Gemauertes Loblied

Walpersreuth ist keine Metropole, glänzt aber seit 2012 mit einem Wahrzeichen. Acht Jahre hat es gedauert, bis Familie Sperber aus einer Hof-Ruine ein ländliches Refugium gemacht hat, das sich auf Hochglanzpapier in jedem Bau-und Wohnmagazin gut machen würde. Bild: Götz
Lokales
Windischeschenbach
17.06.2015
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Sprechen Bauherren von Denkmalschützern, ist oft steigender Blutdruck und der Wunsch nach Abwehrwaffen im Gesicht abzulesen. Bei Alexandra und Andreas Sperber war das anders. Sie haben in Walpersreuth einen Vierseithof restauriert. Die Denkmalschutzbehörde lobt das Paar dafür über den grünen Klee. Und umgekehrt.

Wie viel Geld die Familie in ihr Domizil aus den Jahren 1794/95 investiert hat, will die Hausherrin nicht sagen. Dass es wesentlich mehr war als für ein neugebautes Einfamilienhaus sieht der Besucher auf Schritt und Tritt. Was daneben auffällt, ist die sorgfältige Arbeit der Handwerker und Planer sowie die geschmackvoll puristische Einrichtung. Dinge, die auch, aber nicht nur mit Geld zu tun haben.

Die Denkmalschutz-Auflagen dagegen schon. "Wir wollten die Stallungen neben dem Wohnhaus zuerst abreißen, das durften wir nicht. Das hat es zunächst teurer gemacht. Dafür gab es aber Zuschüsse für den Mehraufwand", sagt Alexandra Sperber. Den Hof haben sie und ihr Mann 2002 entdeckt. Die Eheleute wohnen dort seit 2012 mit zwei Söhnen.

Sie hat den Blick fürs Ästhetische, er ist als Chef eines Windischeschenbacher Dachdeckerbetriebs vom Fach. Dank dieser Kombination haben die beiden wohl gesehen, dass das Anwesen seinen Zauber gut hinter Baufälligkeit versteckt hat. "Der Statiker hat uns später gesagt, dass das Gebäude wohl keinen Winter länger durchgehalten hätte."

Walpersreuth ist keine Metropole, glänzt aber seit 2012 mit einem Wahrzeichen. Acht Jahre hat es gedauert, bis Familie Sperber aus einer Hof-Ruine ein ländliches Refugium gemacht hat, dass sich auf Hochglanzpapier in jedem Bau-und Wohnmagazin gut machen würde. Bilder von Gerhard Götz


Jener Statiker Anton Landgraf aus Amberg hat den Eigentümern bescheinigt, einen "Sterbenden vom Totenbett" geholt zu haben. Diese Formulierung übernahm das Amt für Ländliche Entwicklung (ALE), als es die Adresse Walpersreuth 1 dieses Jahr für den "Staatspreis Dorferneuerung und Baukultur" des bayerischen Landwirtschaftsministeriums vorgeschlagen hat (siehe Kasten).

Doch bevor aus den Sperbers Preisträger wurden, mussten sie das Abenteuer Hausbau in gut ausgehärteter Form erleben. Insgesamt acht Jahre hat es gedauert. "Erst als wir die Bauunterlagen eingereicht haben, hat sich der Denkmalschutz eingeschaltet." Der hat wohl durch die Initiative der Sperbers erst gemerkt, dass ihm beinahe ein Juwel vor der Nase aus der Schatulle gekullert wäre.

Hinweise auf Lobkowitzer

Die Fräskante am riesigen Sichtbalken in der großen Wohnküche trägt die gleiche Handwerker-Handschrift wie die Balken im Alten Schloss der Lobkowitzer in Neustadt. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass es sich in Walpersreuth um eine Außenstelle des Fürstensitzes handelte. Zudem ist inzwischen nachgewiesen, dass es sich um den westlichsten Vertreter eines Egerländer Vierseithofs handelt, wie sie in und um Neualbenreuth typisch sind.

Die charakteristische Ochsenblut-Fassade des Egerländer Stils wäre indes gar nicht nach Alexandra Sperbers Vorstellungen gewesen. Sie hält es eher mit gedeckteren Farben. "Da ist uns der Denkmalschutz schon sehr entgegengekommen", freut sie sich über die weißgekalkte Fassade und das helle Grau an den Wänden im Innern. Töne, in denen sich das Haus auf den ersten Blick als freundlich, elegant, aber nicht überrenoviert vorstellt.

Holzbohlen statt Fliesen

Auch im Wohnzimmer, dem ehemaligen Pferdestall, pochte die Behörde nicht auf der reinen Lehre. Die Bauherren durften eine große Terrassentür einbauen und die vorgeschlagenen Terrakotta-Fliesen ablehnen. Stattdessen wählten die Bewohner breite Holzbohlen aus geseifter Douglasie für den Boden. Eine Versiegelungsart, die vor allem in Skandinavien üblich ist. Alexandra Sperber hat sie in Dänemark entdeckt. Derselbe helle Boden schmückt die Küche - ein raffinierter Kontrast zu den dunklen Fichtenbalken an der Decke.

Die Besitzerin ist dankbar: "Die Handwerker aus der Region, die uns der Denkmalschutz empfohlen hat, haben toll gearbeitet." Auch dort, wo man es nicht sieht. Um Feuchtigkeit vom Boden abzuhalten, die in einem Pferdestall keine Rolle gespielt hat, ist das Haupthaus zinnenartig untergraben. Zudem wurde eine Sockelleiste neu gemauert. Eine Heizleiste oberhalb des Bodens drückt Nässe weg, die von unten aufzusteigen droht. Geheizt wird mit Pellets.

Daneben ergänzen eine großzügige Ferienwohnung für bis zu sechs Personen, eine Sauna, eine Massageraum für Ayurveda-Anwendungen durch die Hausherrin und eine Streuobstwiese das Ensemble. Bald soll ein Bauerngarten für Kräuter und Salat dazukommen.

Die romantische Kulisse könnte ferner kulturelle Veranstaltungen wie Kammer- oder Jazzkonzerte, Vernissagen und Ausstellungen einrahmen. "Ich wäre da aufgeschlossen", sagt Alexandra Sperber, die selbst malt, Gitarre spielt und Yoga an der Volkshochschule Tirschenreuth unterrichtet. Ihr Mann singt in der Neustädter Vokalgruppe "CantArt".

Langweilig wird es in dem kleinen Püchersreuther Ortsteil also nicht. Allerdings wollen die beiden Jungs (12 und 8), wegen denen die Sperbers einst ins Grüne gezogen sind, allmählich nicht mehr so viel vom Landleben wissen. Der Große ist bereits im Internat bei den Regensburger Domspatzen, den Jüngeren zieht es auch dorthin.

Doch da sind noch viele Freunde von außerhalb, die regelmäßig vorbeischauen, die Eltern und nicht zuletzt die Dorfgemeinschaft. "Ohne die wäre das alles nicht zu bewältigen." Klar: Allein für die Rasen- und Gartenpflege braucht es Tage.
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