatscht werden. Schön, diese geistige Herausforderung statt Dumm-Berieselung an der Flimmerkiste. Wir können's doch noch, das mit dem Denken, oder?
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