Reiner Kröhnert verbindet in "Mutti reloaded" schauspielerisches Talent mit intelligentem ...
Wenn die Angela beim Wladimir anruft

Kultur
Windischeschenbach
12.10.2015
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"Testosteron war gestern, die neue Mutti-Weltordnung kommt" verkündet Kanzlerin Angela Merkel selbstbewusst aus dem Mund ihres Imitators Reiner Kröhnert. In "Mutti Reloaded" steht sie aber nicht, wie vielleicht vermutet, alleine im Mittelpunkt.

Im Gegenteil: Der Kabarettist und glänzende Parodist hat sich eine wahrlich illustre Schar weiterer Promis eingeladen. Er präsentiert diese in einem hinreißenden Programm, gespickt mit intelligentem Wortwitz und schauspielerischen Höchstleistungen.

Stimme und Haltung

Reiner Kröhnert hat sie alle drauf - und wie. Stimmliche Veränderungen, typische Körperhaltungen, Gesten oder Augenaufschläge lassen das Publikum in Sekundenbruchteilen erkennen, in welche Person er gerade geschlüpft ist. Mit wenigen treffenden Sätzen arbeitet er die Charaktere seiner Opfer heraus. In rasender Geschwindigkeit wechselt er die Rollen, inszeniert Zwiegespräche, kleine Sketche, demontiert gekonnt so manche Fassade von Politikern, Schauspielern oder Sportlern.

Seit über zehn Jahren arbeitet sich der gelernte Schauspieler an der Kanzlerin ab. Doch seine Paraderolle wirkt nicht abgedroschen oder langweilig. Sie erscheint dagegen ewig jung und immer aktuell. So lässt er der "Mutti Theresa" einen Mundwinkelwitz nach dem anderen entfahren. "Ich bin die Mutti aller Flüchtlinge. Wer an meine Türe klopft, dem wird aufgemacht. Es gibt keine Obergrenze, außer für Eduard Snowden."

Etwas unappetitlich sonnen sich Ronald Pofalla und Peter Hinze im Speichelnebel der Kanzlerin und arbeiten sich durch die Darmwindungen tief ins Epizentrum ihrer binären Schaltkreise vor. Salbungsvoll verkündet Joachim Gauck ("Eitel bin ich überhaupt nicht - obwohl ich allen Grund dazu hätte"), dass es im Krieg nicht wie auf einem Ponyhof zugeht, oder stellt Dany Cohn-Bendit fest, dass Putin Johannes Heesters auf dem Gewissen hat.

Der Drachmentöter

Schäuble ("Es ischt wie es ischt. Dass es so ischt wie es ischt, ist die Crux") fühlt sich wie Wolfgang der Drachmentöter und schimpft auf Varoufakis "mit seinem Randale-Rucksäckle auf dem Schuldebuckel". Michel Friedman und Rüdiger Safranski talken in "Der Intellekt hat viele Gesichter" mit philosophischen Größen wie Boris Becker, Dieter Bohlen und Daniela Katzenberger. Franz Beckenbauer wird auf die Sklaven und die erwarteten Toten bei den Bauarbeiten zur Fußball-WM in Katar angesprochen: "A bisserl Schwund gibt's immer" und "Schaun mer mal". Friedmanns Feststellung: "Den Furz im Gehirn schmeckst du als erstes auf der Zunge."

Eine schauspielerische Meisterleistung zeigt Kröhnert bei Klaus Kinskis theatralischem Monolog. Von der Fistelstimme Honeckers steigt er hinab in den tiefen burschikosen Brustton Gerd Schröders oder lässt die drei Altvorderen Hans-Dietrich Genscher, Hans-Jochen Vogel und Rita Süßmuth die heutige Politik analysieren. Köstlich!

Außer Mutti Merkel mischen 22 weitere Parodie-Opfer mit. Sie sorgen beim Publikum für Heiterkeit und Lacher am laufenden Band. Doch Kröhnert überzeugt an diesem Abend nicht nur mit seiner schauspielerischen Mimik. Er bietet auch eine ganz feine Art politischer Satire mit großem Wortwitz und geschliffenen Sätzen.

Anruf bei Putin

Am Ende sind sich wohl alle einig, hier einen ganz Großen seiner Zunft erlebt zu haben. Als Zugabe telefoniert Angela mit Putin, denn sie hätte für Horst Seehofer gerne mal etwas Nachhaltiges in der Hand und würde dafür auch eine anonyme Edward-Snowden-Infospende leisten.
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