Brigitte Herrmann flieht zweimal

Brigitte Herrmann blättert gerne in ihren alten Aufzeichnungen. Noch heute bewahrt sie die Tagebücher auf, die sie damals in einem tschechischen Arbeitslager geschrieben hat. Bild: mic
Lokales
Windischeschenbach
10.10.2015
68
0

Brigitte Herrmann wischt sich eine Träne aus dem Auge. "Ich war glücklich, als ich gesehen habe, wie den Flüchtlingen in München geholfen wurde", erzählt sie. Die Ereignisse berühren die 94-Jährige sehr. Auch sie musste einmal fliehen - 1945 aus ihrer geliebten Heimat Schlesien.

Wie so viele, die vor 70 Jahren Schreckliches erlebt haben, konnte auch Brigitte Herrmann lange nicht über den Zweiten Weltkrieg und die schwere Zeit danach sprechen. Erst als sie vor ein paar Jahren ein Bekannter animiert, kramt sie ihre Tagebücher von einst hervor und bringt ihr Leben in Schlesien, die Flucht und die Haft in einem tschechischen Arbeitslager zu Papier. "Danach hatte ich keine Albträume mehr", erzählt die alte Dame. "Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich geträumt, dass ich nachts über Zäune gesprungen bin oder in einem Flugzeug ohne Türen nach Amerika fliegen musste." Mit Hilfe ihres Enkels Thorsten Bergler veröffentlichte sie 2011 ihr Buch "Meine Flucht aus Schlesien und nach Kriegsende Zwangsarbeit in der CSR".

Brigitte Herrmann, geborene Kuhn, kommt am 12. April 1922 in Prausnitz in Niederschlesien zur Welt. Rund 1000 Einwohner leben in dem kleinen Ort im Boberkatzbachgebirge, einem Ausläufer des Riesengebirges. Die Seniorin denkt heute noch gerne an ihre unbeschwerte Kindheit in der "Kornkammer Deutschlands" zurück. Sie erzählt von ihrem zwei Jahre älteren Bruder Georg, der im Krieg fiel, ihrer warmherzigen Mutter, dem Mittelpunkt der Familie, ihrer geliebten Oma, "eine sehr belesene Frau", und ihrem Vater, der viel fotografiert hat. Einige seiner Aufnahmen, die die Familie retten konnte, sind im dem knapp 100-seitigen Büchlein abgebildet.

Ihren Ehemann Walter Herrmann, mit dem sie nach dem Krieg 50 Jahre lang in der Hauptstraße in Windischeschenbach einen Schreibwarenladen betrieben hat, lernt sie in Kowno in Litauen kennen. Dort muss sie in den letzten Kriegsjahren als Stabshelferin Dienst für ihr Vaterland leisten. In Kowno entsteht auch der so wichtige Kontakt in die Oberpfalz, in der die Familien Kuhn und Herrmann Jahre später eine neue Heimat finden. Die junge Frau mit der sich Brigitte eine Wohnung teilt, stammt aus Neustadt/WN.

Als Anfang 1945 die russischen Truppen immer näher rücken und bereits ostpreußische Flüchtlingstrecks durch Schlesien ziehen, drängen die Eltern ihre Tochter, Richtung Westen zu fliehen. "Mein Onkel Höher brachte mich und Walter damals bei klirrender Kälte im Pferdeschlitten zum Bahnhof", erinnert sich die 94-Jährige. "Ich hatte Blinddarmentzündung, mir tat alles weh."

In einem Zug, der nur mit Akten beladen war, gelangen sie bis kurz vor Chemnitz. Walter muss wieder zu seiner Einheit, Brigitte kommt bei einem Geschäftsfreund des Vaters in der Nähe unter, wo sie ihre künftige Schwiegermutter sowie die Schwägerin mit ihrem Sohn Winfried trifft. Es folgen schreckliche Nächte im Luftschutzkeller. "Wir drückten uns eng aneinander und zitterten bei den Detonationen der einschlagenden Bomben", schreibt sie in ihrem Buch. "Fliegeralarm bei Tag und Nacht, der Himmel Richtung Dresden und Chemnitz ein Feuermeer. Wir wollten nur noch weg."

Wohnung in Pappenfabrik

Immer wieder macht ihr der Blinddarm zu schaffen. Eine Operation in einem Krankenhaus ist in den letzten Kriegsmonaten unmöglich. Dennoch schaffen es die vier bis nach Neustadt, wo sie eine Nacht bei den Eltern der früheren Kameradin verbringen. Am nächsten Tag lassen sie sich in einem Flüchtlingslager in Weiden registrieren und bekommen dann Gasthauszimmer in Windischeschenbach zugewiesen. Der damalige Bürgermeister vermittelt ihnen sogar eine Wohnung in der Pappenfabrik.

"Eigentlich war ich ja schon in Sicherheit", erinnert sich die Autorin. "Doch ich machte mir große Sorgen um meine Eltern." Als sie im Radio hört, dass in Eger die ersten Flüchtlingstrecks aus Schlesien eingetroffen sind, kennt sie kein Halten mehr. "Mich verfolgte nur ein Gedanke - ich muss meine Lieben suchen und finden." Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie nicht, dass das eigentliche Grauen erst beginnt.

Zerfetzte Häuserwände

Am 30. März 1945 erreicht sie das zerbombte Dresden. "Hier verlor man jegliche Orientierung. Die Straßen waren mit qualmenden Schuttbergen zugedeckt, die Erde heiß, der Teer aufgeweicht. Ich stieg über verkohlte, winzige Leichen. Die Totenstille und der Mond, der durch die zerfetzten Häuserwände schien, machten mir unbeschreibliche Angst. Ich weiß noch, welches Glücksgefühl ich hatte, als ich plötzlich einen Menschen auf mich zukommen sah."

Wenn Brigitte Herrmann heute über ihre schrecklichen Erlebnisse spricht, bleibt sie erstaunlich ruhig. "Man muss es annehmen", sagt sie. Diesen Rat habe sie einst von einer tollen Freundin bekommen.

Das Schicksal der vielen Flüchtlinge der Gegenwart bewegt sie dagegen mehr. Die 94-Jährige verfolgt die aktuelle Situation im Fernsehen, vor allem am Sonntag, wenn die ARD den "Weltspiegel" zeigt. "Ich finde es schade, dass Angela Merkel jetzt so angegriffen wird. Ich verehre sie. Sie ist eine Frau mit Herz und Verstand."

Zurück in die Vergangenheit: Nach vielen Strapazen findet die junge Brigitte ihre Eltern in Spatzschütz, einem kleinen Dorf in Schlesien wieder, wohin sie mit anderen Prausnitzern geflüchtet waren. "Finde wenig Gehör, wenn ich von Windischeschenbach berichte und dass wir dort eine Wohnung haben", schreibt sie damals resigniert in ihr Tagebuch. Da es ihr nicht gelingt, die Eltern zur Flucht zu überreden, kehrt sie Anfang April 1945 noch einmal nach Windischeschenbach zurück, um einige Sachen zu holen.

Tote Säuglinge

Die Front rückt näher. Der Treck muss weiter. Hunger, Kälte und Schmerzen bestimmen den Tagesablauf der Familie. Als der Krieg am 8. Mai 1945 zu Ende geht, verschlechtert sich die Lage für schlesische Flüchtlinge noch einmal. "Die Russen und Tschechen trieben uns auf den Straßen hin und her", erinnert sich die 94-Jährige. "Wir waren Freiwild. Ich habe beobachtet, wie Mütter ihre toten Säuglinge einfach am Straßenrand ablegen mussten." Immer wieder vergreifen sich russische Soldaten an Mädchen. "Mich hat der liebe Gott bewahrt. Ich bin nicht vergewaltigt worden."

Die Mädchen werden zu menschenunwürdigen Arbeiten gezwungen, müssen "auf Männertoiletten in Gaststätten das Erbrochene und die Bedürfnisse besoffener Russen wegräumen", vertraut Brigitte im Mai 1945 ihrem Tagebuch an. Die Familie wird getrennt, Mutter und Oma abtransportiert. Auf Gut Kleb in Kolin, 60 Kilometer östlich von Prag, trifft sie ihren Vater wieder, in einem Arbeitslager für Landarbeit.

Brot zur Wassersuppe

Fast tagtäglich schreibt die damals 23-Jährige in ihr Büchlein, das sie hütet wie einen Augapfel. "Der Tag war hart. Wenig Essen, eine Scheibe Brot zur Wassersuppe. Rücken und Hände schmerzen", lautet der Eintrag am 5. Juni 1945. "Es ist herbstlich kalt, die Hände starr und platzen auf, bei strömendem Regen Kartoffeln buddeln, nass bis auf die Haut. Fünf Stunden lang. Nachmittag Rüben raus zerren und abdrehen. Die Hände! Ich habe das Leben satt", schreibt sie am 3. Oktober 1945. Brigitte und ihr Vater wagen nicht mehr zu hoffen, endlich diesem Elend entfliehen zu dürfen. Auch in Kolin kehren die Blinddarmschmerzen zurück - wieder und wieder. Ein Arzt prophezeit ein komplizierte Operation. "Es heißt durchhalten."

Der Winter kommt und geht, es wird Frühling. Brigitte schreibt am 28. April 1946: "Ein Sonntag im Frühling. Alles grünt, blüht und duftet, und ich bin so traurig." Bis Ende Juli müssen Vater und Tochter in dem Lager schuften, bis die erlösende Nachricht kommt: "Wir dürfen raus!"

Doch bis sie in Windischeschenbach ankommen, dauert es fast noch einen weiteren Monat. Dazwischen liegen eine zweiwöchige Quarantäne in Demmin an der Ostsee und ein Zwischenstopp bei Verwandten in Berlin. 24. August 1946: "Völlig erschöpft kamen wir gegen 21 Uhr in der Pappenfabrik an. Das Wiedersehen mit den Lieben war überwältigend."

Hochzeit zu Weihnachten

Ihr Verlobter Walter Herrmann war ebenfalls bis 1946 in einem Gefangenenlager. Geheiratet haben die beiden Weihnachten 1946 in Windischeschenbach. Der Blinddarm machte ihr danach keine Schwierigkeiten mehr: "Den habe ich heute noch", schmunzelt Brigitte Herrmann.
Weitere Beiträge zu den Themen: Oktober 2015 (8435)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.