Mathias Tretter glänzt bei Futura Windischeschenbach durch Intelligenz, gepaart mit virtuoser ...
Der Hang zur Selbstdarstellung

Ein umwerfender Kabarettist: Mathias Tretter begeisterte mit seinem Programm "Selfie" das Futura-Publikum restlos. Man darf seinen Auftritt getrost unter der Rubrik "Die besten Vorstellungen bei der Futura" einreihen. Bild: prh
Kultur
Windischeschenbach
14.03.2016
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"Selfie" entpuppt sich am Freitag und Samstag bei der Futura als Programm, das über zwei Stunden beste Unterhaltung garantiert, serviert von einem umwerfenden und bestens aufgelegten Kabarettisten Mathias Tretter. Darin geißelt er den Zwang zur Selbstinszenierung in einer postdemokratischen Gesellschaft.

Saal und Bühne sind stockdunkel. Plötzlich ertönt das gewaltige Vorspiel zum "Fliegenden Holländer" aus der gleichnamigen Oper von Richard Wagner. Oder hätte Mathias Tretter doch zu leichterer Musik, vielleicht von Mozart, einmarschieren sollen? "Mozart geht gar nicht. Wer will schon mit einem Österreicher einmarschieren?" Ein Standpunkt, mit dem er gleich zu Beginn klar macht, was er will: ein scharfzüngiges, satirisch geistvolles und sprachlich auf höchstem Niveau liegendes Programm präsentieren.

Das gelingt Tretter auch mühelos. Das Make-up des Unterfranken ist die Komik. Keine plumpe oder schlichte, sondern eine überaus intelligente. Dahinter steckt ein hervorragender Kabarettist, ein kluger Kopf, präziser Beobachter und Analytiker. Seine sprachliche Ausdrucksfähigkeit und sein brillanter Wortwitz begeistern das Publikum von Beginn an. Scharfsinnig seziert der Künstler mit chirurgischer Präzision narzisstische Abgründe in Politik, Gesellschaft und Weltgeschehen.

Schauspielerisches Talent


Zu seinem kreativen Potenzial zählt auch sein schauspielerisches Talent. Er parodiert seit zehn Jahren Angela Merkel und nimmt dabei selbst die "Merkellähme", das zeitweise Herabhängen seiner Mundwinkel, in Kauf. Er hat das "Permafrostlächeln" Ursula von der Leyens drauf oder am Ende als Höhepunkt einen Klaus Kinski, der den Zuhörern die Lachtränen in die Augen treibt. Mühelos wechselt er in Typen wie den Franken Ansgar oder den Sachsen Rico.

Zu dritt lassen sie kein Thema aus. Ob IS, Flüchtlingsproblematik ("Einen echten Syrer erkennt man an der Liebe zu Angela Merkel"), Klimawandel, die Entvölkerung ostdeutscher Regionen, soziale Medien, Religionen oder ost-west-deutsche Gegensätze. Die kennt Tretter besonders gut, da er in Leipzig lebt. Er nimmt die dortigen "Hipster" mit ihrer pädagogisch übertriebenen Kindererziehung auf die Schippe, ebenso die "Freelancer" ("Faulenzer") oder die krampfhaft lustigen Radio-Morning-Shows. In auf eineinhalb Minuten begrenzter Sendezeit gibt er Faust wieder und beklagt dabei den Niedergang der Sprache, die sich auf ein Minimum an Inhalt reduziert hat. Aber zurück zur eigenen Selbstdarstellung: Was kann er tun, um berühmt zu werden, damit ihn die Tretterianer vergöttern wie es die Wagnerianer mit ihrem Komponisten tun? Da genügt ein Selfie, ein Foto, das man jetzt auch wieder mit ausgestrecktem Arm machen darf, nicht. Im Übrigen ist es von der Apotheose zur Apokalypse nur ein kleiner Schritt.

Apokalypse ist längst da


In einer mitreißenden Predigt schlägt der Kabarettist als Dalai Lama eine Patchworkreligion mit dem Besten aus allen Weltreligionen vor, ein Leben ohne Online-Shopping. Sein Abschluss-Credo lautet: Die Postdemokratie ist inzwischen eigentlich längst in der Apokalypse angekommen: Die größte Flüchtlingszahl seit dem Zweiten Weltkrieg, der höchste CO2-Ausstoß, 1,5 Milliarden Chinesen, die unseren Standard wollen, eine Milliarde Menschen, die Hunger leiden, und das Zika-Virus.

Am Ende erntet Tretter großen Applaus, den er sich nach einem Programm, das mit seinen nahtlosen Übergängen dramaturgisch absolut durchdacht ist, redlich verdient hat.
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