Severin Groebner serviert unangenehme Wahrheiten über deutsch-österreichische Befindlichkeiten
Ein Wiener im Exil

Severin Groebner überzeugt mit humorvollen Vergleichen, Charme und einer Portion Schmäh. Bild: prh
Kultur
Windischeschenbach
19.10.2015
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Man merkt gleich, er kommt nicht von hier. Severin Groebner ist ein Wiener, eine echte "Mehlspeis'". Er lebt seit vielen Jahren in Deutschland und kennt sich deshalb aus mit den deutsch-österreichischen Befindlichkeiten.

In seinem kurzweiligen Programm "Servus Piefke" (übersetzt: "Hallo Deutschland") deckt er die wechselseitigen Animositäten auf, ohne das eine oder andere Land vorzuführen. Er schaut den Leuten aufs Maul und skizziert am Freitagabend auf der "Futura"-Bühne in Windischeschenbach das pralle Leben kabarettistisch überspitzt und klug.

Grölendes Herdentier

Dazu kommt noch sein Wiener Dialekt, der seinen hinterhältigsten Gedankengängen einen gewissen Charme verleiht, ohne jedoch zu entschärfen. Bei den notwendigen Übersetzungen steht ihm sein Sampler Roland Mustermann zur Seite. Der erklärt, dass "leiwand" das wienerische Wort schlechthin ist und somit das Gegenteil von "Oasch".

Groebner warnt die Deutschen davor, sich nur im Entferntesten am Wiener Dialekt zu versuchen, denn "leiwand" kommt aus dem Munde eines Piefke daher, als wolle er eine Wand leihen. Nein, bei "leiwand" muss das rollende "l" aus dem Mundwinkel seiner "Bapp'm flutsch'n" - ohne darüber nachzudenken.

Der schlaksige Mittvierziger, der in Grinzing aufgewachsen ist, trifft im 38er Bus erstmals auf den Piefke. Er erlebt ihn als saufendes und grölendes Herdentier, furchtbar laut. Er als Wiener dagegen ist in seiner Stadt des Todes mit dem morbiden Charme eher ruhig und tut am liebsten den ganzen Tag nichts und das sehr intensiv. Die österreichische Innenpolitik nennt er ein "Osttiroler Kasperltheater", die Nationalratswahl den Gegenbeweis von Schwarmintelligenz und die Österreichische Volkspartei vergleicht er mit dem Vatikan im Mittelalter.

Neidisch auf den Fleiß

Vielleicht ist das der Grund, dass er 1999 nach Deutschland auswandert, in ein Land, von dem der gemeine Österreicher nur weiß, dass es dort eine Mutti als Kanzlerin gibt. Aber hier lässt man den Auswanderer ausreden, hört dem Gegenüber gar zu. Das kannte er bislang nicht. Er ist neidisch auf den Fleiß der Hin- und Herhetzer, Schaffer und Erfinder im Land der organisierten Anarchie. Die Wiener dagegen "motschern und seiern" (jammern), sitzen Jahrzehnte lang in schlecht beleuchteten Café-Häusern, ernähren sich von Sachertorte und sind recht "schiach" (die Steigerung von hässlich), wenn sie in der Welthauptstadt des "Schiachen" ans Tageslicht kriechen.

Während er den Deutschen einen Minderwertigkeitskomplex in Sachen Sex andichtet, kennen die Wiener nicht einmal den Begriff. Hier wird nur "geschnackselt". Nach herrlichen zwei Stunden bleibt die Erkenntnis, dass in beiden Ländern "alles gleich anders" ist.
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