Japanische Kampfkunst
Beim Aikido gibt's weder Gewinner noch Verlierer

Aikido, die japanische Kampfkunst, kann durchaus spektakulär aussehen. Vor allem bei den Wurfübungen müssen sich die Teilnehmer auf dem Boden abrollen. In Windischeschenbach besteht seit 2000 die Möglichkeit, beim ATSV Aikido unter der Leitung von Ferdinand Schraml (Mitte, stehend) zu trainieren. Bild: hfz
Sport
Windischeschenbach
20.02.2016
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Die meisten Sportler können gar nicht anders. Gedanken wie "Den krieg' ich" schießen ihnen durch den Kopf, wenn beim Joggen ein Langsamerer vor ihnen läuft. "Beim Aikido gibt es das nicht", erklärt Ferdinand Schraml. "Es geht nicht ums Gewinnen oder ums Verlieren."

Donnerstagabend in der Turnhalle des Heilig-Geist-Kindergartens in Neuhaus: Bis auf das Klatschen, das zu hören ist, wenn einer der Sportler auf die Matte fällt, ist es ruhig. Niemand plappert, niemand flucht. Die Gruppe trainiert in Stille. "Die Hektik soll draußen bleiben", sagt Schraml, Leiter der Aikido-Abteilung des ATSV Windischeschenbach. Um die nötige Ruhe zu finden, beginnt die Stunde mit einer Meditation. Die Teilnehmer verharren dabei ein paar Minuten auf den Knien. "Das beruhigt die Gedanken", informiert Schraml. Im Aikido wird die Turnhalle als Dojo bezeichnet, "als einen Ort weg von der Welt".

Jeder ist gleich


Frauen und Männer trainieren gemeinsam. Alle tragen einen weißen Leinenanzug, den Gi. Die spezielle Kleidung hat zwei Vorteile: zum einen, weil jeder gleich ist. "Beim Aikido gibt es keine Unterschiede. Die Stellung des Menschen in der Welt ist egal - ob Handwerker oder Akademiker." Zum anderen ermöglicht der Anzug, bei den Übungen zupacken zu können. Ein paar tragen zusätzlich noch eine Art schwarze Hose darüber. "Das heißt Hakama, japanisch für Hose", weiß der Meister. "Eine Hakama darf ab dem 1. Kyu getragen werden." Anfänger beginnen im Jogginganzug. Den Gi müssen sie sich erst verdienen. "Nach ein paar Monaten sagt dann der Trainer: Jetzt darfst du dir einen Anzug kaufen."

Schraml leitet die Aikido-Gruppe seit Januar 2000. Der Abteilung gehören an die 20 Kinder, 10 Jugendliche und etwa 30 Erwachsene an. "Unser Sport ist keine Frage des Alters. Wir haben Mitglieder mit 25, 30, 40 und 60 Jahren, und ich bin mit 68 der Älteste."

Aikido funktioniert nur zu zweit. Es gleicht einem Rollenspiel. Einer übernimmt die Führung, der andere erduldet es. Dann wird getauscht. Ferdinand Schraml sagt die Übung an und führt sie vor, dann macht die Gruppe sie nach. "Es gibt über 500 Techniken", erklärt der Meister, dem das Bundeslehrerkomitee in Hennef Nordrheinwestfalen vor knapp einem Jahr den 4. Dan verliehen hat. Die Übungen tragen Namen wie "Kokyo-Nage" (Atem-Wurf) oder "Shiho-Nage" (Schwert-Wurf). In einer Stunde trainieren die Teilnehmer zwei bis drei Techniken mit den verschiedenen Varianten. Vieles sieht einfach, fast tänzerisch aus. Doch der Schein trügt. Wer voll bei der Sache ist, kann ganz schön aus der Puste kommen. Alle 4 bis 5 Minuten nimmt die Gruppe wieder den Kniesitz ein, verharrt kurz und konzentiert sich dann auf die nächste Einheit.

Anfänger fürchten sich vor allem vor dem Fallen. "Das brauchen sie nicht", schmunzelt Schraml. Neulinge werden ganz behutsam herangeführt. "Das ist ein philosophisches Problem. Die Wahrheit der Demut liegt auf dem Boden." In der Fallschule lernen Anfänger die Grundbegriffe des Vorwärts- und Rückwärtsabrollens.

Auch die Fortgeschrittenen in der Neuhauser Turnhalle legen nicht gleich los. Nach der Meditation stehen Dehnübungen und Gymnastik auf dem Programm. "Dabei geht es darum, den Körper und den Atem zu spüren." Wer sich entschließt, mit Aikido anzufangen, muss Geduld mitbringen. "Die ersten zwei Monate geht nicht viel vorwärts", weiß Schraml. "Erst wenn sich die Abläufe verfeinern, mechanisch werden, wird es besser."

Weg der Harmonie


Wettkämpfe gibt es im Aikido nicht. "Die Sportart ist immer aufs Defensive ausgelegt." Wortwörtlich bedeutet Aikido: der Weg (Do) der Harmonie (Ai) mit der Lebenskraft (Ki). Es besteht aber die Möglichkeit, seine Fähigkeiten bei Prüfungen zu beweisen. Wer sich für die japanische Kampfkunst interessiert, kann bei einem der Trainingstermine der ATSV-Gruppe vorbeischauen. Jeden Dienstag um 17.30 Uhr treffen sich die Kinder und um 19 Uhr die erwachsenen Anfänger in der Mehrzweckhalle. Donnerstags um 19.30 Uhr üben die Fortgeschrittenen in der Turnhalle des Neuhauser Kindergartens.

Was ist Aikido?Aikido ist eine Kampfkunst, die der japanische Großmeister O-Sensei Morihei Ueshiba (1883 bis 1969) gegründet hat. Aikido ist eine friedliche und gewaltlose Form der Verteidigung. Es gilt den Angreifer an den Punkt zu bringen, an dem er die Sinnlosigkeit seiner Aktion erkennt und seine feindliche Einstellung aufgibt.
Nach ein paar Monaten sagt dann der Trainer: Jetzt darfst du dir einen Anzug kaufen.Ferdinand Schraml
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