Sigi Zimmerschied am Schafferhof
Kabarett im Einklang mit dem Schicksalsfluss

Kultur
Windischeschenbach
31.10.2016
53
0

Neuhaus. Brav ist er geworden. Könnte man meinen. Mit seiner Umgebung ist er im Reinen. Könnte man meinen. "Ich hab' keine Feindbilder mehr", stellt Sigi Zimmerschied am Freitagabend auf der "Schafferhof"-Bühne in Neuhaus fest. Fast nimmt man es ihm ab - zumindest in den ersten zehn Minuten seines aktuellen Programms "Tendenz steigend - Ein Hochwassermonolog".

Es ist dramaturgisch und sprachlich ausgefeiltes Kabarett, das Zimmerschied präsentiert - und damit eindrucksvoll beweist, dass er nach wie vor zu den besten seiner Zunft zählt. Sein imaginärer Partner auf beziehungsweise hinter der Bühne ist der Inn, dieser "grünlich schimmernde, sonnenflirrende und kieselbringende Intimus". Ruhig fließt er anfangs dahin, Pegelstand normal, Tendenz gleichbleibend. Und doch hat man auch im Hinterkopf, welche Hochwasser-Katastrophen in den vergangenen Jahren immer wieder mit dem Fluss verbunden waren. So lange er beschaulich durch Bayern fließt, läuft auch Zimmerschied auf "normalem" Level. Aber wehe die "Tendenz steigt" und der Inn wird zum zerstörerischen Gewässer! Dann dreht auch Zimmerschied auf - und plötzlich sind auch wieder die alten und neuen Feindbilder da.

Bischof als Lieblingsopfer


"Wer Facebook und Twitter für einen sozialen Fortschritt hält, ist intellektuell auf dem Niveau von Fliegen, die auch jeden Scheißhaufen für eine Kommunikationsplattform halten", stellt er fest. Ein stattliches Ziel von Zimmerschieds Giftpfeilen ist der "Wiehbischif" - gemeint ist damit der meist lächelnde und in einer WG lebende Passauer Bischof Stefan Oster. Zu Beginn seines Programms meint der Niederbayer noch: "So ein Hoffnungsträger ist doch eine Katastrophe für das Kabarett. Der bietet doch keine Angriffsfläche." Doch Zimmerschied wäre nicht Zimmerschied, würde er nicht doch noch Ansatzpunkte für Messerscharfes und Beißendes finden. Gelegentlich zwar auch derb und hart an der Gürtellinie, aber, um den Kabarettisten selbst sprechen zu lassen: "Man muss auch einmal unter Niveau lachen können!"

Beißender Spott


Ihr Fett bekommen so ziemlich alle weg an diesem Abend - neben dem Passauer Bischof sind dies auch Politiker, der arbeitslose Banker, die lesbische Tochter mit ihrem Sohn Nelson Elton Maria, der Computer-Nerd mit der Begeisterung für die Orientalistik und Kalifen-Fantasien. Auch die Besucher im Schafferhof sind vor beißendem Spott nicht sicher - da genügt es schon Smartphone-Besitzer mit mehr als zehn Apps zu sein.

Immer weiter redet sich Zimmerschied in Rage, immer höher steigt der Inn-Pegel an. Alleine schon die Gestik und Mimik des Kabarettisten sind preiswürdig - am Abend vor dem Schafferhof-Auftritt hat Zimmerschied den Kulturpreis Bayern der Bayernwerk AG und des Bayerischen Kultusministeriums in Amberg verliehen bekommen. Der Irrwitz nimmt immer mehr Fahrt auf, die Katastrophe kommt unweigerlich näher. Charaktere, Orte und Themen wechselt Zimmerschied in atemberaubendem Tempo, der Inn-Pegel steigt und steigt.

Bis es dann plötzlich heißt: "Tendenz fallend". Und auch die kabarettistische "Ur-Gewalt" Zimmerschied wird wieder ruhiger und milder, arrangiert sich mit den Gegebenheiten - sogar mit den Österreichern. Nur bei seinem "Lieblings"-Kommunalpolitiker macht er eine Ausnahme: "Der bleibt a Depp. Er möchte ja die Mehrheit vertreten!"
Weitere Beiträge zu den Themen: Kabarett (100)Sigi Zimmerschied (1)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.