Ein Leben nach der Flucht

Lokales
Windischeschenbach
21.09.2015
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"All of your body is money." Wer kein Geld hat, um Schleuser anzuheuern, könne auch mit einer Niere bezahlen. Die Zuhörer hielten den Atem an, als sie von den Erlebnissen eines somalischen Jugendlichen erfuhren.

Das Kuratorium zum "Tag des Kindes" hatte in Zusammenarbeit mit der AWO, der SPD und dem Ortsjugendwerk in den "Oberpfälzer Hof" eingeladen. Jost Hess vom Arbeitskreis Asyl Weiden berichtete über "Kinder auf der Flucht" und von seiner ehrenamtlichen Arbeit mit Betroffenen.

SPD-Fraktionsvorsitzender Stefan Seitz las aus dem Bericht eines Jugendlichen vor, der bei seiner Flucht aus Somalia Erschütterndes erlebt hatte. Er bekam mit, wie sein Onkel und dessen Familie getötet wurden und er somit alles verlor und kein Zuhause mehr hatte. Um nicht auch Soldat werden zu müssen, beschloss er, sein Land zu verlassen. Man hätte eine Stecknadel fallen hören, als Seitz vortrug, was der Junge auf seiner Flucht über Addis Abeba in Äthiopien, durch die Sahara-Gebiet und den Tschad erleben musste.

Fluchthelfer-Gangs hatten Zahlungsunfähigen in Aussicht gestellt: "All of your body is money." Was konkret hieß, dass man auch mit einer Niere bezahlen könne. Der flüchtige Jugendliche harrte unter menschenunwürdigen Zuständen in einem Gefängnis aus und landete schließlich nach einer Schlauchboot-Fahrt über die Libysche See in Italien, wo es keinerlei Unterstützung gab. Hilfsbereit sei die deutsche Polizei gewesen. Seit Januar lebt der Junge in Weiden.

Jost Hess vom AK Asyl Weiden arbeitet seit 30 Jahren ehrenamtlich mit Betroffenen und hat viele aufrührende Flüchtlingsgeschichten erlebt. Von 60 Millionen Menschen, die wegen Verfolgung, Unterdrückung, Krieg und Not aus ihren Heimatorten flüchten, befinden sich 40 Millionen im eigenen Land oder einem Nachbarstaat. 20 Millionen treten einen weiten Fluchtweg an, 30 Prozent sind Kinder unter 18 Jahren. "Keiner hat es sich ausgesucht, wo er geboren wurde", sagt Hess.

Im Rückblick auf die Anfänge seiner Arbeit im Februar 1985 erinnerte der Referent sich daran, dass eine Willkommenskultur damals nicht vorhanden war und die Arbeit mit Flüchtlingen nicht akzeptiert wurde. Mäuschenstill war es im Publikum als er von einem Jugendlichen erzählte, der im Gefängnis gefoltert worden war. Als sein Asylantrag aufgrund fehlender Beweise abgelehnt wurde, versuchte er sich das Leben zu nehmen, da sowohl die Vergangenheit als auch Zukunft grau waren.

Ein weiteres Beispiel war die jesidische Familie aus dem Irak, die mit Kindern vier Monate auf der Flucht war und die in einem Video mit ansehen musste, wie der IS den Großvater enthauptete. "Oberstes Gebot ist, traumatisierten Familien und Kindern festen Boden unter den Füßen zu geben." Auch Roma und Sinti aus dem Kosovo müssten unwürdig leben. Geflüchtete könnten hier erstmals ihre Kinder zur Schule schicken und bekommen gesundheitliche Versorgung. Zu den Umständen der Flüchtlingsproblematik erklärte Hess, dass von den aus dem Welternährungsprogramm zugesagten Mitteln erst 35 Prozent geflossen seien. "Es ist menschlich und notwendig zu helfen."

Die Gäste kamen überein, man dürfe nicht nur reden, sondern müsse auch handeln. Ansprechpartner können das Landratsamt Neustadt oder die Caritas sein. Eigeninitiative und Kontakt müsste aber nicht von oben geplant werden, wie auch auswärtige Anwesende bestätigten, die in ihren Heimatorten bereits Erfahrungen gemacht haben.

Auch in Windischeschenbach gibt es bereits Personen und Gruppen, die sich schon Gedanken gemacht haben, wie Hilfe aussehen kann und dies umsetzen. Seitz dankte Hess mit einer Spende.
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