Matritzen und Pilze in Schule

Die Veränderungen, die die Dienstjubilare und Ruhestandsbeamten des Schulamtsbezirks erlebten, sind symptomatisch für Gesellschaft, Wirtschaft und Schule, stellte Schulamtsdirektor Josef Benker (rechts) bei der Feierstunde in der Stützelvilla fest. Bilder: Huber (2)
Lokales
Windischeschenbach
30.01.2015
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An die Zeiten von Episkop, Tageslichtprojektor und die AScho genannte Allgemeine Schulordnung erinnerten sich über 50 Lehrer in der Stützelvilla. Als Roland Schwertsik von Spiritus schnüffelnden Schülern berichtete, sorgte er für Heiterkeit.

Auf der Tagesordnung stand die Ehrung der Dienstjubilare und Ruhestandsbeamten des Schulamtsbezirks Weiden-Neustadt im großen Saal des Jugendtagungshauses. "Setzt man unser Dienstverhältnis mit einer Ehe mit dem Staat gleich, könnten wir Silber- oder Rubin-Hochzeit feiern", sagte Schulamtsdirektor Josef Benker.

Die versammelten Pädagogen hätten die bayerische Schulgeschichte mitgeschrieben und die Entwicklungen des Schulsystems loyal und mit großem Engagement mitgetragen. "Die Bekenntnisschulen und die ein- oder mehrklassigen Landschulen waren ihnen ebenso wenig fremd wie die durch die Gebiets- und Strukturreform gebildeten Grund- und Hauptschulsprengel sowie seit einigen Jahren die Schulverbünde im Mittelschulbereich."

Süßlicher Duft

Als Roland Schwertsik vor 40 Jahren als Berufsanfänger an die Bildungsstätte kam, roch es im Lehrerzimmer nach abgestandenem Zigarettenrauch. Dazu kam süßlicher Duft vom Spiritus der Matritzengeräte. "Die Schüler haben nach dem Austeilen an den vervielfältigten Blättern geschnüffelt", erinnerte der Rektor der Weidener Pestalozzi-Schule.

Computer gab es noch nicht, die Zeugnisse tippte man mit der Schreibmaschine. Tipp-Ex war dafür verboten. "Ein Vertipper in der letzten Zeile bedeutete, die ganze Beurteilung noch einmal zu schreiben." Ein strenger Schulleiter habe ihn dazu verdonnert, alle Zeugnisse erneut zu tippen, berichtete der Dienstjubilar. "Er wollte die Monate als Wort. Ich hatte sie mit Ziffern geschrieben."

Mit einer Tasche in der Hand kam der Pressather Schulrat über die Wiese in die Schule zu Ludwig Zerreis gelaufen, der als junger Lehrer in Mehlmeisel tätig war, berichtete der Ruheständler. "Wollen Sie Schwammer?", habe der Vorgesetzte den verdutzten Pädagogen gefragt. "Nein, ich habe nur ein Zimmer ohne Kochgelegenheit", antwortete Zerreis. "Schade", sagte der Schulrat und ging weiter seiner Wege.

Sieben Schulräte, aber nur drei Schulleiter erlebte Zerreis, der 42 Jahre in Kirchenthumbach unterrichtete. Als Fachwart Sport kam er in seiner aktiven Zeit mit vielen Lehrern im Altlandkreis Eschenbach zusammen. "Leider ist das heute in dem großen Landkreis nicht mehr so, dass man alle Kollegen kennt."

Mit einer Förderlehrerin wusste manche Schule in den 70er Jahren wenig anzufangen, berichtete Elisabeth Koch, die Benker ebenfalls um Erinnerungen aus früheren Schulzeiten gebeten hatte. "In Mitterteich waren offenbar lauter Klosterschüler, und auch in Wiesau hörte ich, dass man so jemanden nicht braucht." Im Laufe der Jahre änderte sich das. Koch arbeitete als pädagogische Reserve und kümmert sich in Windischeschenbach im mittlerweile 40. Dienstjahr um schwache Schüler. "Ich selbst gehe jeden Tag gerne in die Schule."

Es dürfe niemand aufs Gymnasium geprügelt werden, obwohl dessen Talente eventuell ganz woanders liegen, mahnte Landrat Andreas Meier. Der Trend hin zur Akademisierung solle relativiert und überdacht werden, wandte er sich an die Eltern. "Das Handwerk sucht händeringend Lehrlinge."

Gute Nerven und Sensibilität seien weiterhin eine wichtige Voraussetzung für den Lehrerberuf, sagte der Weidener Personaldezernent Reiner Leibl. Er lobte zugleich die Ruheständler für ihren lebenslangen Einsatz. "Die Schüler haben einen erfolgreichen Lebensweg einer guten Schullaufbahn zu verdanken."

Viele große Helferlein

Personalrat Manuel Sennert dankte den Pädagogen auch im Namen seiner Kollegin Elisabeth Graßler für ihre Geduld mit Schülern und Eltern, "die wir immer mehr brauchen". Er erinnerte an die viele Zusatzarbeit bei Gesprächen mit Müttern und Vätern, Schulsozialarbeitern, Erziehungsbeiständen und manchmal der Polizei. "Der Kreis, der sich um Kinder kümmert, wird immer größer."

Lebenslanges Lernen sei derzeit einer der wichtigsten Begriffe, sagte Schulrat Benker. "Wir leben in einem Zeitalter, in dem der Veränderungsdruck in Gesellschaft, Wirtschaft und in Folge natürlich auch in der Schule besonders intensiv ist." Jede Minute werde eine neue chemische Formel entwickelt, alle drei Minuten ein neuer physikalischer Zusammenhang entdeckt und alle fünf Minuten eine neue medizinische Erkenntnis gewonnen.

"Liebe Jubilare, wir versprechen Ihnen, dass Sie auch die nächsten Jahre in Ihrer beruflichen Flexibilität stark gefordert sein werden." Sollte es den Ruheständlern zu Hause zu langweilig werden, genüge ein Anruf, "und sie dürfen als Mobile Reserve wieder Schulluft genießen", ergänzte Benker schmunzelnd.
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